Rezension vom 29.03.2011
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„Kein typischer Murakami“, hatte ich gelesen, was wie eine Warnung klang: Hast du noch keinen Murakami gehabt, fang nicht ausgerechnet mit dem an. Aber ich habe damit angefangen. Und konnte kaum wieder damit aufhören.
Kein Wunder bei gut 1000 Seiten, da dauert das mit dem Aufhörenkönnen naturgemäß etwas länger. Trotzdem bestand dieses Buch für mich aus 1000 Prozent reinem Lesevergnügen. Warum? Hm, lasst mich überlegen.
Waren es vielleicht die zwei Hauptfiguren? Da wäre Aomame, deren Name „grüne Erbse“ bedeutet und die hinter ihrem Job als Kursleiterin im Fitnessstudio ziemlich abgedrehten heimlichen Aufträgen nachgeht: Sie bringt böse Menschen um. Mit einer ziemlich abgedrehten Methode.
Und da wäre Tengo, der kleine Verlagsmitarbeiter, der einen inhaltlich vielversprechenden, aber schlecht geschriebenen Text lektorieren soll: „Die Puppe aus Luft“. Was ihn mit der Zeit auf reichlich seltsame Pfade führt.
Vielleicht waren es auch die nicht minder einprägsamen Nebenfiguren, von denen manche fast so wichtig wie die Hauptcharaktere sind: die junge Fukaeri, die Autorin der „Puppe aus Luft“, mit ihrer autistischen Schweigsamkeit; die alte Dame, der Aomame ihre Aufträge verdankt; Tamaru, der Leibwächter der alten Dame; Komatsu, der leicht geldgeile Verleger von Fukaeris Werk ... Alles Menschen, die einen dank ihrer prägnanten Eigenarten durch den Roman ziehen und lange im Gedächtnis haften bleiben.
Vielleicht war es aber auch einfach die Atmosphäre. Zunächst scheint alles gar nicht so ernst. Selbst Aomames Killerjob findet seinen Ausgleich in der zum Niederknien komischen Beschreibung ihrer sonstigen Kampfkünste: „Vermutlich gab es nur wenige Menschen, die es zu einer solchen Meisterschaft darin gebracht hatten, einem Mann in die Hoden zu treten, wie Aomame. Tagtäglich hatte sie den Ablauf dieses Tritts genau studiert und es nicht an praktischen Übungen fehlen lassen. (...) Einmal bat Aomame einen Mann, ihr diesen Schmerz zu beschreiben. (...) ‚Es herrscht nur noch tiefe Ohnmacht. Alles ist düster und erdrückend, und es gibt keine Rettung.’“
Murakamis trockener Humor, der sich hier spiegelt, die Leichtigkeit seines Stils, die Beiläufigkeit, mit der er auch schwierige Themen vorträgt – auf all das war ich nicht gefasst. Ich hatte gedacht, Murakami zu lesen, würde mich in so eine Art komplizierte Zen-Klausur versetzen, wo ich jede Seite würde zehnmal studieren müssen. Aber Murakami überraschte mich.
Später überraschte er mich dann noch einmal – als das Buch nämlich immer düsterer wurde. Die unheimlichen Geschehnisse, die zu Fukaeris Buch geführt haben, der Sektenhintergrund, die Existenz einer – und das Eingeschlossensein in einer – Parallelwelt hinterlassen langsam, aber sicher ihre Spuren beim Leser. Nach zwei Dritteln konnte ich das Buch nur noch mit leichtem Herzklopfen aufschlagen.
Vermutlich war es also alles zusammen, was mich an dieses Buch gefesselt hat und enttäuscht aufstöhnen ließ, als nach 1022 Seiten Schluss war. Denn, wie inzwischen wohl bekannt: dieses Buch enthält Band eins und zwei einer Trilogie. Und nach Band zwei einfach genügsam im Regen stehen zu bleiben, ist gar nicht leicht.
Darum empfiehlt die Buchprüferin: Möglichst doch noch bis Herbst warten und dann bei allen drei Bänden zuschlagen! Aber so richtig.
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