Am 30. Januar 1945, Ende des 2. Weltkriegs, ereignet sich in der Ostsee das größte Schiffsunglück aller Zeiten: Das deutsche KdF-Schiff Wilhelm Gustloff, überladen mit Tausenden Flüchtlingen, aber auch Soldaten, wird in rascher Folge von 2 russischen Torpedos schwer getroffen. Das Schiff sinkt. Ohne ausreichend Rettungsboote und bei Außentemperaturen um die -18°Celsius besteht für die Passagiere kaum eine Überlebenschance. Nur 1239 Menschen sollten es schaffen, davon 4 der 4 Kapitäne... Die Zahl derer, die nicht mehr gerettet werden konnten liegt jedoch um ein Vielfaches höher und ist bis heute umstritten: Sie schwankt zwischen 6600 und 10600 Toten, darunter ca. 4000 Kinder.
Günter Grass hat dieses historisch wichtige Ereignis, das lange Zeit verdrängt wurde, zum Zentrum seiner Novelle “Im Krebsgang” gemacht.
Erzählt wird diese anhand einer fiktiven Familiengeschichte, die sich über 3 Generationen erstreckt.
Tulla Pokriefke ist Überlebende des Unglücks. Sie ist den meisten Lesern bereits aus Grass früheren Büchern “Die Blechtrommel”, “Hundejahre” und “Katz und Maus” bekannt. “Im Krebsgang” setzt diese “Danziger Trilogie” nun fort. Tulla erzählt ihrem davon genervten Sohn Paul immer und immer wieder von den traumatischen Ereignissen des Unglückstages an dem er geboren wurde. “Das musste aufschraibn, biste ons schuldig” versucht sie ihn in ihrem ostpreußischen, dem Buch Authentizität verleihenden Dialekt zu überreden.
Dieser, ein eher mittelmäßiger, politisch wankelmütiger Journalist tut dies jedoch erst nachdem er in einem Creative-Writing-Kurs “den Alten” getroffen hat, der ihm aufträgt, das von ihm versäumte nachzuholen, da er sich müdegeschrieben habe. Unschwer ist hier zu erkennen, dass es sich bei dem Alten um Günter Grass selbst handeln soll.
Der Ich-Erzähler Paul Pokriefke stößt bei seinen Recherchen schließlich auf die rechtsradikale Homepage www.blutzeuge.de auf der ein Neonazi die “Wahrheit” über den Untergang der Wilhelm Gustloff verkündet und alle Fakten rund um das Schiff und dessen von ihm gerühmten Namenspatron niederschreibt. Es stellt sich jedoch heraus, dass der anonyme Verfasser der Website Pauls eigener, ihm fremd gewordener und von den Kriegserzählungen seiner Großmutter faszinierter Sohn Konrad ist.
Grass lässt seine Novelle allerdings nie zu persönlich werden, sondern schafft Distanz indem er immer wieder zwischen den einzelnen Erzählsträngen wechselt . Dabei liefert er auch schon ganz am Anfang des Buches Stückchenweise die Biographien der 3 Schlüsselfiguren des Schiffsunglücks.
Diese sind Wilhelm Gustloff, der Landesgruppenleiter der Schweizer NSDAP, außerdem dessen Mörder David Frankfurter, ein Jude und junger Medizinstudent, der unter chronischer Knochenmarkeiterung leidet und schließlich Alexander Marinesko, der russische U-Boot-Kommandant auf dessen Befehl hin die tödlichen Torpedos abgefeuert wurden.
Diese Liebe zum Detail ist zum einen historisch interessant, aber zum anderen für den Leser nach kurzer Zeit sehr ermüdend, da die seitenweise Aufzählung von akribisch genau beschriebenen Fakten wie ein nacherzähltes Sachbuch wirkt.
Die Spannung des Buches bleibt jedoch nicht völlig auf der Strecke: Grass erzählt sein Buch quer, wie “im Krebsgang”, durch die einzelnen Erzählstränge. Diese sind zunächst verwirrend, werden jedoch dann immer mehr mit einander verwoben und ziehen immer engere Kreise um das schicksalhafte Datum des 30.Januar 1945.
Nach diesem zentralen Wendepunkt der Novelle wird die Erzählung jedoch holprig. Der Schluss wirkt viel zu konstruiert. Die Schatten der Vergangenheit holen die Familie Pokriefke schließlich doch ein und führen zur Katastrophe. “Das hört nie auf. Nie hört das auf.” sind die letzten Worte des Buches.
Alles in allem ist die Novelle eher gut gemeint, als gut gemacht, da man von einem Literaturnobelpreisträger wie Grass literarisch deutlich mehr erwarten kann, als langatmige Faktenaufreihung. Dennoch ist “Im Krebsgang” ein wirklich gut recherchierter Roman, der ein lange verdrängtes Ereignis beleuchtet und dafür Anerkennung verdient hat.