Rezension vom 21.08.2011
(5)
Das Buch ist - man kann es gar nicht anders sagen - "cool".
"Knarre mit Begleitmusik" ist ein Mashup aus einem hardboiled detective novel und einer science fiction-mäßigen Dystopie.
Die Handlung spielt in einer Welt, die gar sehr der unseren gleicht; nur wenige Aspekte haben sich gewandelt: (1) sind nahezu sämtliche Bürger der präsentierten Welt abhängig von diversen Drogen, die allesamt direkt das Wahrnehmungsvermögen des Konsumenten beeinflussen: Akzeptol, das dir hilft, deine Welt zu akzeptieren, Believol, dass deine skeptische Veranlagung unterdrückt, Avoidol, dass dich alle Widrigkeiten des Lebens umgehen lässt und weitere mehr. Diese Drogen sind vor allem Symptom; allgemein ist nämlich dies der Fall: Die Menschen sind dekadent geworden und nicht mehr willens, sich ernsthaft mit ihrem Leben auseinanderzusetzen. (2) Die "Evolutionstherapie" ist erfunden worden: Tiere werden mit ihr fähig zum menschen-ähnlichen Denken, zum aufrechten Gang und zum Sprechen; und wird sie auf Menschen-babys angewandt, entwickeln sich diese zu sog. "Baby-köpfen": annähernd erwachsene Rowdies in Baby-Körpern. Das waren eigentlich schon die Hauptsachen; in viel mehr unterscheiden sich diese und unsere Welt nicht.
In dieser Welt lebt auch Privatdetektiv Metcalf. Als eines Tages ein mutmaßlich fälschlicherweise eines Mordes beschuldigter junger Mann in sein Sprechzimmer kommt, beschließt Metcalf, sich dieses eigentlich aussichtslosen Falls anzunehmen - und gerät im weiteren Verlaufe immer tiefer in die Unterwelt Oaklands und in immer tieferen Konflikt mit Oaklands Polizei.
Was mich besonders an diesem Buch anzog, war Lethems Fähigkeit, auch die größte Absonderlichkeit natürlich wirken zu lassen - das Universum des Buches ist völlig schlüssig und in sich stimmig. Wie auch - und besonders - der Charakter Metcalfs. Stilistische Eigenart des hard-boiled detective-novels ist es ja, dass der Protagonist für gewöhnlich "hard-boilder" ist, als dass es eigentlich noch realistisch wirken könnte. Aber, wie gesagt, es ist nun mal eine stilistische Eigenart, und im Rahmen des Genres wird es ebenso akzeptabel wie etwa Zauberei in Fantasy-Romanen; umso mehr, wenn der Autor den Ton des Buches richtig trifft - und dies gelingt Lethem hier wirklich vorzüglich.
Ich könnte für dieses Buch jetzt werben, indem ich etwas in die Richtung schreiben würde wie "Eindrucksvoll macht das Buch eine verderbliche Tendenz unserer Gesellschaft sichtbar, indem es die letzten Konsequenzen dieser gesellschaftlichen Geisteshaltung aufzeigt" oder Ähnliches - und ohne Zweifel würde das auch stimmen. Aber "Knarre mit Begleitmusik" ist eigentlich kein Buch, über das man noch groß nachgrübeln würde, wenn die letzte Seite beendet ist; zu sehr überwiegen hier einfach die Merkmale der bloßen genre fiction. Also ist mein Fazit: Ein äußerst gut und unterhaltsam geschriebener pageturner, aber dennoch bei weitem nicht so groß wie "Festung der Einsamkeit" oder "chronic city". Trotzdem: Lesen!
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