Rezension vom 22.05.2013
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Benjamin Merz trägt seinen Namen zu Recht, ist er doch als Nachzügler geboren worden. Der jüngste seiner vier Brüder ist acht Jahre älter als er. Das hätte aus Benjamin ein verwöhntes Nesthäkchen machen können, aber leider ist es genau umgekehrt gelaufen, seine Brüder haben sich gegen ihn verbündet und ihn gequält. Auch den Eltern ist nicht aufgefallen, dass selbst sie den kleinen Benjamin benachteiligen und schlechter behandeln als seine Brüder. Zum Beispiel wurde nie gekocht, was er mag, es zählten nur die Wünsche der älteren Brüder.
Die Folge ist, dass der sensible Benjamin am Familientisch stumm bleibt und versucht, möglichst nicht aufzufallen. Etwas für sich einzufordern oder auch nur eine Frage zu stellen, ist ihm unmöglich. Auch in der Schule hat er Probleme, Kontakte aufzubauen.
Auf den ersten Blick ist es seltsam, dass ausgerechnet ein so schüchternes Kind sich der Ethnologie zuwendet und das Fach sogar als Professor lehrt, aber seine Fähigkeit, sich in Andere einzufühlen, macht ihn in seiner Fachrichtung erfolgreich.
Jedoch verbessert sich das Verhältnis zu seinen Brüdern dadurch nicht, denn sie sind als Anwalt, Arzt oder Apotheker noch erfolgreicher als er, besonders materiell. Nach dem Tod der Eltern bevormunden sie ihn noch mehr als bisher.
Das ändert sich, als Benjamin ein Forschungsprojekt auf Sizilien beginnt. Er mietet sich in dem für seine Dolci berühmten Ort Mandlica ein und führt im Rahmen der „Teilnehmenden Beobachtung“ Gespräche mit den Dorfbewohnern.
Nach und nach wird er Teil der Dorfgemeinschaft, und so, wie sich besonders die Frauen in den Gesprächen mit ihm öffnen, beginnt auch er, sich den Menschen, besonders den Frauen, gegenüber zu öffnen. Und dann tritt Paula in sein Leben.
Dieses Buch liest sich einfach wunderbar. Ortheil schreibt atmosphärisch dicht, er lässt Italien so plastisch vor dem inneren Auge entstehen, dass ich am liebsten sofort dorthin aufgebrochen wäre. Beim Lesen kann man fast den Duft der Zitronen riechen.
Man merkt dem Buch an, das hier sehr viel von der Lebensgeschichte des Autors eingeflossen ist. Es ist gefühlvoll und gleichzeitig reflektiert geschrieben, intelligent und glänzend formuliert, kurz, ein Lesegenuss, der lange nachwirkt.
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