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Leserrezension2010s Rezensionen
Rezension vom 25.08.2010 (12)
A201 Geheimnisse von Joyce Carol Oates Kategorie: Allgemein
"Geschichte existiert nicht. Es existieren nur Individuen und von denen nur einzelne Momente, einer so vom anderen gelöst wie zertrümmerte Rückenwirbel."
Wir befinden uns im Jahr 1959 im Staat New York.
Der Roman beginnt mit einem Tag im Leben der jungen Rebecca, Fabrikarbeiterin und Mutter eines kleinen Kindes.
Ein mysteriöser Zwischenfall - dessen Bedeutung erst am Ende aufgeklärt wird -, den Rebecca auf dem Heimweg erlebt, öffnet eine Rückblende ins Jahr 1936 und in eine Vergangenheit voller Feindseligkeit, Düsternis und Depression.
Rebecca, ihre Eltern und zwei Brüder sind jüdische Einwanderer aus München, die vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohen sind. In Amerika erhoffen sie sich ein gutes, neues Leben. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den Schwarts. Der Vater arbeitet als Totengräber, die Familie lebt in Armut in einem kleinen, alten und muffigen Steinhaus, am Rande des Friedhofs. Ein Brunnen mit dunklem, übel riechendem Wasser befindet sich neben dem Steinhaus, welches kaum Platz für die fünfköpfige Familie bietet.
Eine Kindheit voller Scham, wenig Liebe und Geborgenheit; mit Eltern, deren Wunden des Entwurzelt seins und der Heimatlosigkeit nie verheilen, deren Depressivität sich beim Vater in Wahnsinn wandelt und die Mutter verstummen lässt.
Auch bei dem Mann, mit dem Rebecca später zusammen ist, erfährt sie nur Demütigung.
Rebecca jedoch findet einen Ausweg aus ihrer unerträglichen Situation und erfindet sich selbst und ihr Leben neu.
Dieser wunderbare Roman lebt in erhöhtem Maße von seiner Atmosphäre, von der oftmals bis ins kleinste Detail geschilderten Gedanken-, Gefühls- und Seelenwelt sowie der Umgebung und der Menschen.
Dies geschieht mittels einer kühlen, sehr distanzierten Erzählweise. Betroffenheit oder Mitleid schwingen in keiner Zeile mit und dennoch - oder gerade deswegen - wird der Leser zu einem faszinierten Beobachter, zu einem Zeugen.
Es ist erstaunlich, dass ich selbst die bösen Figuren trotz der sachlichen Kühle der Erzählweise am liebsten hätte trösten wollen. Es ist so viel an Dramatik und Tragik im Leben dieser entwurzelten Menschen, soviel Trostlosigkeit, die mir so manches Mal einen Kloß im Hals bescherte. Ja, die Traurigkeit ist sehr präsent. Niemand entkommt ihr, weder die Figuren noch der Leser. Und dennoch gelingt es Oates sehr gut, Hoffnung in den traurigen Stoff zu weben, immer wieder und immer mehr, so dass der Leser am Ende das Buch getröstet zuklappt, nicht ohne berührt und gewärmt zu sein. Den eigenen Gedanken nachhängend.
Der Roman ist sehr düster, geheimnisvoll und aufwühlend, wenn man sich vom Schicksal Rebecca Schwarts einnehmen lässt.
Der Titel ist wunderbar gewählt, wie ich finde. Er passt so gut und gibt wider, worum es im Roman und gleichsam im Leben der Protagonisten geht. Geheimnisse sind der rote Faden, der die Geschichte beisammen hält.
Der englische Titel lautet: "Gravedigger's Daughter"; ein Titel, der eindimensional ist, der die nackte Tatsache darstellt, mehr nicht.
Wie viel spannender und treffender klingt da: "Geheimnisse".
Die Zeit von 1936 bis in die frühen 1970er Jahre in Amerika lebt auf, die besondere Atmosphäre hat mich verzaubert.
Die Sprache Oates ist beeindruckend, sezierend, aufmischend und dennoch entbehrt sie
nicht einer erzählerischen Wärme, trotz aller Distanziertheit. Grandios!
Ich kann diesen düsteren, dunklen, geheimnisvollen und spannenden Roman all jenen empfehlen, die das Besondere lesen mögen, die sich jedoch nicht scheuen, einer wirklichen Trostlosigkeit zu begegnen. Ja, ich denke, ein Faible für ausführliche und kleinste Details beschreibende Romane sollte ein Leser mitbringen, um an diesem Meisterwerk sprachlicher und psychologischer Raffinesse Gefallen zu finden. Und man sollte auch keine Scheu vor verschachtelten Sätzen haben!
Und eines verspreche ich: Über diesen Roman und dessen vielschichtige Themen lässt sich wunderbar nachdenken; in jeder erzwungenermaßen lesefreien Zeit habe ich ununterbrochen über Rebecca und ihre Welt nachgedacht! Jede Leseminute habe ich herbeigesehnt und bin dann in den Roman eingetaucht, um mich von Joyce Carol Oates und ihrer einmaligen Sprache davontragen zu lassen.
"Ein Mann will wissen. Ein Liebender will wissen. Will dir schier das Mark aus den Knochen saugen vor Wissen wollen.
Ein Mann hat ein Recht darauf. Ein Liebender hat ein Recht darauf. Sobald er auf diese Weise in deinen Körper eingedrungen ist, hat er das Recht.
Ihm das sagen, was sich nicht sagen lässt. Ein Liebender will wissen, was sich nicht sagen lässt. Aber irgendein Geheimnis muss ihm angetragen werden. Es war Zeit, es war höchste Zeit."
Rezension vom 25.08.2010 (12)
A200 This Body of Death von Elizabeth George Kategorie: Allgemein
Sie sind zurück...
...sowohl Inspector Lynley als auch Elizabeth George - "Wer dem Tode geweiht" ist wieder einer ihrer Romane, die in Stil und Spannung an ihre ersten Werke anknüpfen. Hatte man inbesondere bei "Denn die Sünde ist scharlachrot" noch das Gefühl, vor lauter Handlungssträngen und Personenfülle komplett den Überblick zu verlieren, findet man hier eine wunderbar stringente, in sich logische Handlung.
