Rezension vom 24.04.2011
(8)
Ein etwas ungewöhnliches Buch, mit unnötigen Personen und einem Sammelsurium von Ideen. Bemerkenswert ist, wie es der Autorin gelingt, mit wenigen Strichen ein Milieu einzufangen, aber für meinen Geschmack ist das zu dialoglastig und zu distanziert formuliert.
Veza Canetti war 30 Jahre lang (bis zu ihrem frühen Tod) die Ehefrau von Elias Canetti, dem Literaturnobelpreisträger. Vieles was ihre Tätigkeit als Schriftstellerin betrifft, ist von Mythen umrankt, letztendlich muss man sich auf das verlassen, was ihr exzentrischer Ehemann behauptet. Demnach regte er sie dazu an, zu schreiben, doch hat sie nur wenig - und das unter Pseudonymen - veröffentlicht, und ist bald verstummt. Um 1990 tauchten dann plötzlich mehrere Werke von ihr auf, darunter dieser "Roman", den Elias Canetti mit einem Vorwort versehen hat. Entstanden ist er aus Erzählungen, die sie in den frühen 1930er Jahren in einer Wiener Arbeiterzeitung veröffentlichte, und die sie hier zu einem Roman verwebt. Freilich hat es nicht viel mit einem Roman gemeinsam, denn jede Erzählung steht für sich, ist mit den anderen nur insofern verbunden, dass Nebenfiguren der einen Hauptfiguren der anderen Erzählung werden. Einen Bogen spannt sie nur mit der ersten und der letzten Erzählung.
Das eigentliche Drama des Geschehens erschließt sich nur auf den zweiten Blick und ein echtes Einfühlen in die kurz auftauchenden Figuren ist mir meist nicht gelungen. Dabei enthält es sozialen Brennstoff en masse, denn die Ausbeutung von jungen Frauen in Beruf und Privatleben ist der rote Faden, der sich durch das kurze Buch zieht. Einige Szenen schwer zu ertragender Gewalt gegen Kinder und eine Frau; Sozialutopien, die plötzlich in einem Abgrund enden; eine verwachsene Frau, die recht tyrannisch agiert; die sich bietenden Chancen eines Selbstmordversuches, wenn er nur richtig inszeniert wird; eine bezaubernde Anekdote von einem Kind das Geld findet; eine Beerdigung und allerlei andere Verrücktheiten. Wenn man dem Buch etwas vorwerfen kann, dann ist es die Fülle von Einfällen. Kurzweilige Unterhaltung nah am Leben.
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