Rezension vom 25.08.2009
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Die Geschichte an sich wäre wohl schnell erzählt: Im Zentrum stehen die Lisbon-Schwestern, die alle nach und nach Selbstmord begehen und die Menschen fassungslos zurücklassen in dieser kleinen Welt, aus der sie ausgebrochen sind. An dieser Stelle würde man nun erwarten, dass sich jemand, der den Mädchen nahegestanden hat, aufmacht um das Rätsel ihres Todes zu lösen - was so weit auch mehrheitlich richtig ist, bis auf ein kleines Detail, das später jedoch umso deutlicher wird.
So können die Jungen, die inzwischen schon einiges älter sind, einfach nicht aufhören nach dem Grund zu suchen. Auch Jahre nach dem Tod lässt sie das Geheimnis der Schwestern nicht los und fast schon gierig sammeln sie jedes noch so kleine Erinnerungsstück auf, das von den Lisbons zurückgelassen wurde. Als Leser steht man nicht als unabhängiger Betrachter irgendwo ausserhalb, nein, man gehört genau so dazu, sucht mit den Jungen nach Hinweisen und grübelt mit ihnen über mögliche Antworten nach. Indem der Autor die anfangs sehr gewöhnungsbedürftige 1.Person Plural geraucht, wird man noch stärker an diese Gruppe gebunden, wer auch immer diese Jungen genau sein mögen, denn einen konkreten Namen erfährt man nie. Das führt aber auch gleichzeitig dazu, dass man sich innerhalb der Geschichte selbst etwas verloren vorkommt. Zu niemandem hat man einen wirklich festen Bezug als Leser, mit keiner Figur könnte man sich identifizieren und auch ein wahrer Sympathieträger fehlt. Weder an die Schwestern, noch an die Jungen oder an das Geheimnis ihres Todes kommt man wirklich heran. Zusammen mit den anderen Jungen bleibt man verständnislos zurück und versucht vergebens die wahren Umstände aufzuklären. Durch diese Verlorenheit innerhalb der Gruppe selbst wird besonders deutlich, wie gross die Barrieren zwischen Menschen schon nur aufgrund ihrer unterschiedlichen Wahrnehmungen sein können. Bis zu einem gewissen Punkt fühlt man sich mit diesen Jungen verbunden und bis zu einem gewissen Punkt kann man auch die Geschichte der Mädchen mitverfolgen, doch was danach folgt - die Interpretation des Geschehenen - trennt einen wieder. Dieses Gefühl des Alleinseins, obwohl man mitten von Menschen umgeben ist, die wohl ähnlich denken wie man selbst, macht dieses Buch zu einer bedrückenden Lektüre und in diesem Gefühl besteht wol auch eine Parallele zu den Lisbons, die gegen das Ende innerlich völlig isoliert waren, nicht zuletzt auch wegen ihres äusserst religiösen Umfelds.
Trotzdem glaub man immer wieder einen Hinweis gefunden zu haben und immer wieder hat man das Gefühl, der Ursache näher zu kommen. Am Ende bleibt doch alles Interpretation und eigene Auslegung - und die wahren Umstände somit ungeklärt. Das Buch lässt ein bedrückendes Gefühl der Verständnislosigkeit und Ungläubigkeit zurück, denn bis zuletzt will man nicht einsehen, dass man wohl nie eine Antwort finden wird und auch auf der letzten Seite hofft man irgendwie noch, dass die Geschichte sich zum Besseren wendet.
Diese Lektüre hat mich wirklich sprachlos zurückgelassen und bis jetzt weiss ich nicht genau, was ich davon halten soll. Geschrieben ist es in einer sehr bildlichen Sprache, so dass man sich die Umgebungen und Gefühle gut vorstellen kann - bis auf die der Schwestern. Was mich ab und zu gestört hat, war, dass der Autor dem Leser weniger Platz gibt selbst die Symbole zu suchen. Meinstens nimmt er einem diese Arbeit ab, indem er zum Beispiel das Sterben der Fliegen direkt in Verbindung setzt zum Verfall der Familie Lisbon. Dennoch zeigt er eindrücklich die Auswirkungen, welche der Selbstmord der Mädchen auf ihre Mitmenschen hatte und dass es gerade zu unmöglich ist, jede Entscheidung und jeden Wendung im Leben eines anderen Menschen mitverfolgen zu können.
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