Auf einem Friedhof wird eine ermordete junge Frau gefunden, die vor Monaten fluchtartig ihre Heimat in Hampshire verließ. Für die Ermittlungen holt sich AC Hillier Verstärkung: Acting Superintendent Isabelle Ardery, die bereits in einem der früheren Bände auftauchte, kommt nach London, um mit diesem Fall ihr Können und ihre Eignung als Malcolm Webberlys Nachfolgerin zu beweisen. Sie sucht den nach wie vor pausierenden Lynley auf, um sich dessen Unterstützung zu sichern und ihn ins Team zurückzuholen - in der weisen Voraussicht, dass er ihr, inbesondere in Bezug auf ihr Durchsetzungsvermögen bei Havers und Co., nützlich sein kann. Obwohl er sie völlig durchschaut, lässt er sich vor ihren Karren spannen und kehrt zurück, muss sich nun aber ihren Anweisungen unterordnen.
Die Entwicklung der Geschichte selbst ist äußerst gelungen. Vor dem Hintergrund einer Jahre zurückliegenden Geschichte spielt die Autorin wieder mit psychologischen Abrgünden, fordert den Leser heraus und präsentiert ihm endlich wieder die so lange vermisste Teamdynamik - mit einer spöttischen, widerspenstigen Havers, einem besonnen Winston, der dieses Mal zuschlagen darf und natürlich Lynley, der in jeder Hinsicht zurückkehrt. Der große Wermutstropfen dieser Geschichte liegt für mich in der Entwicklung der Geschichte zwischen Ardery und Lynley; erstere ist auch die einzige Figur, die relativ schwach beleuchtet wird und trotz einer wirklich unglaublich schlechten Ermittlungsleistung beim Yard bleiben darf. Dies liegt möglicherweise daran, dass George den Charakter von Isabelle Ardery im nächsten Buch weiter ausbauen will und sich hier auf das Offensichtliche (ehrgeizige Mutter, die nicht nur gegen den Alkohol, sondern auch den Exmann kämpft) beschränkte. Am Ende ist man sich nicht einmal sicher, ob die Person sympathisch ist oder nicht. Aber schließlich braucht man ja auch keinen kleinen Köder für das nächste Buch ;)
Sternstunden hat in diesem Roman eindeutig wieder Barbara - schon allein die von Ardery verordnete Shoppingtour mit ihrer kleinen Nachbarin Hadiyyah ist wunderbar, ihre Ermittlungen mit Winston Nkata sind vom üblichen "Barb - Winnie"-Geplänkel geprägt und in jede Richtung wird dieses Mal ihre Eifersucht gefordert. Natürlich macht sie auch sonst wieder, was sie will - und bügelt damit am Ende die schlechte Arbeit ihrer Vorgesetzten aus.
Ein gelungenes Buch, das wirklich empfehlenswert ist - nicht nur für eingefleischte Fans.
Rezension vom 25.08.2010 (12)
A Sibirische Erziehung von Nicolai Lilin Kategorie: Allgemein
Rezension zu Sibirische Erziehung" von Nicolai Lilin
Auwei, da hab ich mir ja eine Aufgabe ausgesucht: Ich hoffe, ich kann mit meiner Rezension diesem gewaltigen Buch gerecht werden.
Nicolai Lilin wurde 1980 in Bender in Transnistrien geboren. Ich musste alles nachlesen, denn ich hatte bisher keine Ahnung, dass es ein solches Land gibt. Transnistrien steht für Gewalt, für die Existenz "Ehrbarer Kriminelle", die aus Sibirien stammen und von Rußland ins Exil geschickt wurden. Es sammeln sich da auch "Nicht-Ehrbare Kriminelle" aus Georgien, der Ukraine, Moldawien etc.. Und es ist ein Fluchtpunkt für viele Familien geworden, die mit ihren behinderten Kindern in Rußland nicht leben können und dürfen. Viele dieser Kinder sind behindert, weil sie durch die Russische Polizei missbraucht, zu Krüppeln geschlagen und auch als Kleinkind mitansehen mussten, wie die Eltern vor ihren Augen abgeschlachtet wurden.
So, ich denke spätestens hier werdet Ihr verstehen, warum es mir schwerfällt, über dieses Buch zu schreiben. Das Lesen ist nicht schwer, 2x musste ich das Buch allerdings aus der Hand legen, weil mir schlecht wurde, der Autor, inzwischen 30 Jahre alt und in Italien lebend, versucht uns unparteiisch und auch vielfach mit Humor seine Erfahrung und Kindheit zu erzählen, in der es um alte sibirische Regeln und Moral geht: Kinder, Frauen, Alte, Behinderte und Tiere werden verehrt, Geld ist dreckig, das lehnt man ab. Geld wird benötigt, um Waffen zu kaufen und Ikonen, das ist wichtiger als Nahrung und Kleidung. Wird eine Regel verstossen, gibt es festgelegte Strafen. Man wehrt sich der Unterwerfung der Russen und rächt Ungerechtigkeit.
Schnell wird man in den Bann gezogen, und oft war ich völlig entsetzt, denn es handelt sich nicht um Beschreibungen aus dem 1. oder 2. Weltkrieg, sondern es geht um eine Zeit, in der ich einige tausend Kilometer entfernt eine behütete und sorglose Kindheit verbrachte, während der Autor fast täglich blutige Strassenkämpfe überleben musste, selbst Menschen gefährlich verletzten musste, nur um selbst zu überleben.
Man sitzt wirklich völlig ratlos und ensetzt und versteht, warum Robert Saviano (Autor von "Gomorrha", enthusiastischer Empfehler dieses Romans) schreibt: "Wer dieses Buch lesen will, muss die Kategorien von Gut und Böse, wie wir sie kennen, vergessen...."
Vor allem, was bleibt Kindern denn übrig, wenn sie in einer solchen Gesellschaft aufwachsen, nichts anderes kennen, keine Möglichkeit haben sich anders zu entscheiden.
In Transnistrien hat jeder 12 jährige Junge wenigstens einen Mordversuch, wenn nicht mehrere Morde hinter sich. Als Kinder landen sie im Gefängnis, wo sie von den russischen Wärtern vergewaltigt und anschliessend in der blutigen Pfütze liegengelassen werden.
Ich mag nicht weiter nacherzählen: Ihr sollt es möglichst zahlreich selbst lesen!!! Denn nur so kann aufgeklärt werden.
Sehr informativ übrigens die Kapitel über Tätowierungen, woher sie kommen, was sie bedeuten, welchen Zweck sie erfüllten. Sollte jeden interessieren, der mit Tätowierungen seinen Körper bedeckt!
