Rezension vom 30.09.2012
(6)
Richard Ford, der Pulitzer-Preis-gekrönte amerikanische Schriftsteller, hat eine weitere ausführliche Charakterstudie geschrieben, die des 15-jährigen Dell Parsons in den 1960ern. Dieser erzählt das dramatischste Jahr seines Lebens im Rückblick, in einer überaus ausführlichen Weise mit zahlreichen Wiederholungen – ein Stil, der dem Leser viel Ausdauer abverlangt.
Es ist die deprimierende Geschichte eines intelligenten Jungen und seiner eigenbrötlerischen Zwillingsschwester, seines Vaters Bev Parsons, einem ehemaligen Air Force Bomber und seiner jüdischen Frau Neeva, beide noch sehr jung und in einer überstürzt eingegangen Ehe gefangen. Nachdem Bev aus der Armee entlassen wurde und sich erfolglos als Autoverkäufer und Kleinkrimineller versucht hat, beschließen die Eltern, eine Bank in North Dakota auszurauben. Danach zu kehren sie zu ihren ahnungslosen Kindern nach Montana zurück, wo sie kurze Zeit später verhaftet werden und die Kinder allein zurückbleiben, mit der drohenden Aussicht auf eine Zukunft im Heim.
Der Leser erfährt von dem Bankraub sowie von zwei Morden und einem Selbstmord, die später erfolgen werden, bereits auf der ersten Seite des Buches. Aber es dauert über hundert Seiten, bis es dann zur eigentlichen Schilderung des dilettantischen Überfalls kommt und fast doppelt so lang, bis Dell in Kanada Zeuge der angekündigten Morde wird. Allerdings haben bis dahin durch die detaillierten und liebevollen Beschreibungen alle Figuren eine deutliche Gestalt angenommen. Auch Nebenfiguren werden in dem Roman so lebendig, dass sie lang im Gedächtnis bleiben. Ford zeichnet auch die entsprechende Zeit und die Örtlichkeiten so meisterhaft, dass man glauben könnte, einen anspruchsvollen Film gesehen zu haben. Auch verschmelzen die Landschaftsschilderungen und die Beschreibung der Seelenzustände in einzigartiger Weise.
Mir hat das Buch etwas gebracht, allerdings gehöre ich zu der Art von Lesern, die auch mit Begeisterung Manns Zauberberg oder Joyces Finnegans Wake verschlungen haben. Wer gerne handlungsreiche und kurzweilige Texte liest, sollte eher die Finger von dem Buch lassen. Den Titel "Kanada" finde ich irreführend, denn man lernt lediglich ein trauriges Kaff in Saskatchewan und einiges über die örtliche Entenjagd kennen.
Mehr
Weniger
0 Kommentare