Wie man aus einer Idee vielerlei, aber nicht viel machen kann
In Josephine Pennicotts Familienroman „Dornentöchter“ wird ein Mörder gesucht, aber vieles andere gefunden.
Eigentlich soll der Leser ein Buch ja nicht nach seinem Einband beurteilen, aber Josephine Pennicotts Roman „Dornentöchter“ fällt im momentanen Einheitsbrei der Einbände sehr angenehm auf, denn der Verlag hat sich Mühe gegeben Der himmelblaue Schutzumschlag – mit Blumen und Vögeln bedruckt – weist einen Durchbruch auf, durch den man den eigentlichen Einband sehen kann: Darauf das Bild einer Frau, die auf ein Cottage zuläuft. Wie gesagt: Ein wirklicher Hingucker, der neugierig auf den Inhalt macht.
Der Einband ist jedoch das Einzige, was rundum positiv an diesem Buch auffällt. Alles andere hat einen schalen Beigeschmack und lässt den Leser unzufrieden zurück. Woran liegt es?
Um das zu beantworten, muss man sich zunächst den Inhalt des Buches zu Gemüte führen:
Die Australierin Sadie Jones kehrt gemeinsam mit ihrer Tochter in das alte Cottage ihrer Familie in Tasmanien zurück. Das Poet’s Cottage – so genannt, weil es seit jeher Künstler und Kreative aller Art beherbergt – hat in dem kleinen Fischerdörfchen Pencubitt einen seltsamen, ja unheimlichen Ruf, wurde doch dort einst Sadies Großmutter auf brutale Weise umgebracht. Seitdem soll es dort spuken. Sadie trotzt den scheelen Blicken der Einheimischen und beginnt, sich in dem Haus einzurichten. Außerdem möchte sie herausfinden, was damals wirklich passiert ist, schließlich war ihre Großmutter Pearl Tatlow eine berühmte Schriftstellerin mit einem sehr extravaganten Lebensstil. Langsam beginnt sie, die Geschehnisse der Zeit aufzudecken, und stößt dabei auf manch gut gehütetes Geheimnis der Dorfbewohner.
Wenn man das so liest, klingt der Roman nach einer Familiensaga à la Kate Morton. Deren Leser(innen) möchte die Autorin auch sicherlich ansprechen. Es sei gesagt, dass Josephine Pennicott selbst Tasmanierin ist und daher Leben, Land und Leute dieser kleinen Insel auf der anderen Seite des Erdballs sehr gut beschreiben kann. Das Land ist aber auch das einzige, was dem Leser wirklich nahe kommt, denn trotz der umfassenden und vielseitigen Schilderungen bleiben ihm die Charaktere seltsam fremd.
Der weibliche Hauptcharakter Sadie Jones wirkt immer recht unentschlossen und schwankt zwischen einer Frau, die weiß, was sie möchte, und einer Frau, die gerade ihre Mutter verloren hat und diese schrecklich vermisst, hin und her, manchmal schon mit depressiven Auswüchsen. Als dann noch ihr Ex-Mann mit seiner esoterisch angehauchten jungen Freundin auftaucht, akzeptiert sie dies ohne viel Aufhebens – was seltsam wirkt, schließlich erscheinen die beiden sehr plötzlich in Sadies neuem Refugium und richten sich dort häuslich ein.
Die anderen Bewohner des Dorfes sind ebenfalls sehr vielfältig angelegt, bleiben dies aber auch, nämlich: angelegt. Oft hat man das Gefühl, die Autorin brauchte gerade in diesem Moment noch einen Charakter, der dieses oder jenes Kriterium erfüllt, und schon taucht er wie durch ein Wunder auf.
Die einzige Person, die der Autorin wirklich gut gelungen ist, ist die exzentrische Großmutter, Pearl Tatlow. Der Leser lernt sie, deren Charakter und Leben noch dräuend über den Schicksalen der Lebenden liegt, in Form von Rückblenden und Tagebucheinträgen ihrer besten Freundin kennen. Diese zwei Ebenen sind glücklicherweise gut zu unterscheiden.
Pearl Tatlow selbst jedoch bleibt bei aller detaillierten Beschreibung irgendwie ungreifbar, unfassbar – auf der einen Seite die glamouröse Dame, die an dem langweiligen Leben in dem kleinen Fischerort zu ersticken droht, auf der anderen Seite die fantasievolle Schriftstellerin, für die Fantasie und Realität immer mehr in einander verschwimmen und die auf Grund dessen ihrer Familie, vor allem ihren Töchtern, Unglaubliches antut. Für einen heutigen Leser ist klar, dass sie unter einer schweren psychischen Störung leidet, für die Leute in den 30er Jahren war sie einfach nur verrückt. Diese Unfassbarkeit ihrer Person ist sicherlich gewollt, schließlich ist Pearl ein Geist, jener Geist, der im Poet’s Cottage spukt. Oder etwa doch nicht?