Der Autor erkennt nach einem schlimmen Vorfall, dass Gewalt nichts ändert, ist im jugendlichen Alter ausgebrannt und völlig orientierungslos, sein "Großvater" kommentiert dies mit den Worten, er sei zu menschlich, um unter den Menschen zu leben...
Aber mit Achtzehn pocht Russland auf sein Recht den volljährigen Lilin als Eigentum der russischen Regierung in Anspruch zu nehmen: Das Buch endet... und beginnt.
Das Buch bekommt 5 Punkte, weil es heutzutage wichtig ist, dass Zeitzeugen berichten, den Mut haben den Mund zu öffnen und aufzuklären. Dieses Buch wird alle, die es lesen zum Nachdenken anregen, auch die Leute, die glauben, Religion verstanden zu haben, Moral beurteilen zu können. Ich möchte schliessen mit dem Zitat von Roberto Saviano: "Einfach nichts tun: nur lesen!"
Rezension vom 25.08.2010 (9)
H29 Das Einstein-Mädchen von Philip Sington Kategorie: Hörbuch
Ein Psychiater der Berliner Charité, Dr. Martin Kirsch, ist verschwunden. Seine Verlobte Alma sucht ihn beharrlich und vermutet, dass einer seiner Fälle für das Verschwinden verantwortlich ist: Das "Einstein-Mädchen", das sich selbst Maria nennt. Diese junge Frau wurde bewusstlos und mit einer Amnesie in der Nähe des Einstein-Turms bei Caputh aufgefunden und Kirsch schien sich um diesen Fall hartnäckiger zu kümmern als um andere. In Rückblicken erzählt Sington, wie sich Kirsch und Maria begegnen und wie er versucht, sie in ihre Welt zurück zu holen - während Einstein die Physik auf den Kopf stellt und die Nazis die Regierung übernehmen.
Sington erzählt eine anspruchsvolle und sehr atmosphärische Geschichte, in der er zahlreiche Aspekte verknüpft. Kirsch steht der zeitgenössischen Psychiatrie kritisch gegenüber und bemüht sich um neue Denk- und Therapieansätze. Maria bekommt zum Beispiel keine Medikamente, sondern soll behutsam ihre Erinnerung zurück erlangen. Parallel dazu gibt Sington aber auch einen Einblick in die zeitgenössische medikamentöse Behandlung, in der qualvolle Insulin-Schock-Therapien der letzte Schrei waren. Mit seinem Wunsch nach neuen Ideen stößt Kirsch bei den Nazis auf offene Ohren. Ohne dass Kirsch zunächst begreift warum, wendet sich ein kritischer Vorfall an der Charité zu seinen Gunsten und er bekommt ein lukratives Angebot, um seine Kritik an der aktuellen Symptomatik von psychisch Kranken mit einer ausreichenden Zahl an Probanden zu bearbeiten. Erst spät wird Kirsch klar, dass er in ein Programm für Zwangssterilisation und Euthanasie geraten ist.
Zugleich steht die wissenschaftliche Welt Kopf, weil Einstein revolutionäre Theorien aufstellt, zum Beispiel über den Welle-Teilchen-Dualismus, und die klassischen physikalischen Konzepte umwirft. Viele Details dieses damals unfassbaren Postulats werden beschrieben und Kirsch begegnet Max von Laue, von dem er sich Hilfe bei seinem Fall erhofft: Maria schien einen Einstein'schen Vortrag besucht zu haben und ihrem Notizbuch voller Formeln nach zu urteilen kann sie den Gedankengängen Einsteins hervorragend folgen. Daher setzt sich Kirsch auch auf Einsteins Fährte, lernt im Zürcher Burghölzli Einsteins schizophrenen Sohn Eduard kennen und versucht, Einstein Maria zuliebe zu einem Treffen zu bekommen.
Die historische Atmosphäre finde ich gut eingefangen. Eher beiläufig bemerkt man, dass Kirsch Zeuge von Bücherverbrennungen wird, die Inflation behindert Kirschs Familie bei der Errichtung eines Mahnmals und an der Charité wird in der Mittagspause das Kabinett unter Reichskanzler Schleicher diskutiert.
Kirsch private Sorgen betreffen seine Syphilis, mit der er sich als Arzt im Krieg bei einem Patienten infiziert hat; er leidet an Fieberschüben und weiß manchmal nicht, ob er sich an Begebenheiten richtig erinnert.
Selbst Einstein wird im Lauf des Buchs von der fernen Lichtgestalt zum aktiven Teilnehmer an der Handlung. Das gefeierte Genie wird zum Menschen mit zahlreichen Ecken und Kanten. Da ich auf Grund der für meine Begriffe gut recherchierten wissenschaftlichen und historischen Fakten davon ausgehe, dass auch die Person Einstein gut recherchiert wurde, muss ich sagen: Ich bin froh, dass ich bloß mit den Theorien, nicht aber mit dem Menschen Einstein zu tun hatte.
Alle diese Komponenten zusammen ergeben einen verflochtenen Erzählstrang, bei dem man am Ende immer noch nicht weiß, was Wirklichkeit ist und was nicht. So, wie Materie Welle sein kann oder Teilchen, kann die eine Interpretation stimmen oder die andere. Genau dieses Geheimnisvolle, das sich aus Einsteins Theorien ableitet, zieht sich nach meinem Empfinden als Motiv durch den ganzen Roman und genau das hat mich daran so fasziniert. Diese Spielerei mit dem Dualismus ist auch der Grund, warum das Etikett "Thriller" meiner Meinung nach überhaupt nicht passt.
Ein klarer Kritikpunkt ist, dass im Buch offensichtlich ein Nachwort existiert, das im Hörbuch fehlt. Ich habe durch Internet-Recherchen herausgefunden, dass darin zum Beispiel der Arzt erwähnt wird, der Kirsch das lukrative Angebot macht. Den Herrn gab es wirklich und er hat entscheidend an den Gentheorien der Nazis mitgearbeitet. Solche Informationen hätte man auch im Hörbuch unterbringen können.
