== Wie ein schriller, bunter Comic, aber dennoch nicht ohne Tiefgang ==
Vor ein paar Monaten schenkte mir eine Freundin ein niederländisches Hörspiel, um so meine Niederländischkenntnisse aufzufrischen. Da sie kein Niederländisch spricht und darüber hinaus auch überhaupt nicht liest, griff sie einfach nach einem interessanten Cover und schenkte mir das Buch „Göttin der Jagd“ von Heleen van Royen: Ein voller Erfolg: Ich brauchte etwa 2 Wochen, um das Hörbuch (ausschließlich im Auto) zu hören, und dann hat es mich gepackt: Ich wollte mehr lesen von Heleen van Royen. Ich mag ihren Stil. Die emotionale Nüchternheit, mit der sie von den sexuellen Eskapaden ihrer Protagonistin berichtet, die nüchterne Offenheit, mit der sie auch über moralisch verwerfliche Aktionen spricht. Deshalb war ich mehr als happy, als ich für 1 Euro bei Ebay das Buch "Freie Wildbahn" von Heleen van Royen ersteigern konnte.
=== Die Autorin: Heleen van Royen ===
Heleen van Royen ist 1965 geboren und damit heute 44. Altersmäßig steht sie mir damit sehr nahe, und das mag zum Teil erklären, warum mir ihr Stil so gefällt. Sie hat Journalistik studiert und als Redakteurin beim Haarlems Dagblad, als Korrepspondentin beim Radio Noord-Holland und als Freelancer bei verschiedenen Zeitschriften gearbeitet. Zurzeit schreibt sie eine wöchentliche Kolumne im Amsterdamer Blatt „Het Parool“ sowie auf „Planet Internet“. Heleen van Royen ist seit 1992 verheiratet und lebt mit ihrem Mann in ihren beiden Kindern in Amsterdam und Portugal.
Ihr Debütroman „Die glückliche Hausfrau“ aus dem Jahr 2000 wurde mehr als 250.000 Mal verkauft und in 8 Sprachen übersetzt. Das Buch wurde als Theaterstück aufgeführt, und auch ein Film ist geplant.
Ihre Bücher
* 2000: Die glückliche Hausfrau
* 2003: Göttin der Jagd
* 2003: Je zal er mal mee getrouwd zijn („Imagine it’s your wife“, Kolumnensammlung)
* 2006: Freie Wildbahn
* 2007: Stout („Naughty“, gemeinsam mit Marlies Dekkers, Interviews mit 11 bekannten Niederländerinnen)
* 2009: De Mannentester
Heleen van Royen gilt als literarische Provokateurin, und genau das mag ich an ihr. Man sagt, sie schreibt eine ganz neue Art von niederländischer Literatur.
Weitere Infos über Heleen van Royen: http://www.heleenvanroyen.nl/
=== Freie Wildbahn: Äußerlichkeiten wie Preis, Verlag, Umschlag, Bezugsquelle ===
Cover
Das Cover dieses Buches ist so gestaltet wie auch schon das Cover von Heleen van Royens vorherigem Buch "Göttin der Jagd": Auf weißem Hintergrund sieht man die Zeichnung einer schönen Frau. Es ist auf den ersten Blick sichtbar, dass es sich um einen Frauenroman handelt, und man kann erahnen, dass es keine süße Liebesschnulze werden wird.
Preis und Bezugsquelle
Bei Amazon ist das Buch, eine weich gebundene Ausgabe, für 14,90 Euro erhältlich. Ich habe es bei Ebay für 1 Euro ersteigert. Ein Schnäppchen.
Umschlagtext
“Ich muss jemanden wiederfinden, der mir mal viel bedeutet hat: mich selbst.
Sie will endlich mal keine gute Mutter sein müssen, keine gute Ehefrau, keine gute Tochter, keine gute Angestellte. Zum ersten Mal im Leben tut Julia etwas Unverantwortliches und nimmt sich eine Auszeit – die ihr ganzes Leben in Frage stellt.