Die anderen Figuren des Buches erscheinen alle zu belastet, zu problematisch, zu neurotisch. Keiner, der nicht wenigstens ein mittelschweres Geheimnis mit sich herumträgt, eine Leiche im Keller hat oder ein traumatisches Erlebnis seiner Kindheit verwinden muss. Das geht dem geneigten Leser nach einer Weile auf die Nerven, denn man merkt, dass die Autorin mit ihren Figuren zu große Ambitionen hat.
Dies ist auch das größte Problem des gesamten Buches: Die Autorin wollte zu viel, und nun kann die Geschichte nicht entscheiden, was sie denn sein möchte. Wenn Sadie sich fragt, ob ihre Tochter genug gegessen oder ob der Umzug ihre Magersucht erneut wachgerufen hat, wenn in der Vergangenheit von den Untaten berichtet wird, die Pearl ihren Töchter angetan hat, versucht die Geschichte ein Familiendrama zu sein. Wenn jedoch das Haus knarzt und knirscht und in dunkle Umhänge gehüllte Gestalten durch den Garten schleichen, wenn in der Kapelle des örtlichen Herrenhauses eingemauerte Leichen gefunden werden, hat es den Anschein, als habe man einen Gruselroman vor sich. Und wenn Sadie sich mit der besten Freundin Pearls trifft und sie über die Vergangenheit ausfragt, um herauszufinden, wer der Mörder ihrer Großmutter ist, oder wenn eben jene beste Freundin in der Vergangenheit herauszufinden versucht, was mit dem Kindermädchen in Pearls Haushalt geschehen ist, so bemüht sich der Roman, ein Krimi zu sein.
Leider bleibt es immer bei einem Versuch, was den Leser sehr unbefriedigt und irritiert zurücklässt. Vor allem wird keine dieser Geschichten zu einem guten, zufriedenstellenden Abschluss geführt. Aber da das Ende in Rezensionen nicht verraten werden darf, sei hier zumindest gesagt, dass auch die esoterischen Einflüsse in dieser Akkumulation von losen Fäden und Ideen ihren Platz finden.
Die vielen losen Enden verwundern ein wenig, denn schließlich hat Frau Pennicott schon einige Krimis und Fantasy-Romane geschrieben, die allerdings noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Aber um der Kritik ein wenig die Schärfe zu nehmen: Bei all dem ist dieser Roman doch flüssig geschrieben und gut zu lesen, wobei – und der Rezensentin sei auch dieses kleine stilistische Monitum verziehen – manche Sätze doch sehr gewollt literarisch und poetisch klingen. Wie viel allerdings davon dem Übersetzer anzulasten ist, kann hier nicht beurteilt werden.
Dem Verlag anzulasten ist jedoch die seltsame Übersetzung des englischen Originaltitels. Aus „Poet’s Cottage“ macht der List-Verlag „Dornentöchter“. Töchter tauchen in diesem Roman genug auf, aber Dornen spielen keineswegs eine tragende Rolle. Ob der Verlag sich an die „Dornenvögel“ von Colleen McCullough anlehnen wollte? Wobei auch hier, abgesehen vom Handlungsort (aber Tasmanien ist ja auch nicht Australien) keine großen Parallelen ersichtlich sind. Die Rezensentin rätselt noch.
Alles in allem kann man „Dornentöchter“ von Josephine Pennicott lesen, wenn man eine anspruchslose, einfache Unterhaltung sucht. Man sollte dabei allerdings der Esoterik nicht allzu abgeneigt gegenüber stehen. Auf jeden Fall ist die preisgünstigere Taschenbuchausgabe, die sicherlich bald erscheinen wird, eher zu empfehlen, denn auch wenn der Einband noch so schön ist, lohnt es sich kaum, das Geld für die Hardcover-Ausgabe auszugeben. Schließlich soll ein Buch nach seinem Inhalt, nicht nach seinem Einband bewertet werden. Und der Inhalt ist leider bei aller Liebe, trotz der schönen oder vielleicht gerade wegen der vielen Ideen, bestenfalls knapp über dem Mittelmaß.