Rezension vom 25.08.2010 (10)
A198 Verlorene Stunden von Anne Taylor Kategorie: Allgemein
Die Geschichte von Liam, dem Protagonisten aus Anne Tylors Roman „Verlorene Stunden“ ist schnell erzählt: Liam verliert seine Anstellung als Lehrkraft an der örtlichen Schule und nutzt diese Gelegenheit, die letzte Phase seines Lebens zu beginnen: den Ruhestand. Er verkauft einen Großteil seiner Sachen und sucht sich eine kleine Wohnung. Sein Plan ist ein beschauliches Leben, das ihm Zeit lässt seinen Gedanken im Schaukelstuhl nachzuhängen ohne weitere Verpflichtungen zu haben. Voller Euphorie und Tatendrang macht er sich an den Umzug. Doch schon in der ersten Nacht wird er überfallen, wacht im Krankenhaus wieder auf – ohne jegliche Erinnerungen daran, was sich in der Nacht tatsächlich ereignet hat. Bei dem Versuch, sich die Ereignisse der Nacht irgendwie wieder ins Gedächtnis zu rufen, legt er seine ganze Hoffnung in Eugine, die Erinnerungshilfe eines alternden Unternehmers. Doch sie hat nicht die hellseherischen Fähigkeiten, die er ihr in seiner Verzweiflung zuschreiben wollte. Aber sie hat etwas anderes, was ihm mehr hilft, als die Erinnerung. Sie zeigt ihm, was ihm wirklich fehlt im Leben. Durch sie erkennt er, dass es nicht die Erinnerungen an wenige Stunden in jener Nacht sind, die ihm fehlen, sondern ganz andere längst vergessene Erinnerungen. Und der Ruhestand scheint plötzlich nicht mehr das, wonach Liam eigentlich strebt.
„Verlorene Stunden“ ist ein Roman mit einer recht einfachen Handlung, der es dennoch nicht an Spannungsbögen fehlt. Viel wichtiger als eine spannende Erzählung ist für mein Empfinden aber die Aussage des Buches, das was die Geschichte eigentlich mitteilen will. Im Laufe des Romans werden aus verlorenen Stunden, verlorene Tage, Monate, Jahre. Bis sich der Protagonist mit der Frage auseinandersetzen muss, ob nicht sein ganzes Leben verloren ist. Hat er die ganze Zeit nur an seinem eigenen Leben vorbei gelebt? War er nur Statist in seinem eigenen Leben? Was genau macht ihn als Menschen aus? Er muss sich diesen Fragen stellen, ebenso der Frage, ob er seiner Frau, seinen Töchtern ein guter Ehemann und Vater gewesen ist. Seine erste Frau starb, seine zweite Frau hat ihn verlassen. Das Verhältnis zu seinen Töchtern ist kühl und abgeklärt, auch sein Enkel ist nur eine Randfigur in seinem Leben. Die Entwicklung, die der Protagonist im Laufe des Romans macht, ist erstaunlich. Zumal er in der Zeit nach dem Unfall, in der er eigentlich nur die Erinnerung daran wieder gewinnen möchte, Momente seines Lebens wieder vor sich sieht und diese aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachtet.
Das Buch zeigt, wie sehr man Herr seines eigenen Schicksales ist und dass die Beziehungen zu anderen Menschen, zu Partner und Kindern einer lebenslangen Pflege und Aufmerksamkeit bedürfen. Aber auch, dass es harte Arbeit ist, sich über seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse im Klaren zu sein und diese vor sich selbst ehrlich zu akzeptieren.
„Verlorene Stunden“ hat mir sehr gut gefallen, weil es mich zum Nachdenken bringen konnte. Wie werde ich wohl mein Leben als 60jährige reflektieren?
Der Schreibstil ist einfach gehalten, man kann das Buch sehr gut lesen und auch die Personen und Schauplätze waren gut ausgearbeitet, so dass man leicht in dem Buch versinken kann. Besonders der ständige Wechsel zwischen Resignation und Hoffnung, Traurigkeit und Lebensfreude, Liebe und Hass machen den Roman zu einem realistischen Spiegelbild der Gefühlslage eines Menschen am Wendepunkt seines Lebens.
Rezension vom 25.08.2010 (9)
K95 Meridian von Amber Kizer Kategorie: Kinder- und Jugendbuch
"Meridian - Dunkle Umarmung" - Amber Kizer
Wenn man das Buch in den Händen hält, strahlt es eine sehr mystische und phantastische Wirkung auf den Leser aus. Leicht schimmernd und in dunklen Farben gehalten ist das Cover eine wahrer Augenschmaus und macht dem Leser den Einstieg in diese dunkle, phantasievolle Geschichte leicht.
Ähnlich wie das Cover ist auch die ganze Geschichte um Meridian, das Mädchen mit dem klangvollen Namen und der magischen Anziehungskraft auf Tiere düster und magisch. Meridian ist schon ihre ganze Kindheit lang etwas ganz besonderes: ständig zieht sie tote Tiere an. Noch dazu fühlt sie sich ständig schwach und ausgelaugt. Als an ihrem 16. Geburtstag ein schrecklicher Unfall nach der Schule passiert, packt sie ihr Vater ins Auto und schickt sie auf die Reise zu ihrer Großtante Merry, mit der Information, dass diese ihr Weiteres erzählt und Meridian ihre Familie für lange Zeit nicht wiedersehen wird.
Völlig durcheinander und fertig von der Reise kommt sie bei ihrer Großtante Merry und ihrem „Haushälter“ Tens an. Von ihnen erfährt Meridian das sie zu den Fenestrae gehört, die die ganz besondere Gabe haben, die Seelen der Menschen in den Himmel zu lotsen. Doch nicht jeder hat diese guten Absichten und so bekommen es die drei bald mit ihren ärgsten Feinden zu tun, den Aternocti, und ein nervenaufreibender Kampf beginnt, der viele Verletzte und Tote fordert.
Die ganze Geschichte fand ich sehr spannend geschrieben, aber auch die Gefühle der Figuren kamen nicht zu kurz. Sehr sensibel beschreibt die Autorin Amber Kizer das Gefühlschaos und die Ängste von Meridian, so dass ich mich sehr gut in sie hineinversetzen konnte und das Buch kaum mehr aus der Hand legen wollte.
Toll finde ich auch viele tiefgreifende und herzliche Aussagen der Großtante Merry, die die Sicht auf den Tod ein wenig verändert und dem Leser die Angst davor nimmt. Das finde ich an dem Buch besonders gelungen.