Aufbrechend, ausbrechend, lebensverändernd: Keiner schreibt so ungeschminkt und eindrücklich über das Leben der modernen Frau wie Heleen van Royen.“
Verlag, ISBN-Nr. und ähnliches
Verlag: S. Fischer Verlag
Originaltitel: „De Ontsnapping“
(c) 2006
Seitenzahl: 348
ISBN 13: 978-3-8105-1628-2
ISBN 10: 3-8105-1628-7
=== Der Inhalt ===
Die Protagonistin Julia de Groot ist 36 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Zunächst wirkt sie völlig normal: Sie arbeitet als Angestellte ihres Vaters in einem Immobilienunternehmen, das die besten Tage schon hinter sich hat. Das Gleiche gilt für ihre Ehe, die nicht nur völlig langweilig, sondern unter anderem aufgrund der mangelnden sexuellen Ausstattung ihres Ehemanns auch völlig leidenschaftslos ist. Julia wünscht sich nichts mehr, als es endlich auch mal mit einem Mann zu tun zu haben, der keinen "Mini-Penis" hat. Sie will etwas erleben!
Ihr ganzes Leben ist derart frustrierend, dass sie eine radikale Entscheidung trifft: Sie verlässt Mann und Kinder und fährt mehr oder weniger ziellos nach Portugal. Da sie im Geschäft ihres Vaters etwas Geld beiseite geschafft hat, hat sie nahezu unerschöpfliche Geldreserven und mietet sich in Portugal eine Designervilla. Auf der Suche nach einem Mann, der sie sexuell besser verwöhnen kann als ihre bisherigen Liebhaber, entscheidet sie sich nach den ersten köstlichen Flirt-Misserfolgen auf „Freier Wildbahn“, ihren Körper bei einem Schönheitschirurgen generalüberholen zu lassen. Mit dem Aussehen einer 10 Jahre jüngeren Frau gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit eines Mannes zu erregen, den sie für unwiderstehlich hält. Mit Romeo, Pornodarsteller und Betreiber eines "Love Service" mit einer frappierenden Ähnlichkeit mit Will Smith erlebt sie das, was sie bisher vermisst hat: Leidenschaftlichen, wilden Sex und – man sollte es kaum meinen – die Konfrontation mit sich selbst und ihrer Vergangenheit, die gar nicht so harmlos und wohlbehütet war, wie man es zunächst vermutet.
Ihr Bruder nämlich ist noch vor seinem zwanzigsten Lebensjahr an Krebs gestorben, und der Leser merkt es nach und nach, dass die Umstände seines Todes nicht so harmlos waren, wie man es anfangs vielleicht vermuten könnte.
Als Julia endlich mit der Vergangenheit abgerechnet hat gelingt es ihr, die "Mauer um ihr Herz" zu lösen. Sie kehrt zurück nach Amsterdam zu ihrem Mann und ihren Kinder und ist bereit, Ihr Leben mit neuer Energie weiterzuleben.
=== Meine Meinung ===
Ich bin gespaltener Meinung. Ich finde das Buch gut und schlecht zugleich. Vielleicht fange ich mit dem Schlechten an:
Das Schlechte
Julias Ausbruch, ihr Leben „auf freier Wildbahn“, wirkt unglaubhaft: Sie hat unerschöpfliche Geldquellen - das ist praktisch für die Geschichte des Romans, nimmt dem Leser jedoch die Möglichkeit, sich wirklich in die Protagonistin hineinzuversetzen. Welche normale Frau hat von jetzt auf gleich alles Geld, das sie braucht, um sich ohne viel Aufsehen alle möglichen und unmöglichen Dummheiten zu leisten?
Und die Dummheiten sind wirklich sehr dumm und (erneut) unglaubwürdig: In dem fast panischen Bestreben, endlich einmal wilden Sex mit normalen Männern bzw. Penissen zu haben, nimmt sie sich zwei kleinwüchsige Männer mit nach Hause: Das ist köstlich zu lesen und wirklich unterhaltsam, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Frau wie Julia so etwas wirklich täte. Hat Heleen van Royen hier einfach nur eine lustige Anekdote gesucht, um das Buch lustiger und lesenswerter zu machen?
