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Rezension vom 28.10.2012 (1)
Vor ein paar Wochen hatte ich mir im Vorbeigehen ein Mängelexemplar gegriffen: Liebesroman von Gerhard Henschel. Henschel war mir bis dahin nur vage als Titanic-Redakteur ein Begriff. Im Klappen-text dann entdeckte ich, dass der Roman der letzte einer Trilogie sei. Also von vorn, zuerst: Kindheitsroman.
Erst einmal bin ich über die Bezeichnung „Roman“ gestolpert, ist das Geschriebene doch mehr eine in meist kurzen Absätzen mit doppeltem Zeilenumbruch gehaltene, tagebuchartige (autobiographische? – hab ich nicht recherchiert) Aneinanderreihung von Erlebnissen einer Kindheit in den 70ern, die exemplarisch gewöhnlich ist und zugleich auch in dieser von Henschel dargebotenen Form wiederum außergewöhnlich. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, das einem so sehr das eigene Erinnerungsvermögen an die typischen und doch einzigartigen Kindheits- oder auch Jugendvorkommnisse und -wahrnehmungen ersetzt.
Diese kapitellose Anhäufung auf die lange Distanz von 500 Seiten kommt manchmal etwas ermüdend daher und ich vermisse als Leser mit meist literarischem Anspruch eben diesen, doch man kann ja jederzeit sowohl Buch als auch Anspruch beiseite legen; ich habe dann immer wieder gerne nach dem Buch gegriffen – eine kleine, sich für ein paar Tage aufgetane Sucht nach dem Sammelsurium so klardeutiger Parallelen zu eigenem Vergangenen, manchmal so alt und abgedroschen und doch rührt es die sentimentalen Reflexe an. Man kann willkürlich den Finger zwischen die Seiten legen und aufklappen:
S. 84
Das Boot durfte ich in die Badewanne mitnehmen. Hinten war ein Schalter zum Anmachen. Dann drehte sich unten die Schraube, und es fuhr zum Wannenrand. Wenn ich es unter Wasser drückte, flutschte das Boot wieder hoch.
S. 157
… Zusammen mit Lederstrumpf kämpfte der Mohikanerhäuptling Chingachgook. Es gab auch den Irokesenhäuptling Gespaltene Eiche. Als nach dem letzten Teil von Lederstrumpf noch Big Valley kam, sagte Mama, dass wir schon viereckige Augen hätten.
S. 252
In die Schule brachte Manfred Cordes Honigmuscheln mit, die man in der hohlen Hand halten und ausschlecken konnte, ohne daß Frau Katzer Lunte roch.
S. 437
Nach einem lahmen 1:1 (0:1) im Heimspiel gegen Hertha BSC putzte Gladbach Olympique Lyon im Uefa-Pokal-Rückspiel auswärts weg: 1:0 Valette (1.), 1:1 Bonhof (23.), 1:2 Simonsen (28.), 1:3 Bonhof (50.), 1:4 Kulik (64.), 2:4 R. Domenech (71.), 2:5 Simonsen (89.). Noch fünf, sechs Jahre, dann würde ich bei Gladbach mit Rainer Bonhof zusammen im Mittelfeld spielen.
Leider schied Eintracht Frankfurt gegen Dynamo Kiew aus, aber dafür schoß Gerd Müller in Magdeburg zwei Tore für Bayern München, und der Anschlusstreffer von Sparwasser nützte nichts mehr.
(Da hüpft das Männerherz, und Henschel spielt diesen Trumpf gegen Ende über Seiten hinweg immer wieder mit ausgedehnten Spielberichten und Tabellenständen und Torjägerlisten, da muss man(n) ja dabeibleiben)
Insgesamt gestaltet Henschel seine Beschreibungen meist mit satirischem, (selbst)ironischem Humor, man schwingt leicht von einer Damals-Impression zur nächsten, und trotzdem überkommt mich dabei doch immer wieder der Gedanke: es fehlt der Biss, der diese beschriebene Zeit kritisch hinterfragt, die Würze nicht nur der Ironie, der Gags, sondern auch die der Konfrontation. So ist alles von Klementine nicht nur sauber, sondern reingewaschen im Rahmen einer wohltuenden Rück-Sicht auf das Leben von einst.
Aber mit Hand auf’s Herz gefragt: was war mir als ~10-13Jähriger wichtiger: die von mir eigens angelegten Tabellenstatistiken, die lückenlosen Bravo-Starschnitte und die Autogrammadresseinblendungen der Hitparade oder die Kultur der kritischen Hinterfragung?!
Drum: nehme ich mir einfach die Freude, Spaß zu haben an Henschels „Roman“ und: irgendwann werde ich auch noch Jugendroman und Liebesroman lesen.
Doch nun: werde ich mich mit Genuss Max Frischs Montauk widmen – eine ganz andere Art der Lebensbeschreibung, und: literarisch eindeutig schwergewichtiger…
"Kein Lesen ist der Mühe wert, wenn es nicht unterhält." (William Somerset Maugham)
Gut, dass es die unterschiedlichsten Formen von Unterhaltung gibt…
Rezension vom 18.09.2012 (3)
Nachdem ich bis zu Ende die 920 Seiten von Jan Brandts Gegen die Welt durchwühlt hatte, jetzt ein Aufatmen, als Belohnung sozusagen: Antwort aus der Stille, ein kleines Frühwerk von Max Frisch mit einer Erstauflage von 1937.