Wirklich ein magisches Buch mit einer sehr fantasievollen Idee zum Umgang mit dem Tod, dass streckenweise zum
Rezension vom 25.08.2010 (9)
A197 Und ewig grüßt das Moppelich von Susanne Fröhliche Kategorie: Allgemein
Im Folgebuch zu ihrem Bestseller "Moppel-Ich" schreibt Susanne Fröhlich
diesmal über die Vorteile des "korpulent" seins und wie sie sich mit ihrer Figur abgefunden hat. Frau Fröhlich möchte nie mehr hungern oder auf was verzichten müssen und beschreibt so ihren neuen Alltag ohne Diäten und Verzicht. Was ich zunächst eine sehr gute Sache finde. Allerdings kam es mir während der Lektüre oft mal so vor, als verteidige sie sich die ganze Zeit und sucht Begründungen, warum sie wieder alles zugenommen hat, was sie doch vormals für das Buch "Moppel-Ich" abgenommen hat. Das hat mich etwas genervt, denn entweder sie steht dazu und macht nicht so ein Gewese oder eben nicht.
Zuviel fand ich auch die wissenschaftlichen Beläge, die sie in jedem Kapitel bringt. Ständig zitiert sie irgendwelche Leute oder Studien und ganz besonders oft kommen Zitate aus dem Buch "Dick, doof und arm" von Friedrich Schorb vor. Aber vieles weiß man auch schon, so dass man schnell gelangweilt ist. Auch kommt es mir so vor, als zieht sie in diesem Buch auch einfach mal hemmungslos über die Dünnen her.
"Und ewig grüßt das Moppelich" ist im Gegensatz zum belletristischen "Moppelich" eher ein Sachbuch. Zuviele Fakten und zu wenig Textfluss ist gegeben.
Allerdings fand ich den Schreibstil von Frau Fröhlich wieder sehr gelungen. Sie versteht es, mit Wortspielen und bildlichen Beschreibungen umzugehen und meist die komische Seite daran hervorzuheben.Das hat mich, bei aller Langeweile die manchmal auftrat, doch schmunzeln und das Buch immer weiter lesen lassen. Auch nimmt sie sich oft selbst auf die Schippe.
Zum Schluss hin wird das Buch noch mal durch Interviews mit verschiedenen "Moppeln" aufgelockert, was mir wirklich gut gefallen hat. Dabei interviewt sie beispielsweise Rainer Calmund, den Fußballmanager, Anna Scholz, eine Designer für Plus-Size-Mode, Sabrina Fox, die selbst früher rundlich war, Lea Linster, eine angesagte Sterneköchin aus Luxemburg sowie Bettina Ziegler, die erfolgreiche Filmproduzentin. Die Interviews sind sehr gut geschrieben und wirklich aufschlussreich.
Letzten Ende würde ich wieder ein Buch von Susanne Fröhlich lesen, denn ihr Schreibstil gefällt mir wirklich gut. Allerdings sollte sie nun wirklich das Thema "Moppel-Ich" endgültig zu den Akten legen, auch wenn sie sich vielleicht in zehn Jahren mal wieder dafür entscheiden sollte abzunehmen.
Rezension vom 25.08.2010 (10)
A196 Wir haben noch das ganze Leben von Eshkol Nevo Kategorie: Allgemein
Eshkol Nevo schreibt über eine Freundschaft von vier jungen Männern im modernen Israel. Diese Freundschaft könnte jedoch vor jedem beliebigen Hintergrund stattfinden. Vier sehr unterschiedliche Charaktere beschließen beim Fußball-WM Endspiel 1998, ihre drei Herzenswünsche auf einen Zettel zu schreiben und erst beim nächsten Endspiel nachzusehen was daraus geworden ist. Lediglich ein Wunsch wird von jedem der vier Protagonisten an die offene Runde verraten.
Nunmehr wird in Rückblenden erläutert wie lange und wie tief die Freundschaft der vier Männer zueinander bereits besteht und welche Herausforderungen bereits gemeinsam gemeistert wurden. Als Erzähler der Geschichte tritt einer der vier Freunde – Juval auf. Er beschreibt den Charakter und die Erlebnisse aus seiner Sicht.
Er schreibt über Amichai, der sich vornimmt endlich seinen Job als Verkäufer von Abonnements für Herzerkrankungen aufzugeben und eine Shiatsu-Ausbildung abzuschließen um eine Naturheilpraxis eröffnen zu können. Amichai, der schon als Kind seinen Vater im Libanonkrieg verlor, denkt jedoch vornehmlich an seine Familie, die aus Ilana (von den Freunden heimlich Ilana die Elegische genannt) und den Zwillingen besteht. Er liebt seine Frau und beweist von den vier Männern das wohl meiste Verantwortungsbewusstsein.
Ofir, der bei seiner Mutter aufwuchs und sein gesamtes Jugendleben damit verbrachte seinem Vater zu imponieren zu wollen, fristet sein Dasein als Werbetexter. Er ist darin sogar sehr erfolgreich und erlebt eine Beförderung nach der Anderen. Er jedoch würde lieber ein Buch veröffentlichen. Er findet jedoch keine Zeit seine Ideen aufs Papier zu bringen.
Churchill ist der heimliche Anführer der Gruppe. Er hat das meiste Selbstvertrauen und bestimmt meist, was gemacht wird. Er ist angehender Jurist und träumt davon als Staatsanwalt einen Fall zu lösen der die Gesellschaft zum Positiven verändert.
Juval schließlich, ist der „Zug der im Bahnhof steht und die anderen anfahren sieht um zu glauben er fährt selber.“ Er wünscht sich 1998 nichts mehr als mit seiner gerade erst eroberten Liebe seines Lebens, Jaara zusammen zu bleiben. Ansonsten weiß er eigentlich nicht so genau wo das Leben ihn hinführen soll.
Die Erzählung nimmt seinen Lauf und seltsamerweise übernimmt ein jeder Freund gleichsam einen Wunsch des anderen. Freundinnen werden abgeworben, Menschen sterben, große Dinge werden vollbracht, Reisen werden unternommen und Veränderungen vorgenommen.
Bemerkenswert ist, die Kunst von Eshkol Nevo, die Gefühlslage vor allem des Protagonisten so zu herausarbeiten, dass man beinahe schon denkt man kennt Juval und die anderen als reale Personen. Man fühlt mit Juval, als seine Freundschaft zu Churchill einer brutalen Probe unterzogen wird. Die Zwiespältigkeit seiner Gedanken ist sehr menschlich, wie die gesamte Erzählung. Man liest von Projekten die im Geist ersonnen werden und nie durchgeführt, von Marotten und Macken, von Schuldgefühlen und Liebesbezeugungen und fühlt es warm ums Herz werden ob so viel „guter alter Freundschaft“.
