Theo Vilmos ist ein ganz normaler Amerikaner im besten Alter. Nun, vielleicht nicht ganz normal. Die langen Haare, die Affinität zum Motorradfahren und die Tatsache, dass er arbeitslos ist, aber trotzdem (vorerst) genug Geld hat, um sich ein paar Monate in einer einsamen Hütte zu leisten, heben ihn etwas vom Durchschnitts-Menschen ab. Aber wie jeder Durchschnitts-Mensch hat Theo seine ganz besondere und nach Murphy’s Law geballte Pechsträhne. Seine Frau erleidet eine Fehlgeburt und verlässt ihn daraufhin ohne ein Wort und nur mit den verachtungsvollen Blicken ihrer Eltern, wirft ihn aus der Wohnung, weshalb er zu seiner Mutter ziehen muss. Nach wenigen Monaten erfährt er, dass diese sich aufgrund eines Tumors zu dem Ungeborenen begeben muss. So steht Theo schließlich alleine und seiner letzten Stütze beraubt da. Um sich nach dem Höllentrip den letzten Fragen der Selbstfindung zu stellen, verkauft er das mütterliche Haus und besorgt sich stattdessen ein abgelegenes in den Bergen, mit einem Finanzpolster, der zumindest die ersten Monate vorhalten sollte. Mit sich nimmt er das mysteriöse Manuskript eines tot geglaubten Verwandten. Es erzählt von der Welt Faery und seinen Feenbewohnern, die so ganz anders wirken als unsere modernen Feen. Und da das Buch im Buch nicht alles sein kann, muss Vilmos am eigenen Leib erfahren, dass Faery nicht das Hirngespinst einen Onkels ist, sondern wirklich existiert. Auch muss er erfahren, dass die Totgeburt seiner Frau nicht so willkürlich geschehen ist, wie er annahm.
„The War of the Flowers“ hebt sich in vielerlei Aspekten von Tad Williams’ bisherigen Werken ab. Zuallererst – und was vom Verlag am meisten promoted wird – ist es ein Buch ohne Nachfolger. Es wird also nicht wie bei Otherland oder beim Drachenbeinthron noch drei weitere Bände geben, nein, die Geschichte ist in (immerhin doch) 675 Seiten abgeschlossen. Und was für eine Geschichte!
Tad führt uns weg vom normalen Feen- oder auch Elfenbild und bringt uns eine Rasse näher, die nicht im Mondlicht tanzt, lacht und musiziert und schon gar nicht nett ist. Seine Elfen entsprechen nur bedingt denen Tolkiens, die unsere Vorstellung geprägt haben. Zwar sind sie wunderschön und anmutig, aber ihre Welt besteht nicht aus Musik, sondern aus knallharter Politik. Sieben führende Familien rivalisieren sich um die Herrschaft Faerys, seit sich das Königspaar (auch als Oberon und Titania bekannt) zurückgezogen hat. Dabei schrecken sie nicht vor Massenmord, Menschenexperimenten oder tückischer Intrige zurück.
In diese Welt wird Theo geworfen, als helfende Hand nur das Manuskript und die gelegentlichen Ratschläge der etwas zickigen Fee Applecore (die schon mehr unserem Feenbild entspricht, wenn auch der Niedlichkeitsfaktor nicht ganz zutrifft), die ihn vor einem Mordanschlag bewahrt hat. Theo reist durch das Land, lernt verschiedenste Rassen und Elfenfamilien inklusive ihrer Eigenarten kennen und erfährt dadurch von seiner eigenen Verwicklung in der Geschichte, sowie der seines Onkels.
Für mich persönlich ist „The War of the Flowers“ ein großer Schritt im Bereich Fantasy. Tad bringt es fertig, die Klischées nicht wiederzukauen, sondern wirklich neue Dimensionen zu setzen. Schon die Tatsache, dass die Elfenfamilien die Namen von Blumen tragen – wodurch der Titel zustande kommt – gibt dem Roman eine wunderbare Atmosphäre. Hinzu kommt, dass er Themen, die auch bzw. vor allem außerhalb des Fantasy-Bereichs diskutiert werden, anspricht und in sein Setting einbaut. Klassensystem, Sklaverei und natürlich Klischéedenken (sowie viele mehr) werden geschickt mit der Geschichte verflochten und bilden einen Bezugspunkt, in dem der Leser sich wieder finden kann. Dies wird mit einer gehörigen Portion Humor verpackt, hauptsächlich von der Fee Applecore getragen, die man im Verlauf der Geschichte so richtig lieb gewinnt.
Wirklich, ich würde den ganzen Tag Fantasy lesen, wenn in jedem Fantasy-Buch so viel Fantasie und Innovation liegen würde. Wer etwas Gutes und Neues lesen will und eine Geschichte, in die man nach den vielen Tolkien-Kopien wieder so richtig eintauchen kann, sollte diesen Roman lesen. Ich lege ihn jedem Liebhaber des Genres wärmstens ans Herz. Und weil ich mir vorstellen kann, dass der Übersetzer bei dem Buch einen Höllenjob hat und weiß, dass Namen wie Thornapple, Primrose oder Applecore im Deutschen einfach nicht so gut klingen werden, geht meine Empfehlung natürlich wie immer ans englische Original hinaus. Ich bereue es zumindest kein Stück, dass ich mir das Oversized-Format gekauft habe.