Was für ein Buch!
Durch die Augen von Phèdre lernt der Leser die Welt bzw. das Land Terre d'Ange kennen. Dass dieses sich stark an unserem Frankreich orientiert, sieht man an der Karte und in der Sprache. Die Namen, die allesamt höchst französisch klingen, sind aber teilweise so übertrieben und kompliziert, dass dies für mich (trotz sehr guter Französischkentnisse) ein kleiner Minuspunkt war. Das Personenregister war für mich persönlich so gut wie nutzlos, weil ich erstens nicht gerne hin- und herblättere und zweitens, weil es nicht sehr aufschlussreich darüber ist, wer wie mit wem in Vebindung steht. Ich merke mir nur Charaktere, die mir als Leser richtig "vorgestellt" wurden.
Das erste Drittel (und ich glaube sogar, dass es genau ein Drittel war) des Buches verläuft sehr ruhig. Phèdre wächst auf und muss lernen, mit dem zu leben, was sie ist, nämlich eine anguisette, eine Kurtisane, die Vergnügen an Schmerzen empfindet. Als Schülerin von Delaunay verbringt sie aber den größten Teil ihrer Kindheit damit, zu lernen und zu üben und so viel Wissen wie möglich in sich aufzusaugen. Auch wenn dieser Abschnitt von Phèdres Leben eher ruhig und mit wenig Action verbunden ist, war mir nie langweilig. Denn der Mangel an schnellen Handlungsabfolgen wird dadurch wettgemacht, dass man als Leser diese fremde und doch bekannte Welt entdecken darf und mit ihr einige Charaktere, die man auch liebgewinnt, wenn sie nicht auf jeder Seite vorkommen. So ist mir zB. Hyacinthe sehr ans Herz gewachsen.
Nach dieser Art Einführung geht es aber los! Da reihen sich Geschehnisse an Geschehnisse, Intrigen werden aufgedeckt (wenn auch anfangs nur teilweise) und Maßnahmen ergriffen. Ich möchte hier eigentlich gar nichts verraten, aber es wird in diesem Buch oft so spannend, dass ich sicher 150 Seiten am Stück gelesen habe, ohne mich auch nur zu bewegen. Abgesehen vom Spannungsbogen, der dann auch bis ganz zum Ende gehalten wird, ist es auch faszinierend, wie die Charaktere sich entwickeln. Wie im echten Leben werden sie getrieben von Geschehnissen aus ihrer Kindheit oder von Menschen, die ihnen lieb sind. Phèdre wächst über sich hinaus und ihre Geschichte wird von der einer außergewöhnlichen Kurtisane, einer Dienerin Naamah's, zu einer viel größeren, einer, die sich weder sie selbst noch ich als Leser mir erträumt hatte.
Das größte Plus dieses Buches ist wohl die Atmosphäre. Auf jeder Seite wird man durch die wunderschöne, leicht schnörkelhafte Sprache Jacqueline Careys in die schöne Welt von Terre d'Ange gezogen und der Unterschied zu den Skaldi oder auch den Leuten aus Alba, fällt sogar beim Lesen auf. Was ich auch besonders schön fand, war, wie ungezwungen mit körperlicher Liebe umgegangen wird. "Love as thou wilt" ist der Spruch des Gottes Elua, und danach leben die Charaktere in diesem Buch wirklich. Ob Männlein mit Männlein, Weiblein mit Weiblein oder bunt gemischt, macht dabei keinen Unterschied. Auch Vorlieben werden ausgelebt und einfach hingenommen. Außerdem ist dies eines der Bücher (und ich hätte nicht gedacht, eine solche Message in einem Fantasy-Schinken zu finden), das zeigt, wie viele verschiedene Arten von Liebe es gibt. Warum man mit jemandem schläft, ob man jemanden als Freund oder als Liebhaber oder als Menschen, den man ehrt, liebt - das alles macht einen Unterschied und ich finde es wunderschön, dass in Phèdre nó Delaunays Welt so erfrischend locker damit umgegangen wird.