Als Zugabe erfährt man noch so einiges über das Leben in Israel, über die Intifada die das Leben zunehmend düsterer zeichnet, über den brutalen Wehrdienst den jeder absolvieren muss, über die klaffende Diskrepanz zwischen dem Lebensstil der orthodoxen und der liberalen Juden und über die liebenswerte „Herkunftsvielfalt“ in der zweiten oder dritten Generation. So schafft es die deutsche Übersetzung eine Brücke zu schlagen nach Deutschland oder sonst wohin. Wenn es um Freundschaft geht, sind eigentlich alle Völker gleich.
Rezension vom 25.08.2010 (8)
A195 Roppongi von Josef Winkler Kategorie: Allgemein
Sind wir mal ehrlich. Denken wir an Literatur, dann nehmen wir dieses Wort, packen es in einen kleinen fiktiven Briefumschlag, werfen ihn in einen kleinen Kasten in unserem Kopf und schicken ihn auf die Reise zum Gehirn. Dort wird der Umschlag geöffnet, das Wörtchen Literatur herausgeholt, von allen Seiten betrachtet und in ein Regal gesetzt, über dem in blinkenden Lettern das Wort Unterhaltung geschrieben steht. Da ist nun dieses Wort, Literatur, inmitten von Filmen, Popmusik und Videospielen. Und plötzlich weint es bittere Tränen. Denn es sieht, einmal quer durch den Raum blickend, ein anderes Regal. Ein Regal, in dem noch Platz ist. Ein Regal, in dem das Wort Literatur so gerne sitzen würde. Über dem, leicht verstaubt, das Wort Kunst geschrieben steht. Roppongi – Requiem für einen Vater von Josef Winkler ist mehr als bloße Unterhaltung. Es ist Kunst in Worten.
Es ist schwierig dieses Büchlein in eine Gattung zu ordnen. Vielleicht ist es eine Novelle. Vielleicht ist es ein kurzer Ausschnitt einer Autobiografie Winklers. Vielleicht ist es auch eine Art Dokumentation. Alles dreht sich um das Sterben von Winklers Vater. Im Alter von 99 Jahren endete dessen Leben auf seinem Hof in Kärtnen, den er nur für die Kriegsjahre verlassen hat, während sein Sohn in Japan auf Lesereise war. Und genau der erinnert sich an seinen Vater, an den Tod seiner Großeltern mit allen für das kleine Alpendorf üblichen Riten. Blumen, die in den offenen Sarg gesteckt wurden, immer und immer wieder. Während der oder die Tote tagelang aufgebahrt in der Stube lag, sollten frische Blüten den Verwesungsduft übertynchen.
Doch die Geschehnisse in der Familie und im Heimatdorf Kamering sind nur ein Schauplatz in Roppongi. Den Titel selbst gibt der Stadtteil von Tokio, in dem Winkler vom Tod seines Vaters erfährt. Winkler sitzt in der Hotelbar, die als Kulisse des Films Lost in Translation diente, der auf den Fernsehern unter der Decke rund um die Uhr läuft. Er denkt an seine Geschwister und deren Frauen, er zitiert Scarlett Johansson und Bill Murray und er nimmt Abschied.
Die nächste und letzte Etappe seiner Reise ist Varanasi in Indien, die heilige Stadt der Hindus. Er sitzt an einem der Verbrennungsplätze am Ganges, beobachtet die Zeremonien, notiert sie punktgenau in seine kleinen, roten Notizbücher. Morbide wie einst Gottfried Benn beschreibt er das Kochen der Augen und Knacken der Knochen. Doch, so sagt er selbst, nur, damit ihn diese Bilder nicht bis in die Träume verfolgen. Er schreibt über den Tod und sich so dessen Anblick und die Trauer von der Seele.
Die Kunst des Textes liegt in der detailverliebten Art, wie Winkler Dinge beschreibt. Ob nun die Zeremonien in Kärnten oder Indien, ob hinten und vorne verstärkte, schwarze Socken oder gelbe, duftende Gladiolen. Er malt Bilder mit seinen Worten. Er verbindet die schwierige Beziehung zu seinem Vater und dem österreichischen Dorfmief mit der Weltstadt Tokio, in der er nur schwer eine Kerze findet um trauern zu können und der faszinierenden Beschreibung der hinduistischen Rituale, um mit dem Filmtod Winnetous zu schließen. Roppongi ist keine leichte, keine seichte Abendlektüre zwischen Daily Soap und Mario Barth. Dabei handelt es, wie diese beiden Unterhaltungsformen, vom Leben. Und etwas, das dazu gehört, dem Sterben.
Rezension vom 25.08.2010 (11)
K94 Dardamen von Chiara Strazzulla Kategorie: Kinder- und Jugenbuch
DARDAMEN
- Gefährten der Finsternis
von Chiara Strazzulla
Verlag: CBJ
Seiten: 797
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-570-13741-3
Ich weiß, wir sind nicht mehr dieselben wie früher. Und doch mag auch ich nicht an das Geschwätz glauben, die Zeit der Helden sei vorbei. Wenn Frieden herrscht, findet man schwerlich heraus, ob und wo es sie gibt. Doch sobald ein Kampf ansteht, kommen die Helden hervor. Ich bezweifle, dass auch nur einer Eurer Generäle Held genannt wurde, ehe er dem Feind gegenübergestanden hat. Und so wird es ganz sicher auch irgendwo unter uns Helden geben, nur wissen wir noch nicht, wer sie sind.
Lyannen wird von seinem Volk, den Ewigen, verachtet, weil er ein Halbsterblicher ist. Sein Vater ist der Hauptmann Dardamens und einer der ersten Ewigen, aber seine Mutter ist eine geborene Sterbliche und im Gegensatz zu seinen Geschwistern sieht man Lyannen diese Wurzeln an. Doch trotz dieser sozialen Ächtung führt er ein angenehmes Leben in Dardamen, der Hauptstadt des Ewigen Königreichs. Seine Freizeit verbringt er mit seinen besten Freunden Validen, Elfhall und Drymn, doch von ihnen wird er bald getrennt sein. Im Gegensatz zu Lyannen wurden sie alle im Heer der Ewigen aufgenommen, um gegen einen mächtigen Feind zu kämpfen. Nur Lyannen wurde abgelehnt, was für ihn schlimmer ist als jede Beleidigung und jede Ignoranz.
