Abgestürzt
Der Klappentext hatte mich gereizt: Ein schlafwandelndes Mädchen, das in den 60er-Jahren mit seiner Mutter Isabel und dem angehendenStiefvater zur Genesung in die Berge reist, nach Fuchsbichl am Fuß des Himmelsspitz, der auch auf einer alten Postkarte von Isabel zu sehen ist. Das roch stark nach einer interessanten Geschichte, mit viel Rätselei um in der Vergangenheit begrabene Geheimnisse. Außerdem kündigte das Cover einen „Alpen-Krimi“ an – na, da war das Buch praktisch schon gekauft.
Aber ach, während sämtliche anderen RezensentInnen am liebsten sechs Sterne vergeben möchten, bin ich mit dem Roman gründlich abgestürzt.
Mit den Figuren fing es an: Obwohl alle eine gut ausgearbeitete Story im Hintergrund haben, sind sie mir fern geblieben. Von Horst, dem besagten Stiefvater-Anwärter, der mir wie ein Abziehbild aus einem Edgar-Wallace-Film entgegenkeuchte, über Isabel, die statisch in ihrem verkorksten Leben steht, bis hin zum zahlreichen Personal von Fuchsbichl, dieser derben Bauernschar aus dem 19. Jahrhundert. Sagte ich, aus dem 19. Jahrhundert? In der Tat, genauso kommen sie einem vor, diese Gestalten, die doch von der Autorin in den 1940er-Jahren (bis in die 60er) angesiedelt sind, so reden sie und so verhalten sie sich. Extrem gottesfürchtig tuscheln sie vom Leibhaftigen, paaren sich wie die Viecher bei den Viechern im Stall und stapfen stumm oder unter saftigen Flüchen durch den Morast ihrer Sünden. Bis auf einzelne Momente des Aufbegehrens sind die Frauen natürlich Opfer und ertragen das Schicksal, das in diesem Buch allenthalben umgeht wie ein böser Geist. „Nur manchmal, während der langen Wintermonate, in denen der Frost Eissterne an die Fenster malte und die Bauern bereits beim Versinken der Sonne in ihre wärmenden Betten schickte, dann gab es doch so manche Nacht, in der Agnes schlotternd nach Wärme suchte, seine Hand gewähren ließ, wie ein braves Eheweib die Beine spreizte und den Schoß öffnete, genauso wie einst, in der Hochzeitsnacht.“
Das ist die Sprache, die dieses Buch beherrscht: altertümelnd und pathetisch, jedenfalls in meinen Ohren. Aber mei, in diesen Gebirgsdörfern bleibt halt die Zeit stehen und stockt wie saure Milch. Leider will ich für meinen Teil keinen Ganghofer lesen und keinen Luis-Trenker-Film anschauen, wenn ich zu einem heute geschriebenen Buch greife, und wenn schon Dialekt, dann bitte gscheit und nicht verstümmelt. Da soll keiner sagen: „Mir reichts, Leut, das war mein letzter Wettkampf, nochmals Schlumpenkönig werden, nein, das will ich net.“ Was hat obendrein das gewählte „nochmals“, das in gesprochener Sprache ohnehin nicht vorkommt, in so einem Satz zu suchen?
Die Brechung des Dialekts kann übrigens eine Verlagsentscheidung und muss nicht zwingend von der Autorin so gewollt sein. Wenn’s nur darum ginge, würde ich auch gar nichts sagen. Aber da liegt so vieles im Argen, dass ich mir einfach nur noch die Haare gerauft habe beim Lesen.
Die sich hoch auftürmende Dramatik, die Christiane Tramitz mit ihrer Sprache erzeugen will, verpufft spätestens an ungenauen Stellen wie dieser: „Doch es war nicht die Seele, sondern die Zeit, die sich über all jene senkte, die sie brauchten. Dort trat sie ihre lange, schwere Arbeit an. Sie setzte sich in die Herzen, um – ganz allmählich – Trauer, Verzweiflung, Wunden und kranke Seelen zu heilen, um böse Gedanken zu löschen, schlimme Träume in schöne zu wandeln, und um alte Wege zu sperren, damit neue begangen werden können.
Ja, sie bedeutete eine wundervolle Zeit. Für alle, für Isabel, Luis und Lea, für Agnes und Fertl und für die vielen anderen, die in dieser Zeit zugegen waren.“
Während der erste Absatz – trotz des Tempus-Fehlers mit „können“ – gut verständlich ist, gerät der zweite sofort in eine gewaltige Sinnkrise! „Sie“ (die Zeit?!) „bedeutete eine wundervolle Zeit“? „Für alle (…), die in dieser Zeit zugegen waren“??
Da kann der Plot noch so interessant, können die Fäden noch so kunstvoll verwoben sein – ich will so was nicht lesen. Auch die wirklich sehr akribische Beschreibung damaliger Räumlichkeiten hilft mir nicht darüber hinweg, dass ich die Figuren mehr als Karrikaturen und Klischees denn als echte Menschen empfinde. Und die deftigen Geschlechtsszenen (Sex oder gar Erotik möchte ich das nicht nennen) zwischen voyeuristischen Rubbelorgien seitens des Bösewichts und kuhwarmer Notbefriedigung sind – ich sag’s, wie’s ist – für mich einfach nervig und ekelhaft.
Wer hier ein authentisches mystisches Gebirgsdrama zu finden hofft, ist meiner Meinung nach an der falschen Adresse. Darum empfiehlt die Buchprüferin: lieber was anderes lesen.