Mehrfach las ich von begeisterten Lesern, sie hätten mit diesem Roman GENAU DEN erhalten, den sie von Dan Brown erwarteten. Auch ich hoffte, dem großen, später auch verfilmten Erfolg Sakrileg - The Da Vinci Code folgend, wieder auf eine gut ausgewogene Mischung aus spannend und mystisch erzählter, actionreicher Geschichte und einem anspruchsvollen und intellektuell stimulierenden Überbau kunsthistorischer, architektonischer und geografischer Aspekte.
Insbesondere Dan Browns Fähigkeit beim Leser immensen Wissensdurst auszulösen, machte den Hauptreiz des Romanes aus und hätte den Lehrkörper meines alten Gymnasiums vor Neid grün werden lassen. Leserscharen reisten real und virtuell um die Weltgoogle, erwarben Sachbücher oder Bildbände oder legten sich die illustrierten Romanausgaben zu. Bedauerlicherweise fielen die beiden Folgeromane schon etwas ab und so wuchs mit "Inferno" die Hoffnung auf ein Anknüpfen an den Mega-Erfolg.
Sechsundzwanzig Euro und ein Textdrittel später, zerplatzte zumindest MEINE Erwartungsblase und machte erst der Ernüchterung, dann purem Ärger Platz! Die leidenschaftslos und ohne Nervenkitzel erzählte Story wirkte wie eine Kopie der Vorreiter, lediglich mit Schauplatzwechsel. Der schöngeistige Rahmen erinnerte in seiner Faktendichte eher an eine akademische Doktorarbeit, als an einen THRILLER. Für das Verständnis der kruden Grundidee hätte der Autor nicht ein so gigantisches Wissensfüllhorn über uns ergießen müssen, es war letztlich der Fangschuss für das Gesamtwerk. An manchen Stellen fühlte ich mich aufdringlich belästigt von langweiligem, oberlehrerhaftem Gelaber des Historikers und Symbologen Langdons und den prahlerisch detailverliebten Passagen, deren italienischer O-Ton manchmal unübersetzt blieb. Wenn der Satzinhalt bedeutungslos genug war, ihn NICHT zu übersetzen, hätte er auch gänzlich unerwähnt bleiben können. Meine Hoffnung "Überraschen Sie mich, Mister Brown" blieb bis zum anstrengenden, konstruierten Ende unerfüllt.
Oh, ja das Ende! Ohne es zu verraten, sei es nur mit dem Gefühl verglichen, das ein Kind haben muss, dem das Märchen vom Rotkäppchen vorgelesen wurde, um ihm am Schluss zu offenbaren, Rotkäppchen sei eigentlich eine Massenmörderin und der böse Wolf in Wirklichkeit ein verkleideter Superagent, der mit einer Täuschung Rotkäppchen das Handwerk legen wollte. Also, alles war gaaaaaanz anders, als wir dachten! Die Lösung ist dann so dümmlich, dass nahezu das letzte Viertel des Werkes darauf verwendet wurde, uns doofen Lesern alles zu erklären.
Sicher, der Hardcore-Fan bekommt wieder Langdons wilde Jagd, natürlich an der Seite einer schönen, intelligenten und jungen Frau, durch die historischen Stätten dieser Erde (diesmal Florenz, Venedig und Istanbul), um Rätsel zu entschlüsseln und die Menschheit vor Schaden zu bewahren. Doch ist es falsch, darüber hinaus auf eine Weiterentwicklung des Autors zu hoffen, auf Innovation, auf echte Überraschungen? Die reizvolle Grundidee wurde nicht ausreichend geschickt ausgeschöpft und bleibt intellektuell weit hinter dem Fakten-Füllstoff zurück. Die effektheischerischen, aber nicht zündend formulierten Actionszenen rufen dabei nicht nur nach Hollywood, sondern schreien geradezu! Ausgelatschte Pfade und eine uninspirierte, eindimensionale Story sind in meinen Augen noch keine tragende Basis für einen THRILLER! Null Gänsehaut, null Thrill! Hatte Mister Brown erst pfundweise Fakten, in die er den flachen Plot einwob oder pustete er die dünne Story mit dicker Rechercheluft auf? Wir wissen es nicht und im Ergebnis kommt für mich daselbe raus. "Very sorry. Very sorry", Sie haben mich gelangweilt, Mister Brown!
Zwei Fleißsternchen vergebe ich für die anerkennenswerte, sehr aufwändige und zeitraubende Recherche und die Schreibarbeit der 682 Seiten. Damit honoriere ich durchaus das Talent des Autors bei mir, einem Menschen normaler Intelligenz und Neugier, Motivation zur "freiwilligen"(Weiter-)Bildung zu initialisieren, bzw. sogar en passant vieles zu lernen. Dante Alighieris "Göttliche Komödie" und Bildbände über Florenz und Venedig habe ich mir jedenfalls schon besorgt.
(T)