Johannes' Augen leuchteten. Diesen Anfang kannte er, das war Herodot, das letzte Buch, aus dem ihm Doktor Opa vorgelesen hatte und das beim Übersiedeln verloren gegangen war, weswegen er drei Tage lang durchgeheult hatte. Doktor Opa hatte oft bekräftigt, wie wichtig es sei, immer zu hinterfragen und vor allem zu wissen, wieso ein Forscher etwas erforschte. Er selbst erforschte Würmer, weil er einen gehabt hatte und am eigenen Leib gespürt hatte, wie grausam das sein konnte. Herodot wiederum erforschte die Völker, Barbaren wie er sie nannte, um den Krieg zwischen den Griechen und den Nicht-Griechen verständlich zu machen und vor allem die Vorgeschichten zu zeigen.
"Blasmusikpop" erzählt von drei Generationen, die im kleinen Bergdorf St. Peter am Anger in den Sporzer Alpen leben und die Wissenschaft für sich entdecken. Mit Johannes Gerlitzen, einem Schreiner, beginnt die Erzählung, die zweite Generation bilden Johannes' Tochter Ilse und ihr Ehemann Alois Irrwein. Der größte Teil der Erzählung wird jedoch Johannes A. Irrwein, Johannes Gerlitzens Enkel, eingeräumt.
Johannes Gerlitzen entdeckt, als er einen Bandwurm hat, das Lesen für sich und wird allen Widrigkeiten und aller Skepsis der traditionell geprägten und bildungsfernen Dorfbewohner zum Trotz, der erste Arzt in St. Peter am Anger. Johannes A. Irrwein, sein Enkel, ist dagegen fasziniert von der Geschichtsschreibung und versucht seinem altgriechischen Idol Herodot nachzueifern.
St. Peter am Anger wird als Mikrokosmos beschrieben, als abgeschiedenes Dorf, das Neuerungen skeptisch gegenübersteht und in dem die Rollen nach wie vor klar verteilt sind. St. Peter am Anger ist ein in sich abgeschlossenes System, in dem jede Person wie in einem Ameisenvolk seine Aufgabe hat und dies sich über Generationen hinweg nicht ändert. Für die Männer ist nach getaner Arbeit das Wirtshaus zentraler Anlaufpunkt und Diskussionsort. Die Frauen, meist verhaftet in ihren Rollen als Hausfrauen und Mütter, treffen sich im Café Moni, um über die kulinarische Verpflegung des Dorfes bei Fußballspielen und kirchlichen Feiertagen zu beratschlagen.
Die drei Generationen der Gerlitzens/Irrweins wollen sich nicht recht in das Dorfgefüge einpassen, denn ihr Wissensdurst bzw. ihre "Andersartigkeit" passen nicht zum Traditionsbewusstsein des Dorfes, in dem niemand sonst Abitur gemacht, geschweige denn studiert hätte und das Wort der Dorfältesten immer noch mehr zählt, als irgendetwas sonst.
Nach einer unglücklichen Wendung beginnt Johannes A. Irrwein nach dem Vorbild Herodots, die Geschichte der "Bergbarbaren", wie er die Bewohner St. Peter am Angers nennt, zu erforschen und aufzuschreiben. Sein Notizbuch ist gleichzeitig Symbol seiner Abnabelung bzw. seiner Distanz zu den Dorfbewohnern.
Zum Ende des Buches zieht schließlich die Popkultur in St. Peter am Anger ein. "Pop" leitet sich ab vom lateinischen "populus", das Volk. Popkultur steht für gesamtgesellschaftliche Phänomene, die sich vollziehen. Und so finde ich es einfach genial, dass Vea Kaiser den Titel "Blasmusikpop" gewählt hat. Er symbolisiert zum Einen, dass ihre Erzählung von einem speziellen Volk handelt, zum Anderen, dass dieses Volk im Wandel begriffen ist und sich von der Tradition langsam in Richtung Moderne öffnet! Und mit der Wandlung des Dorfes öffnet sich auch Johannes A. Irrwein und legt symbolträchtig sein Notizbuch beiseite ...
Vea Kaiser hat ein unglaubliches Debüt vorgelegt. Sie hat einen unglaublich sympathischen Schreibstil und stellt treffsicher die Eigenarten der Dorfbewohner dar. Sie schafft es, regelrechte "Typen" darzustellen, die man auch in jedem anderen kleineren Dorf antreffen könnte. Die eigentliche Handlung wird immer wieder unterbrochen von geschichtlichen Beschreibungen des Dorfes, die von Johannes A. Irrwein stammen, wie man erst im Laufe der Geschichte erfährt. Alles wirkt enorm authentisch und ehrlich erzählt und die feine Ironie, die das Buch durchzieht, ist einfach göttlich:
Am Mittwoch in der Karwoche stand Ilse Irrwein nicht wie gewohnt eine halbe Stunde nach, sondern bereits eine Stunde vor Sonnenaufgang auf. Während in der Dämmerung die Rehe durch den Garten der Irrweins zurück in die Wälder des Westhanges spazierten, vermengte Ilse die Zutaten für einen Biskuitboden in ihrer Allzweckküchenmaschine, ohne die seit der Küchenmaschinenparty vor drei Jahren keine St. Petrianerin mehr ihre Kuchen rührte. Sie heizte das Backrohr auf 180 Grad vor, legte ein Blech mit Backpapier aus und verteilte mithilfe der ergonomisch geformten Teigspachtel, die man als Geschenk zur Küchenmaschine dazubekam, wenn man mehr als drei Hackaufsätze kaufte, die Masse auf dem Blech.
Fazit: Bei diesem Buch stimmt einfach alles: Der Stoff der Geschichte ist toll, die Geschichte an sich ist selbstbewusst, stringent und mit der richtigen Prise Ironie erzählt und die eingearbeiteten Dialoge in Mundart lesen sich einfach nur wunderbar und haben mich oft zum Lachen und Schmunzeln gebracht! Man bemerkt durchgehend das philologische Interesse der Autorin, klasse! Am liebsten würde ich sofort mehr davon lesen! Auch die Gestaltung des Covers und der Vorsatzblätter, auf denen sich eine gezeichnete Landkarte des Dorfes findet, sind einfach nur perfekt gelungen!
Wärmste Leseempfehlung!