Wieder einmal stieß ich vor kurzem eher zufällig auf ein Büchlein, was in relativ einfacher Sprache geschrieben und dennoch kraftvoll ist. In wenig mehr als 150 Seiten beschreibt Akira Yoshimura eine Gemeinschaft und den Rhythmus ihrer Existenz überraschend detailliert und erweckt gleichzeitig alles zum Leben.
Es geht um Isaku und sein Erwachsen werden in einem abgeschiedenen Dorf an der Küste Japans. Obwohl keine Zeitangabe gemacht wird, lässt sich die Geschichte in das japanische Mittelalter verorten. Die Bewohner des Dorfes ernähren sich von Fischfang. Das Salz, was sie aus dem Meer gewinnen, tauschen sie im weit entfernten Nachbardorf gegen Reis und andere Dinge, die sie nicht selbst herstellen können. Zur Salzherstellung werden große Kessel am Strand aufgestellt, in denen Meerwasser verkocht wird bis nur noch Salz übrig bleibt. Das wird meist in stürmischen Winternächten gemacht, um O-fune-sama herbei zu rufen. Die Feuer der Kessel werden von den vorbei fahrenden Schiffen als Leuchttürme wahrgenommen, diese steuern darauf zu und kentern auf den Riffen. Die Dorfgemeinschaft holt sich dann von den Schiffen, was sie brauchen kann und entledigt sich gegebenenfalls auch noch der Besatzung, die noch am Leben ist. Das rauhe Leben der Menschen im Dorf, die ständig der Gefahr einer Hungersnot ausgesetzt sind, ist geprägt von religiösen Ritualen. Diese Rituale dienen dazu das Überleben des Dorfes im Sinne der Vorfahren sicherzustellen und fortzuführen.
In diesen Umständen muss sich besagter Isaku zurechtfinden. Als sich nämlich Isakus Vater in zeitlich begrenzte Sklavenschaft verkauft, um der Familie mit dem Geld das Überleben zu erleichtern, ist Isaku gerade einmal neun. Als ältester Sohn der Familie obliegen ihm schon bald die Pflichten des Vaters. Fischfang, der nächtliche Dienst an den Salzkesseln, Feuerholz beschaffen etc. sind alles Aufgaben, die Isaku lernen muss. Dazu kommen im Laufe der Zeit noch die anderen Hürden des Erwachsenwerdens. So gibt es da in der Nachbarschaft ein Mädchen, welches Isaku eines Tages zu seiner Frau (was traditionell im Alter von 15 bis 17 geschieht) machen möchte. Während des ersten Winters stirbt Isaku kleine Schwester an Unterernährung. Doch dann eines nachts zeigt sich O-fune-sama gütig und spült eine vollbeladenes Kaufmannsschiff auf das Riff der Bucht. Man entledigt sich kurzerhand der lästigen Besatzung und verteilt Reis, Zucker, Sojasauce, Geschirr etc. unter den Dorfbewohnern. Die "Beute" ist überaus üppig und man kann bei sorgsamer Aufteilung mehrere Jahre davon zehren. Isaku und seine Geschwister essen zum ersten Mal richtigen Reis nicht nur den Reisschleim, den die Mutter aus Sparsamkeit immer kocht. Das folgende Jahr vergeht wie alle anderen, mit einer Ausnahme: eines nachts im folgenden Winter wird ein Boot an die Küste gespült, man bedankt sich wieder für / bei O-fune-sama. Jedoch wissen die Dorfbewohner nicht, was sie sich da "ins Haus" holen...
Akira Yoshimura lässt seinen Leser in das tägliche Leben eintauchen: Arbeit, Ritual, Geburt, Tod. Man kann sich fast selber als Bewohner des Dorfes vorstellen. Er schafft es, dass man sich in den täglichen Kampf ums Überleben hineinversetzt. Noch wichtiger ist es, dass er es schafft, einem das Gefühl der Verzweiflung zu vermitteln, welches so etwas schlimmes wie Schiffbruch und so etwas grauenvolles wie Mord als einen Segen wahrnimmt. Ich kann diese schmale Bändchen uneingeschränkt empfehlen!