A201 Geheimnisse von Joyce Carol Oates Kategorie: Allgemein
"Geschichte existiert nicht. Es existieren nur Individuen und von denen nur einzelne Momente, einer so vom anderen gelöst wie zertrümmerte Rückenwirbel."
Wir befinden uns im Jahr 1959 im Staat New York.
Der Roman beginnt mit einem Tag im Leben der jungen Rebecca, Fabrikarbeiterin und Mutter eines kleinen Kindes.
Ein mysteriöser Zwischenfall - dessen Bedeutung erst am Ende aufgeklärt wird -, den Rebecca auf dem Heimweg erlebt, öffnet eine Rückblende ins Jahr 1936 und in eine Vergangenheit voller Feindseligkeit, Düsternis und Depression.
Rebecca, ihre Eltern und zwei Brüder sind jüdische Einwanderer aus München, die vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohen sind. In Amerika erhoffen sie sich ein gutes, neues Leben. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den Schwarts. Der Vater arbeitet als Totengräber, die Familie lebt in Armut in einem kleinen, alten und muffigen Steinhaus, am Rande des Friedhofs. Ein Brunnen mit dunklem, übel riechendem Wasser befindet sich neben dem Steinhaus, welches kaum Platz für die fünfköpfige Familie bietet.
Eine Kindheit voller Scham, wenig Liebe und Geborgenheit; mit Eltern, deren Wunden des Entwurzelt seins und der Heimatlosigkeit nie verheilen, deren Depressivität sich beim Vater in Wahnsinn wandelt und die Mutter verstummen lässt.
Auch bei dem Mann, mit dem Rebecca später zusammen ist, erfährt sie nur Demütigung.
Rebecca jedoch findet einen Ausweg aus ihrer unerträglichen Situation und erfindet sich selbst und ihr Leben neu.
Dieser wunderbare Roman lebt in erhöhtem Maße von seiner Atmosphäre, von der oftmals bis ins kleinste Detail geschilderten Gedanken-, Gefühls- und Seelenwelt sowie der Umgebung und der Menschen.
Dies geschieht mittels einer kühlen, sehr distanzierten Erzählweise. Betroffenheit oder Mitleid schwingen in keiner Zeile mit und dennoch - oder gerade deswegen - wird der Leser zu einem faszinierten Beobachter, zu einem Zeugen.
Es ist erstaunlich, dass ich selbst die bösen Figuren trotz der sachlichen Kühle der Erzählweise am liebsten hätte trösten wollen. Es ist so viel an Dramatik und Tragik im Leben dieser entwurzelten Menschen, soviel Trostlosigkeit, die mir so manches Mal einen Kloß im Hals bescherte. Ja, die Traurigkeit ist sehr präsent. Niemand entkommt ihr, weder die Figuren noch der Leser. Und dennoch gelingt es Oates sehr gut, Hoffnung in den traurigen Stoff zu weben, immer wieder und immer mehr, so dass der Leser am Ende das Buch getröstet zuklappt, nicht ohne berührt und gewärmt zu sein. Den eigenen Gedanken nachhängend.
Der Roman ist sehr düster, geheimnisvoll und aufwühlend, wenn man sich vom Schicksal Rebecca Schwarts einnehmen lässt.
Der Titel ist wunderbar gewählt, wie ich finde. Er passt so gut und gibt wider, worum es im Roman und gleichsam im Leben der Protagonisten geht. Geheimnisse sind der rote Faden, der die Geschichte beisammen hält.
Der englische Titel lautet: "Gravedigger's Daughter"; ein Titel, der eindimensional ist, der die nackte Tatsache darstellt, mehr nicht.
Wie viel spannender und treffender klingt da: "Geheimnisse".
Die Zeit von 1936 bis in die frühen 1970er Jahre in Amerika lebt auf, die besondere Atmosphäre hat mich verzaubert.
Die Sprache Oates ist beeindruckend, sezierend, aufmischend und dennoch entbehrt sie
nicht einer erzählerischen Wärme, trotz aller Distanziertheit. Grandios!
Ich kann diesen düsteren, dunklen, geheimnisvollen und spannenden Roman all jenen empfehlen, die das Besondere lesen mögen, die sich jedoch nicht scheuen, einer wirklichen Trostlosigkeit zu begegnen. Ja, ich denke, ein Faible für ausführliche und kleinste Details beschreibende Romane sollte ein Leser mitbringen, um an diesem Meisterwerk sprachlicher und psychologischer Raffinesse Gefallen zu finden. Und man sollte auch keine Scheu vor verschachtelten Sätzen haben!
Und eines verspreche ich: Über diesen Roman und dessen vielschichtige Themen lässt sich wunderbar nachdenken; in jeder erzwungenermaßen lesefreien Zeit habe ich ununterbrochen über Rebecca und ihre Welt nachgedacht! Jede Leseminute habe ich herbeigesehnt und bin dann in den Roman eingetaucht, um mich von Joyce Carol Oates und ihrer einmaligen Sprache davontragen zu lassen.
"Ein Mann will wissen. Ein Liebender will wissen. Will dir schier das Mark aus den Knochen saugen vor Wissen wollen.
Ein Mann hat ein Recht darauf. Ein Liebender hat ein Recht darauf. Sobald er auf diese Weise in deinen Körper eingedrungen ist, hat er das Recht.
Ihm das sagen, was sich nicht sagen lässt. Ein Liebender will wissen, was sich nicht sagen lässt. Aber irgendein Geheimnis muss ihm angetragen werden. Es war Zeit, es war höchste Zeit."