Doch dies ist längst nicht das größte Problem, mit dem Lyannen zu kämpfen hat. Er hat sich in Eileen verliebt. Eine junge und tragische Liebe, die auf verlorenem Boden kämpft, denn Eileen ist die Prinzessin des Ewigen Königreiches, die ihrem zukünftigen Ehemann, den Königstitel in die Ehe mitbringt. Nie würden die Ewigen Lyannen, einem Halbsterblichen erlauben König zu werden. Aber als sich ein großer Schatten über Dardamen ausbreitet, kann Lyannen beweisen wie viel er wert ist. Der Herr der Finsternis, der Führer des dunklen Heeres das gegen Dardamen marschiert, ist ein schrecklicher Gegenschlag gelungen. Er hat Eileen entführt. Der Stern der Ewigen muss gerettet werden und so macht sich Lyannen mit seinen Freunden auf die Frau zu retten, die er über alles liebt.
Gleichzeitig, viele Meilen von Dardamen entfernt, überquert der junge Sylman die Grenze zu den Unbekannten Ländern, die noch nie ein Ewiger betreten hat. Er begleitet einen alten Ewigen, den alle nur den Einsamen nennen. Denn er hat alles verloren, was ihm einst was bedeutete und so zog er sich in die Wildnis zurück, um sein einstiges Leben zu vergessen. Seitdem führt er ein Leben im Verborgenen und wurde selbst zur Legende. Doch vor dreihundert Jahren vertraute ihm das Schicksal den jungen Sylman an, um den er sich fortan kümmerte. Für Sylman ist der Einsame wie ein Vater, Freund und Mentor zugleich und nie würde er von seiner Seite weichen. Doch dann offenbart ihm der Ewige sein Schicksal und Sylman muss den Weg gehen, der ihm vorbestimmt wurde. Denn ohne ihn ist das Reich der Ewigen vielleicht dem Untergang geweiht.
„Dardamen“ ist ein High Fantasy Spektakel der Extraklasse. Der Leser findet sich in einer Welt wieder, die ihm vollkommen neu ist und erfährt nach und nach mehr über seine Bewohner, seine Vergangenheit und das Leben in dieser fremden Umgebung. „Dardamen“ bietet ganz große Unterhaltung und schafft es seinen Leser für viele Stunden zu fesseln. Jeder der High Fantasy liebt wird von der Geschichte um die Ewigen begeistert sein, allerdings dürfte es Unerfahrenen einige Schwierigkeiten bereitet, da das Buch einiges von seinem Leser fordert und volle Aufmerksamkeit nötig ist um den vielen Handlungssträngen zu folgen. Die Idee hinter „Dardamen“ mag nichts Neues sein, aber ist trotzdem genial und lässt das Herz höher schlagen: Eine spannende, fantasiereiche und abenteuerliche Quest junger und alter Helden, bei der nichts weniger auf dem Spiel steht, als das Leben der freien Völker und das Schicksal der Welt.
An der Handlung ist nicht viel auszusetzen, wenngleich leichte Kritikpunkte durchaus auffallen. Die Idee selbst ist nicht zu bemängeln, da sie mich vollkommen begeistern konnte. Ich liebe es in fremde Welten abzutauchen und kam in dieser Geschichte voll auf meine Kosten. Allerdings scheitert die Autorin an ihrem Bösewicht, von dem ich wirklich enttäuscht war. ‚Die Finsternis’ war mir persönlich zu langweilig, da hätte ich mir einen tiefgründigeren und interessanteren Feind gewünscht und nicht einfach jemand bzw. etwas, das einfach nur böse ist, ohne irgendwelche Grautöne. Jedoch konnte ich diesen kleinen Kritikpunkt schnell vergessen, was an dem großen Ideenreichtum von Chiara Strazzulla liegt. Sie hat eine vollkommen neue Welt entworfen, mit vielen facettenreichen Völkern und einer detailreichen Vergangenheit.
Die Handlung wird aus den Perspektiven von vielen verschiedenen Charakteren erzählt. Dem stehe ich noch immer recht zwiespältig entgegen. Selbstverständlich wird ein großer Teil der Geschichte aus der Sicht von Lyannen und Slyman erzählt. Jedoch kommt fast jeder weitere wichtige Charakter ebenfalls irgendwann einmal an die Reihe. So gibt es Abschnitte aus der Sicht von Vandriyan, Ventel, Tyke, Eileen, Scrubb, dem Einsamen und so weiter. Auf der einen Seite verstehe ich durchaus den Gedanken dahinter. Durch die vielen verschiedenen Sichtweise konnte der Leser einen besseren Überblick über die Geschichte erlangen und konnte die Handlung aus jeder Sicht verfolgen, die dann erst am Ende zusammengeführt wurden. Jedoch denke ich, dass es gerade für einen Neuling in dem Bereich Fantasy eine Tortur sein dürfte.
Mir hat ihre Erzählweise gut gefallen, aber ich befürchte, dass sie auch viele Gegner findet. Wirklich bewundernswert finde ich, dass man anfangs das Gefühl nicht los wird, dass die Autorin ihre Handlungsstränge selbst nicht unter Kontrolle hat und sie wohl nie zusammen führen kann. Aber genau dies tut sie und man kann das Ergebnis nur gelungen nennen. Ich hatte viel Spaß die Handlung aus so vielen Sichten mitzuerleben und sehe es persönlich daher auch als großen Pluspunkt an. Ohne die vielen verschiedenen Perspektiven wäre der Geschichte sicher einiges verloren gegangen.
Durch die vielen verschiedenen Sichtweise lässt sich nur schwer sagen, wer als Haupt- und Nebencharakter anzusehen, da die Grenzen oft verschwimmen. Was die Protagonisten angeht habe ich leider einige Kritikpunkte. Chiara Strazzulla bombardiert ihre Leser mit einer Unmenge an verschiedenen Charakteren. Jeder noch so unwichtige Nebencharakter erhält seinen Namen und gerade am Anfang musste man sich erstmal darauf einstellen immer mehr Namen geliefert zu bekommen, die man sich merken muss. Nicht gerade erleichtert hat dies die Tatsache, dass einige Namen kaum vom anderen zu unterscheiden waren. So hatte selbst ich teilweise Momente, in denen ich erstmal nachdenken musste, wer jetzt eigentlich an der Handlung beteiligt ist.
