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Abdrücke auf dem Asphalt
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"Dylan ging seine Seite der Dean Street mit gesenktem Kopf auf und ab und prägte sich die Schieferoberfläche ein. Ohne hoch zu schauen konnte er allein anhand des Musters, das sich zu seinen Füßen abzeichnete, sagen, wann er sich vor Henrys oder dem leerstehenden Haus befand: die langen schrägliegenden Platten oder die eine hervorstechende mondartige Form oder die mit Beton ausgebesserte Stelle oder das eingebrochene Schlagloch, das sich immer mit Regenwasser füllte, wenn die Sommergewitter kamen und die schwülen Nachmittage von einem Augenblick zum anderen in dunkle, elektrisierte Stücke schlugen."
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Die Abdrücke sind erfassbar, die Schatten und die Aushöhlungen. Die wirklichen Formen, die Straßen, die Menschen und ihre Gefühle entgleiten Dylan in Gowanus, dem schäbigen Teil Brooklyns, immer wieder. Die Zeit scheint dehnbar, aufgespannt zwischen den bröckelnden Fassaden über dem aufgeweichten Asphalt eines flirrenden Sommers zu liegen. Die Dean Street der 70er und 80er ist ein Mikrokosmos. Alte Puertoricaner sitzen an der Ecke auf Bierkästen, schwarze Jungen spielen Wandball, an beiden Enden der Straße spucken die Sozialbauten zuweilen einen ihrer Bewohner aus, der kleinen Jungen das Fürchten lehrt. "Manhattan ist das Sahnehäubchen, dafür ist Brooklyn ein aufgeklapptes Sandwich, dessen entblößte Stellen, von Tauben und Möwen ausgekundschaftet werden." In diese Szenerie versetzt Jonathan Lethem in "Festung der Einsamkeit" seinen sehr menschlichen Helden Dylan Ebdus.
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Bewegungen auf Celluloid
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Zunächst ist da noch Rachel, die Kette rauchende, fröhliche und unerschrockene Hippie-Mutter, die den einzigen Sohn mit ihren Emotionen "wie eine Weintraube zerquetscht." Sie ist der Grund, weshalb der einzige "Whiteboy" des Viertels hier ist: "Rachel hatte ein Programm, einen Plan. Sie war in den Straßen von Brooklyn aufgewachsen, und das würde Dylan auch." Bald darauf ist sie weg, hinterlässt einen Abdruck, ein Loch, das sich nur über Jahrzehnte füllen wird. Dafür zieht Mingus ins Nebenhaus: er ist der Sohn von Barrett Rude Jr., einem früher bekannten Soulsänger, und ebenfalls mutterlos. "Mutter ist verschwunden, aber der Junge hält alles zusammen", summt der Vater einmal.
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Die Festungen der Einsamkeit. Barrett Rude Jr. veranstaltet im Obergeschoß Kokspartys, die Droge reißt ihn aus dem Fluss der Zeit, der gegen ihn arbeitet. Dylans Vater Abraham Ebdus hat sich in den Dachboden zurückgezogen und malt am längsten animierten Avantgardefilm der Welt. In Zeitlupe bewegen sich die Dinge, auf Celluloid sind sie manipulierbar, dem schmerzhaften Zugriff der Realität entzogen. Auf diese prallen Dylan und Mingus immer wieder. Mingus ist schwarz. Dylan ist weiß. Mingus ist anerkannt im Viertel, Dylans Heimweg von der Schule dagegen ein täglicher Spießrutenlauf: "Warum glotzt du so blöd, Mann? Yo, Mann, bist du ein rassistischer Motherfucker?" Schwarz und Weiß. Manchmal ergibt das braun. Oder grau. Die Grenzen sind abgesteckt und doch verschwommen.
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Jonathan Lethem hat einen Roman geschrieben, der im sonnenaufgeweichten Asphalt von Brooklyn wurzelt, der aber viel Allgemeinmenschliches erzählt. Er handelt von der Festung der Einsamkeit, die das eigene Selbst ist. Von unser aller Urvater Abraham, der sich als Person entzieht. Von der Suche nach Rollen und dem Ablegen von zurechtgezimmerten Identitäten. Von der Angst vor Enttäuschungen, dem übergroßen Gefühl der Erwartungen und der Verantwortung, die auf Kinderschultern lastet. Von Antihelden, die Helden und Supermännern, die Verlierer sind. Von dem Versuch scharfe Konturen zu finden, beim Sprühen auf Wände, beim Zeichnen auf Celluloid, die doch immer wieder verschwimmen müssen.
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Die wirklichen Darsteller des Lebens
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Soul, HipHop und Punk, Graffiti und Breakdance – Lethem verwebt die subkulturellen Strömungen der 70er und 80er Jahre in die Handlung. Vielleicht fünfzig verschiedene Figuren ziehen durchs Buch. Beim Lesen hat man das Gefühl, sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegrüßt zu haben. Man streift sie, ist ihnen nah, verabscheut sie, vergisst sie wieder. Und vor allem: man muss auch immer wieder einfach lachen.
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In der zweiten Hälfte dagegen schildert Lethem die Entwicklung des erwachsenen Protagonisten durch dessen eigene Perspektive. Wohl mit der Absicht, seinen inneren Wandlungsprozess deutlicher herauszuarbeiten. Dabei durchbricht er die Assoziationsfelder, die er anfangs in den atmosphärisch dichten Beschreibungen der Umgebung Brooklyns und ihrer skurrilen Bewohner entfaltet. Erst gegen Ende entwickelt sich die Spannung wieder, in der die Hauptfigur zwischen Abdrücken und Formen, zwischen Abbildern und wirklichen Personen schwebt. Und dann stellt Dylan fest: "Sehr lange hatte ich gedacht, Abrahams Vermächtnis wäre auch meines: sich auf den Dachboden zurückziehen, ohne singen oder fliegen zu können oder zu wollen, nur um zu ordnen und zu sammeln, um in meiner Festung der Einsamkeit Statuen aus meinen verlorenen Freunden zu machen, den wirklichen Darstellern des Lebens."
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Er muss erst in das Gesicht des Freundes, wie in einen Spiegel schauen, um zu sehen, dass dieser ein anderer ist als er dachte, so wie er selbst. Die Wahrheit erschließt sich nicht im Schwarz-Weiß. Es gibt keine endgültige Wahrheit bei Lethem, aber es gibt das Leben, und ja, die Freundschaft: "Ein Zwischenraum öffnete und schloss sich mit einem einzigen Blick, wenn man blinzelte, verpasste man ihn."