„Der Rest ist das was übrig bleibt“, schon der Titel macht neugierig.
Zehn Kurzgeschichten von Anne Büttner, die es in sich haben!
„Audioretrospektive – die Welt mit Deinen Ohren sehen“
Ein blinder, in Depression gefangener Mann wird durch die Tonbänder seines Bruders an die Orte zurückgeführt, die er einst noch sehend, besucht hat. In seinem Kopf erwachen, durch die Geräusche und Stimmen, diese Orte wieder zum Leben, wodurch er aus seiner Lethargie erwacht.
Wunderbar berührend, lebensecht und zum Nachdenken anregend. Meine Lieblingsgeschichte!
„Eintagsfliegen“
„Essen auf die Hand, Kaffee auf den Weg, arbeiten auf Zeit, rauchen auf Lunge, sitzen auf Kohlen, trinken auf Ex, Gefühle auf null, Tacho auf Anschlag.“
Alles an dieser Geschichte beschreibt unseren Zeitgeist. Die Hektik, den Stress, rastlos, ruhelos. Sollte man vielleicht darüber nachdenken, ob es so sein muss?
„Farbenleere“
„Heute ist eindeutig eine 47. Ich bin mir ganz sicher. Genau so muss es aussehen, wenn man die Vier und Sieben vermischt. Wie eine 47 eben. Matschig. Schlammig. Trostlos.“
Ich muss gestehen, mir fällt es schwer, Farben mit einem Zustand, einem Gefühl oder mit einem Gegenstand zu verbinden. Doch nachdem ich diese Geschichte mehrfach gelesen habe, fällt mir die eine oder andere Verbindung auf. Doch nur, weil der Text mich leitet und hineinfühlen lässt.
„Abgefahren“
Genial! Die Flucht vor sich selbst. Die Anderen durch nichtgesagtes zu Schlussfolgerungen führen, die nur ihre eigenen Sehnsüchte wiederspiegeln. Flüchten wollen und doch nicht können.
„Schlaglichter“
Macht betroffen. Häusliche Gewalt und die Sichtweise der Betroffenen. Der schwierige Weg aus einem Kreislauf und das Schweigen darüber. Die Gefühle so treffend beschrieben. Erschütternd.
„Toast und Honig“
Wunderschöne Wortspiele um das Ende einer Beziehung. Das Gefühl der Einsamkeit, die kommen wird, ist greifbar.
„Spielverderber“
Noch eine Geschichte, die mich sehr betroffen gemacht hat. So treffend beschrieben die Sichtweise des Täters, der gleichzeitig Opfer ist. Man kann nicht anders als mit dem Täter fühlen und ihn auch gleichzeitig verachten für das, was er einem schwächeren antut. Doch wäre er auch der geworden, wenn er selbst andere Erfahrungen gemacht hätte?
Es folgen noch, „Nahtlos“, „Schöngeredet“ und „So und So“, jede Geschichte mit ihrem eigenen Flair. Aber alle Geschichten vereint eins, wunderschöne Wortspiele, Metaphern und ein Inhalt, der berührt. Auf die eine oder andere Art. Doch mit wenigen Worten, Personen, Gefühle, Leben so zu beschreiben, das ist wirkliches Können. Meine Empfehlung, jede Geschichte einzeln lesen. Anschließend sacken lassen und verarbeiten.
Einziges Manko des Buches, nach zehn Geschichten ist Schluss.