"Das Rennen ist eine Schlacht. Ein Gewirr aus Pferden und Männern und Blut. [...] Gischt in deinem Gesicht, die tödliche Magie des Novembers auf deiner Haut, Skorpio-Trommeln anstelle deines Herzschlags [...] Es ist das Leben und der Tod oder beides auf einmal und nichts ist damit vergleichbar."
["Rot wie das Meer"|Maggie Stiefvater|Seite 381]
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... und nichts ist damit vergleichbar. Das triff es wohl exakt auf den Punkt. "Rot wie das Meer" entführte mich an einen Ort, der so skurril wie besonders, schaurig wie schön zugleich ist. Ein Ort, der sich mit rein gar nichts zu vergleichen lassen scheint.
An eben diesen Ort, Thisby genannt, lockt Maggie Stiefvater vom Beginn des ersten Satzes an ihren Leser mit geradezu betörend schönen Worten: Als wahre Künstlerin und Meisterin spielt sie mit Worten mit einer so scheinbar großen Leichtigkeit, als wäre es ein Kinderspiel, lebendige und sprühende Bilder vor das innere Auge des Lesers zu zaubern. Ihr Schreibstil strotzt in einem Moment regelrecht vor ungehaltener, sprudelnder Lebendigkeit, nur um im nächsten in eine stille, ruhevolle Melancholie zu verfallen. Es scheint fast so, als hätte Maggie Stiefvater ihren Schreibstil der Unberechenbarkeit des Meeres angepasst: Aufbrausende, brechende Wellen folgen auf gleitende, ruhegrtränkte Wogen.
Doch nicht nur das - Die von ihr geschaffene Geschichte wirkte mit einem ebenso meeresähnlichem Sog auf mich ein. So vieles trifft in "Rot wie das Meer" zusammen und kreiert ein wundervolles, farbenfrohes Meer voller verschiedenfarbiger Nuancen: Bestialische, tödliche Wasserpferde, eine kleine, bescheidene und altertümliche Insel, Leben in Tradition, Leben mit Konventionen, Heimatliebe, Abschied, jegliche Art von Verlust, Trauer, Eifersucht, Loyalität, Misstrauen und Hass und Liebe in all ihren nur erdenklichen Schattierungen.
Auf knapp 430 Seiten lässt Maggie Stiefvater einen absolut unbekannten Mythos aufleben, packt sämtliche zwischenmenschliche Beziehungen hinein und erzählt hingebungsvoll vom Leben und (Nicht-) Leben -lassen auf der beschaulichen kleinen Insel Thisby. Beim ersten "Betreten" dieser Insel erscheint Thisby mit all seinen seltsamen Bewohnern noch ziemlich befremdlich. Eigenartig erscheinen diese ungewöhnlichen Kreaturen, die Capaill Uisce (ausgesprochen: Kappl Ischke) genannt werden, und jedem außer dem Leser selbst ein Begriff zu sein scheinen.
Auch nach dem zweiten Schritt auf Thisbys Boden ist man nicht sicher, was man von dieser durch und durch absonderlichen Insel halten soll, bis... Es um einen geschieht. Bis Maggie Stiefvater dem Leser ihre literarische Hand reicht, in die Ställe des Malvern Hofes, an Thisbys Strand und in das kleine Café von Dory Maud entführt. Bis man den ersten Ritt auf einem Capaill Uisce erlebt, die Abenteuerlust einen gefangen hat und man mit Bangen, Hoffen und Zagen zugleich dem bevorstehendem Skorpio-Rennen entgegenblickt. Bis man dieser Geschichte und seinem Sog mit Haut und Haaren verfallen ist.
Mich holte an keiner - wirklich an überhaupt keiner - Stelle die Langeweile oder eine Vorstufe der Langeweile ein. Trotzdem werden auch ruhigere Töne angeschlagen, wobei sich Situationen oder Beziehungen niemals überstürzt oder unnachvollziehbar schnell entwickeln. Noch dazu zagt Stiefvater nicht mit ausführlichen, bildhaften Umschreibungen, die mich dazu veranlassten, ununterbrochen das Gefühl zu haben, ebenfalls eine Besucherin auf Thisby zu sein und aufmerksam mit gespitzten Ohren Pucks und Seans Geschichte zu lauschen, in deren Rollen Maggie Stiefvater mittels der Ich-Perspektive abwechselnd schlüpft.
Dabei werden nicht nur erwähnte beiden Protagonisten authentisch dargestellt - auch die nervigsten, boshaftesten, unnahbarsten und eigenartigsten Bewohner dieser Insel erscheinen allesamt so lebensecht, als gäbe es alle der Thisby Bewohner tatsächlich, sodass es mich schon beinahe schmerzte, von diesen am Ende des Buches Abschied nehmen zu müssen. Glücklicherweise geschieht dies jedoch nicht mit einer schlagenden Wucht, der Leser wird nicht unsaft aus dem Geschehen dieses abgeschlossenen Einzelbandes herauskatapultiert - Vielmehr endete "Rot wie das Meer" relativ offengehalten mit einem sanftem Wellenschlag, bevor ich Thisby lächelnd und weinend und bedauernd zugleich verließ.
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FAZIT:
Von knapp 430 Seiten brauchte es höchstens 150, um mich in diese Geschichte mit all seinen Schrecklichkeiten und vor Schönheit strotzenden Abenteuern zugleich verliebt zu machen. Jeder, der mit pochendem Herzen den Strand Thisbys erkunden, Novemberkuchen essen und das Schlagen der Hufen eines Capaill Uisce hören möchte, sollte sich schleunigst auf den Weg nach Thisby machen, eine unvergleichliche Insel voller lebensechter Charaktere und sowohl schaurigen als auch ungeheuer schönen Absonderlichkeiten zugleich.