Inhalt
Jari hat noch nicht viel erlebt in seinem Leben: Schule, Tischlerlehre bei seinem Vater, die Spitzendeckchen seiner Mutter, seinen besten Freund Matti – keine Mädchen, jedenfalls nicht ernsthaft. Aber jetzt soll sich das ändern, denn Jari beschließt, drei Wochen lang durch die Natur zu wandern und anschließend ein nettes Mädchen kennenzulernen.
Sein Plan gelingt, jedenfalls fast. Er ändert nur die Reihenfolge: Er trifft das Mädchen gleich zu Beginn seiner Wanderschaft – sie heißt Jascha, ist das „schönste Mädchen auf der Erde“ und nimmt ihn mit zu einem abgelegenen Haus im Wald – und Jari bleibt bei ihr, viel länger als drei Wochen.
Doch bald schon wird Jaris lebendig gewordener Traum zu einem Alptraum. Jascha spielt verwirrende Spiele mit ihm, taucht mal hier und mal dort auf, lässt ihn im dichten Nebel allein und verabreicht ihm Wein und Fliegenpilze, bis Jari kaum noch klar denken kann. Wie viele Jaschas gibt es eigentlich? Und zu wem gehören die Gräber, die Kreuze, die Knochen, die Jari im Wald findet? Wurden die Toten von den Wölfen und Bären gerissen? Und welche Rolle spielen die Jäger, die Jascha in den letzten Jahren beschützt haben? Zwei von ihnen scheinen inzwischen tot zu sein – und der dritte Jäger? Der dritte Jäger muss sich erst noch entwickeln ...
Meine Meinung
Erst vor kurzem habe ich „Der Märchenerzähler“ gelesen, ein Buch, das mich nachhaltig begeistert hat und bei dem ich noch immer einen kleinen Seufzer von mir gebe, wenn mein Blick über das Cover streift. Also habe ich mich schnell entschieden, als nächstes „Solange die Nachtigall singt“ zu lesen.
Auch die ersten schlechten Rezis konnten mich nicht davon abhalten, und haben mich nur dazu gebracht, dass ich mir selbst eine Meinung bilden wollte.
Tja, was soll ich sagen: Ich verstehe, warum viele das Buch nicht mögen. Es ist düster und verstörend, den Leser begleitet ein mulmiges Bauchgefühl und manchmal fühlt man sich ein wenig verloren im Nebel der Geschichte. Es fällt schwer, den Figuren nahezukommen und an einigen Stellen im Buch muss man schwer schlucken und sich gut festhalten, um nicht allzu tief in den Abgrund zu sehen, der sich da auftut.
Aber dennoch muss ich das Buch auf gewisse Weise verteidigen. Mir kam beim Lesen immer wieder ein Gedanke in den Sinn: „Dieses Buch ist wie ein Kunstwerk, und als solches muss man es achten“. Die Geschichte ist wie ein Bild, das auf den ersten Blick schön aussieht und auf den zweiten Blick grässliche Details verbirgt.
Antonia Michaelis Stil ist wieder unverkennbar: Poetisch und bildgewaltig, genau passend, um das farbenfrohe Gemälde eines Herbstwaldes zu malen – hinter dessen Schönheit sich ein grausames Geheimnis versteckt.
Auch Jaris Charakter ist auf „malerische“ Weise gezeichnet – allerdings ist es anfangs nur ein Skizze mit wenigen Strichen: Der durchschnittliche Junge, der noch nichts erlebt hat, seine spießige Mutter mit ihren Spitzendeckchen und der wortkarge Tischler-Vater, für den nur handfeste Dinge Bedeutung haben. Das macht Jari am Anfang der Geschichte ziemlich nichtssagend. Er hat keine Probleme, er hat nichts zu verlieren und die Langeweile seines bisherigen Lebens schleicht sich ins Gefühl des Lesers. Als Leser hat man daran erst mal schwer zu kauen.
Aber ich denke, Antonia Michaelis wollte Jari genau so haben: Ein Junge, dessen Charakter noch wie ein unbeschriebenes Blatt ist, und der dringend nach Erfahrungen sucht, die ihn zu etwas Besonderem machen.
Jascha wird diejenige, die Jaris Charakter formt – nach ihrem undurchschaubaren Willen und ohne dass er sich dagegen wehren kann. Im Gegensatz zu ihm hat sie ein grausiges Schicksal hinter sich und nimmt ihn in einem Strudel aus Faszination und Alptraum gefangen. Er ist sich nicht sicher, ob er sie liebt, aber auf jeden Fall will er ihr helfen und merkt dabei gar nicht, wie sehr sie ihn manipuliert und zu Dingen treibt, die er von sich aus niemals getan hätte. Erst als es zu spät ist, sieht er, wie monströs die Geschichte ist, in die er hineingeraten ist – und dass er selbst zu einem der gefährlichsten Monster im Wald herangewachsen ist.
Dieses grundsätzliche Konzept der Geschichte finde ich faszinierend und meiner Meinung nach ist es auch gut umgesetzt. Aber ich verstehe schon, was den Leser daran enttäuschen kann: Jascha ist zu bedrohlich und unheimlich, um sie wirklich zu mögen – und Jari ist am Anfang zu langweilig und entwickelt sich später in eine Richtung, mit der man sich auch nur noch schwerlich identifizieren kann. Wenn man von dem Buch also erwartet, ganz nah bei den Figuren zu sein (wie zum Beispiel beim Märchenerzähler), dann ist die Enttäuschung schon quasi vorprogrammiert.
Ich habe lange überlegt, was den Figuren eigentlich fehlt, und was die Autorin anders hätte schreiben können, damit die Charaktere den Lesern näher gekommen wären. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Jascha nicht ganz so geheimnisvoll gewesen wäre. Wenn sie Jari mehr von sich erzählt hätte, so dass er sich tatsächlich in sie verliebt. Er war sich dessen immer unsicher und für den Leser hat es sich auch nicht wie eine Liebesgeschichte angefühlt. Aber wenn es eine gewesen wäre, hätte man sich leichter identifizieren und mitfiebern können. Jaris Entwicklung wäre wesentlich nachvollziehbarer und tragischer gewesen, wenn sie „der Liebe wegen“ stattgefunden hätte und die Leser es so gut mitempfinden können, dass sie es „genauso“ gemacht hätten.
Bei „Der Märchenerzähler“ ist diese Balance sehr gut gelungen und hat den Leser auf einen moralisch zweifelhaften Weg mitgenommen. Bei „Solange die Nachtigall singt“ bleibt der Leser weitgehend außenstehend und so manche unmoralische Tat steht so abstoßend da wie sie tatsächlich ist. Wobei die abstoßenden Momente auch auf Jari wirken, so dass ausgerechnet das am Ende die Momente sind, in denen man ihm am nächsten kommt.
Fazit:
Eine bizarre Geschichte, die Schönheit und Grausamkeit miteinander zu einem dunklen Märchen verwebt und den Leser in die Parallelwelt eines undurchdringlichen Waldes entführt.
Ich vergebe 4 Sterne für ein poetisch geflochtenes Kunstwerk, das man als solches achten muss. Einen Stern Abzug gebe ich für die Figuren, denen ich gerne näher gekommen wäre, um ihre zweifelhafte Entwicklung besser mitempfinden zu können.