Faszinierende Komposition
Tea Obreht gelingt mit "Die Tigerfrau" eine meisterliche Komposition unterschiedlicher Erzählebenen und -traditionen: Zum einen bedient sie sich einer klaren Sprache, zum anderen erinnert ihre detailreiche Art der Darstellung, das Verweben von Realität und Fantasie, an Werke großer südamerikanischer Erzähler.
Der Roman lebt von Kontrasten: Wissenschaft und Aberglaube, Christen und Muslime, Vergänglichkeit und Ewigkeit. Letztendlich sind es die Geschichten, die Überlieferungen eines Volkes, die alles überdauern und eine oft dunkle Realität mit einem Funken Farbe ertragen helfen...
Die junge Ärztin Natalia Stépanovic weiß, dass ihr geliebter Großvater krebskrank ist. Aber wirklich darauf vorbereitet, ihn zu verlieren, ist sie nicht. Auf den Tod kann man sich nicht einstellen. Der Anruf der Großmutter erreicht sie, als sie zusammen mit einer Kollegin in einem Waisenhaus in Südosteuropa tätig ist und humanitäre Hilfe leistet.
Während sie - eine Wissenschaftlerin, die in die Fußstapfen ihres bewunderten Großvaters getreten ist - Kindern im Waisenhaus Impfungen verabreicht, ist eine Gruppe Menschen dabei, hinter dem Kloster nach einem Verstorbenen zu graben, um ihm eine würdige letzte Ruhestätte zu bereiten. Hintergrund dieser Aktion in der feste Glaube, nur so gegen Krankheit, Leid und Sterben anzukommen. Als Ärztin lehnt Natalia diese Art des Aberglaubens ab; sie würde die erkrankten Kinder lieber untersuchen und behandeln. Zugleich versteht sie das Bedürfnis, Toten Ehrerbietung und Wertschätzung entgegen bringen zu wollen.
Immer wieder wandern ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück. Und während sie der Geschichte ihrer Familie nachspürt, sich aufmacht durch ein Land zerrissen zwischen Idylle und kriegsbedingter Zerstörung, werden die Geschichten des alten Mannes lebendig.
So lange sie zurückdenken kann, war ihr Großvater "kahl wie ein Stein" (S. 7). Sie erinnert sich an gemeinsame Zoobesuche. Er zeigt ihr die Tiger, die sie über alles bewundert. Bei ihm stets eine Ausgabe des "Dschungelbuchs", aus der er seiner Enkeltochter vorliest. Und er erzählt ihr eine rätselhafte Geschichte über eine Frau, die diese Tiere so sehr liebte, dass sie fast selbst zu einem wurde.
Ein junges, taubstummes Mädchen, vielleicht 16 Jahre alt, lebt als Muslimin allein unter Christen. Im Heimatdorf des Großvaters wird sie gemieden. Sie geht eine ungewöhnlich intensive Bindung mit einem gefürchteten Tiger ein, der infolge eines Bombenangriffs aus dem Belgrader Zoo entkommen ist und sich in der Nähe des kleinen Bergdorfes aufhält. Die junge Frau kümmert sich um das ausgehungerte Tier. Sie füttert es, was den Dorfbewohnern befremdlich und bedrohlich erscheint.
Sie ist die Frau des Schlachters Luka, der mit blutiger Schürze bedient, den Geruch des Todes an jeder Faser. Dieser schlägt und quält seine junge Frau, der er keinerlei Respekt entgegenbringt. Als sie schwanger wird und Luka verschwindet, verbreitet sich unter den abergläubischen Einwohnern die Kunde, dass der Tiger in Wahrheit der Vater des Babys sei...
Die zweite wichtige Figur innerhalb der Geschichten des Großvaters ist Gavran Gailé, ein Mann, der nicht sterben kann. Er weiß, wann die Uhr eines Menschen abgelaufen ist, zieht umher und sagt den Tod voraus, bevor er die Seelen Verstorbener auf die anderen Seite begleitet. Natalias Großvater begegnet diesem mysteriösen Fremden mehrmals in seinem Leben. Obwohl Gavran Gailé den Beweis seiner Unsterblichkeit erbringt - er treibt über Stunden hinweg im Wasser und hat zwei Kugeln im Hinterkopf - bleiben Zweifel. Der Großvater - ein gebildeter Mann der Wissenschaft, ein Chirurg - vermag nicht vollständig zu glauben, was er erlebt.
Es sind faszinierende, tiefe Metaphern, die sich hier entfalten: Mit all seiner Kunst und all seinem Wissen gelingt es dem Wissenschaftler nicht, den Tod vollständig zu erfassen oder ihn zu besiegen. Der Tiger, gefährlich, wild und frei, hungrig, wenn er von seinen Fesseln befreit ist, ist zähmbar. Die einzelnen Fäden, Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie verbinden sich im Lauf der Handlung nach und nach mit viel Eleganz und Geschick zu einer Geschichte. Dabei bleibt viel Raum für eigene Interpretationen.
Es ist ein Buch, das bereits mit dem ersten Satz fesselt und nicht mehr los lässt. Ein beeindruckendes Debüt einer jungen Autorin, von der man hoffentlich noch viel lesen wird!