Julia scheut nicht vor Drogen und Alkohol zurück, der Höhepunkt der Unglaubwürdigkeit erfolgt jedoch, als sie nach Belgien fährt, um sich dort Fett absaugen, die Brüste vergrößern und das Gesicht liften zu lassen. Das ist unterhaltsam und der Leser ist natürlich neugierig, wie der Vorher-Nachher-Effekt denn nun ausfallen wird. Das Ganze ist jedoch auch extrem, ich sagte es glaube ich bereits einige Male, unglaubwürdig.
Und dann Romeo: Ein toll aussehender Mann, ein Gigolo, ein Porno-Darsteller, der seine sexuellen Dienstleistungen für viel Geld willigen, einsamen Frauen anbietet. So etwas mag es geben, was ich jedoch nicht glaube ist, dass eine Frau wie Julia wirklich glauben kann, dass so ein Mann auf sein Geld verzichten könnte.
Viele der geschilderten Vorfälle sind so obskur, so an den Haaren herbeigezogen, dass ich die ganze Zeit denke (hoffe), dass die Protagonistin nur träumt. Dass sie aufwacht und dass dem Leser eine etwas glaubwürdigere Handlung vorgesetzt wird.
Das Gute
Das Buch ist absolut witzig zu lesen. Die oben als unglaubwürdig geschilderte Szene mit den "Zwergen" zum Beispiel ist so köstlich geschildert, dass ich sie bildlich vor den Augen hatte und beim Lesen kichern musste. Darauf muss man erst mal kommen!
Heleen van Royen versteht es, nicht nur lustig, sondern auch erotisch zu schreiben. Ihre Sexszenen sind glaubhaft und erotisch. Die Protagonistin Julia begehrt ihren Romeo so sehr, dass ich es beim Lesen nahezu schmerzhaft nachvollziehen kann: Ich will ihn auch!
Trotz aller Oberflächlichkeiten ist die Geschichte an keiner Stelle vorhersehbar. Und obwohl einzelne Situationen für mich unglaubwürdig sind, so erscheint das Leben von Julia als Ganzes betrachtet doch durchaus plausibel: Julia hat seit ihrer Jugend eine schwere Last mit sich herumzutragen, sie führt eine unglückliche, langweilige Ehe, sie flüchtet, sie findet sich selbst während ihrer Auszeit und sie kehrt als bessere Frau zurück in ihr altes Leben.
Julia wird bei ihren Aktionen immer wieder von Jimmy, ihrem verstorbenen Bruder, "heimgesucht", und der Leser ahnt, dass sein Tod eine größere Bedeutung für Julia hat, als er es eigentlich haben sollte. Heleen van Royen schildert Julias seelische Not so gefühlvoll langsam und eindringlich inmitten all der unglaubwürdigen, lustigen Anekdoten, dass die Geschichte tatsächlich an Tiefgang gewinnt. Der Leser liest einerseits von moralischem Verfall mit Sex, Drogen und Alkohol, er wird andererseits jedoch auch mit einer eindringlichen Ethikfrage konfrontiert, die die moralische Zügellosigkeit schon fast wieder kompensiert.
=== Fazit ===
Mir gefällt "Freie Wildbahn" und ich werde versuchen, mir Heleen van Royens neuen Roman "De Mannentester“ zu besorgen. Das Buch enthält viele skurile, unglaubwürdige oder dumme Handlungsstränge, mir kommt es jedoch so vor, als wären sie notwendig, um der eigentlich traurigen, intensiven Lebensgeschichte Julias die Form zu geben, die sie braucht, damit der Leser Spaß am Lesen hat.
„Freie Wildbahn“ ist einerseits ein schriller, bunter Comic, andererseits aber auch eine Geschichte mit Tiefgang, die eine Botschaft vermittelt: Verschließe Dich nicht vor unangenehmen Erinnerungen und ergebe Dich nicht dem Mittelmaß, sondern nimm Dein Leben selbst in die Hand. Nur wenn Du etwas änderst, kannst Du etwas ändern!
Ich gebe 4 Sterne, weil ich weiß, dass viele Leser von den Unglaubwürdigkeiten abgestoßen sein werden. Ich empfehle dieses Buch jedoch Frauen (oder Männern), die einen etwas unkonventionellen Frauenroman ohne die üblichen Stereotypen lesen wollen, dennoch aber nicht auf Humor und Erotik verzichten möchten.