Nicht zuletzt durch den Klappentext und die etwas häufigere Sichtweise, sticht Lyannen als Hauptcharakter durch. Und hier gab es ebenfalls ein kleines Phänomen zu melden, mit dem ich selten zu kämpfen habe und das mir einiges abverlangt hat. Ich konnte mich mit dem Hauptcharakter einfach nicht anfreunden. Lyannen ist verzogen, selbstsüchtig, bemitleidet sich selbst und nervt teilweise gewaltig. Ich weiß nicht, ob dies wirklich von der Autorin beabsichtig war, da sich wohl niemand gerne mit einem unsympathischen Helden quält.
Doch wenngleich Lyannen und ich sicherlich nie Freunde werden, konnte Chiara Strazzulla mich durch ihre anderen Charaktere mehr als besänftigen. Die restlichen Protagonisten konnten nämlich umso mehr glänzen. Sylman und der Einsame waren für mich ein echtes Highlight und auch Tyke habe ich sofort ins Herz geschlossen. Der heimliche Star war für mich Rabba Nix, der mich immer wieder zum lachen gebracht hat. Er war urkomisch und unglaublich liebenswert. Scrubb fand ich ebenfalls sehr faszinierend und habe mich immer gefreut, wenn wieder ein Abschnitt aus seiner Sicht kam. Und ohne zuviel verraten zu wollen…wie es für ihn am Ende ausgeht, hach, da hat Chiara Strazzulla mich noch mal dazu gebracht ihr Lyannen zu verzeihen. Die Protagonisten sind liebenswert und einzigartig, sie sind mir ans Herz gewachsen und das hätte ich mir auch bei Lyannen gewünscht.
Ein wichtiger Teil ist die Sprache, der ich mich als nächstes zuwenden möchte. Ich war anfangs etwas schockiert, weil ich das Gefühl hatte, dass Chiara Strazzulla schamlos versucht Tolkiens wunderbare Schreibweise zu imitieren, woran jeder Autor nur scheitern kann. Das Gefühl wurde ich auf den ersten Seiten nicht los, aber glücklicherweise hat sich dies nach einiger Zeit gebessert und irgendwie schien sie mehr und mehr zu ihrem eigenen Stil zu finden. „Dardamen“ lässt sich, wenn man erstmal drin ist, sehr angenehm lesen. Es fesselt und an bestimmten Punkten kann man nicht mehr aufhören zu lesen. Man muss jedoch Durchhaltevermögen zeigen, weil es wirklich seine Zeit dauert, bis man im Roman drin ist.
Alles in einem, dürfte auffallen, dass ich durchaus zu den meisten Punkten kleine Kritikpunkte hatte. Allerdings möchte ich trotzdem eine Empfehlung für „Dardamen“ aussprechen. Schlichtweg, weil Chiara Strazzulla es trotz dieser negativen Aspekte geschafft hat, mir „Dardamen“ nahe zu bringen. Es hat mir Spaß gemacht das Buch zu lesen und ich werde es eines Tages gerne ein weiteres Mal in die Hand nehmen um in die Welt der Ewigen zurückzukehren. Ich habe mit den Charakteren mitgefiebert und war gespannt wie es weitergeht. Die Umsetzung mag nicht perfekt sein, aber dies konnte durch die vielen guten Seiten dieses Romanes wieder ausgeglichen werden, sodass ich schlussendlich nur sagen kann, dass „Dardamen“ auf jeden lesenswert ist.
Der Roman ist jedoch, wie erwähnt, der High Fantasy zuzuordnen. Wer solch Romane liebt, dem kann ich nur raten, sich „Dardamen“ augenblicklich zu kaufen. Man muss anfangs etwas Durchhaltevermögen zeigen, aber man wird wirklich belohnt. Einige Charaktere sind wahre Highlights und die Story sprüht nur so vor Ideenreichtum. Wer mit Fantasy allgemein nicht viel anfangen kann, sollte um „Dardamen“ einen großen Bogen machen. Gleiches gilt auch für Leser, die sich in dem Genre noch nicht auskennen oder schnell überfordert sind, wenn einem mehrere fremde Namen begegnen. Fantasy Liebhaber werden aber sicherlich nicht enttäuscht. Daher also eine zweigeteilte Empfehlung. Dieses Buch ist wirklich nur etwas für Leser, die dieses Genre lieben und bereits Erfahrungen gesammelt haben.
Als möchte ich noch kurz auf das Cover zu sprechen kommen. Es ist ein absoluter Blickfang, da wird mir bestimmt keiner widersprechen. Dem Cover ist es auch zu verdanken, dass ich dieses Buch sehr schnell in den Händen hielt, als ich es zum erste Mal sah. Ich habe einigen Kritiken entnommen, dass sie dieses Cover als unpassend empfinden. Dem möchte ich nun absolut widersprechen. Das Cover ist wirklich genial und absolut passend. Um den Zusammenhang zwischen dem Cover und dem Buch zu verstehen, muss man das Buch jedoch wirklich zu Ende gelesen haben…dann ergibt alles ein Sinn. Ich war von der Wahl des Covers sehr begeistert und schließe daher meine Rezension auch mit einem Zitat aus dem Buch ab, welches sich auf die Person bezieht, die auf dem Cover zu sehen ist.
Er kannte diese Flamme, obwohl er ihr niemals einen Namen hatte geben können. In gewisser Weise hatte sie, wenn auch im Verborgenen, schon immer in seiner Brust gelodert, schon seit seiner Geburt. Ohne es zu wissen, spürte er, dass sie da war. Er konnte mit allen Flammen der Welt dort draußen spielen, weil er wusste, dass in ihm eine innere Flamme brannte, die seine Seele verzehren konnte. Und das war die Flamme, deren Name er trug.
Er wusste es noch nicht, doch diese Flamme war Rebellion.
FAZIT
High Fantasy der Extraklasse! Der Roman glänzt vor lauter Ideenreichtum, behandelt das allzeit beliebte Thema gut gegen böse und überzeugt dabei durch sehr interessante und liebenswerte Charaktere. Trotz einiger Kritikpunkte kann „Dardamen“ letztendlich doch überzeugen. Lesenwert und absolut zu empfehlen, aber nur für Leser, die dieses Genre wirklich lieben, da dieser Roman hohe Ansprüche an seine Leser stellt.
NOTE
8,5 / 9 Punkten