Die Handlung ist gleich erzählt: aus einem sein bisheriges Leben in Frage stellenden Drang heraus zieht ein junger Mann in die Berge, um dort im Kampf mit der hohen und gewaltigen Natur existentielle Erfahrungen zu machen, Erfahrungen, die seinem Leben einen antwortenden Sinn geben sollen. Auf seinem inneren und äußeren Weg trifft er auf eine junge Frau, die ein Stück mit ihm zieht. Sie kommen sich nahe und unten, in der Hütte am Fuße der Berge, trifft seine Verlobte ein auf der Suche nach ihrem Balz…
Wie Frisch diesem „bescheidenen“ Rahmen Fülle gibt, ist wunderbar, ein Fülle mit Stimmungen und Gedanken über das an sich leere Leben und die Hoffnung, jener Same zu sein, der als wirkliches Leben aufgeht. … Es gebe ja auch Samen, die niemals aufgehen und niemals blühen, und wer könne denn wissen, meint er, wie viele Menschen die große und verschwenderische Natur versuche, damit ihr einer gelinge, der wirklich lebt und der bis an die Grenzen hin weiß, was es heißt, wenn er vom Leben redet, von Schmerz, von Sehnsucht und Schaffen, von Glück? … Der Protagonist gibt sich großen Zweifeln an den Ritualen des menschlichen Daseins hin, hadert mit dem Gewöhnlichen. In sentimentalen Rückerinnerungen wütet er in sich desillusionierend und noch gar nicht lang vergangene jugendliche Ansichten, Pläne, Wünsche relativierend. Und als wolle Max Frisch immer wieder dem Protagonisten die Augen öffnen und ihn hinstoßen zum Leben, das nur zu schauen ist: schreibt er um dieses Zweifeln herum und hindurch das einfachste, schöne, nie triviale Sehen der Natur. Nicht oft habe ich beim Lesen so klare Bilder vor Augen, von denen ich glaube, dass sie dem Sehen des Schreibers sehr nahe kommen. Wie auch in jenem Moment, in dem der Protagonist im Bach steht und in Erinnerung an die Kindheit ein aus Rinde geschnitztes Schifflein ins Wasser setzt und auch einen Staudamm baut, bis er beschämt entdeckt, dass er bei diesem Treiben beobachtet wird: … In diesem Augenblick will es der Zufall, dass der Dammbauer wieder mal sein Haar aus der Stirne streichen muß und dabei aufschaut. Und wie vom Blitz getroffen ist. Das tosende Wasser gestattet nicht einmal ein leichtes Wort, das alles lösen könnte, und sie können einander nur anschauen, die Zuschauerin auf der Brücke und der Mann, der wie ein Bub im schäumenden Bach steht und seine gesammelten Tannenzapfen wieder wegwirft, als wären sie gestohlen …
In diese umfließende Natur eingebettet flicht Frisch gekonnt, einfühlsam und bildhaft die Charakterentwicklung der wenigen Protagonisten, mit eigentlich erstaunlicher Reife für dieses noch junge Schriftstelleralter, und er tut dies klar und unumschweifend – … in der Radikalität des Denkens, in der Weigerung, sich vor sich selbst zu verstecken, steht dieser frühe Frisch hinter dem späteren und späten nicht zurück. (aus dem Nachwort von Peter von Matt, das ein umfangreiches und informatives ist)
Immer wieder nimmt Frisch das ungewohnte „man“ zu Hilfe, das den Leser mitheineinholt und doch die Protagonisten meint: … Und man wandert sehr angenehm, denn der Boden ist weich und fast federnd, wie im Ried, und die Schritte bleiben ganz lautlos. Nur dass dann und wann sein Pickel gegen einen Stein stößt, und dann klingt es sehr hell. Sonst hört man bloß noch das immer fernere und gedämpfte Rauschen, das den großen Talkessel füllt, das Rauschen der vielen Wasser, und mitunter auch einen schrillen Pfiff, wenn sich ein scheues Murmeltier flüchtet.
Immer wieder wird man angehalten, zu fühlen und nachzusinnen, sich an eigene Naturmomente zu erinnern: … Ringsum weidet unterdessen das Vieh, und es ist, als gehöre sein Gebimmel ebenfalls zur Stille; gegen hundert Stück mögen es sein, Kälber und Kühe, und einzelne sind bis in die ersten Felsen gestiegen, dort stehen sie und glotzen, dann schlagen sie weiter mit ihren Schwänzen und grasen weiter, während Irene eben ihre Milch trinkt… und ich fühle dieses auditive Stillebild und sinne nach, wie Töne auch der Stille zugehörig sein können.
Schön und eigen auch immer wieder der Stil: da spricht Frisch von einem kühnen Stein am Wasserlauf und ich denke, meist würde man eher schreiben von dem Mädchen, das kühn auf dem Stein steht, oder da schreibt er nicht vom Lachen, sondern von schallender Freude. Auch achtete ich hin und wieder darauf, ob sein Schreiben sich in irgendeiner Form im nationalsozialistisch politischen Sprachgebrauch der damaligen Zeit wiederfindet, doch nichts deutet darauf hin und lässt so eine distanzierte Gesinnung vermuten.
Und immer wieder die Frage nach dem Wozu:
…
Wozu?
Oder man kann auch ein Dichter werden, man kann mit Runzeln gehen und verzweifeln, weil man einen Reim nicht findet, der sehr wichtig ist, man kann brüten und brüten und über einen Vers vielleicht die Stunden vergessen, man kann sein ganzes Dasein vergessen und das Nichts in klingende Worte hüllen.
Beschäftigung ist alles.
Und wozu soll ein andrer nicht hingehn und unsere Erde vielleicht in lauter Purzelbäumen umwandern, oder den Ehrgeiz haben, daß er auf irgendeinen Nordgrat steigt?
…
Oder an anderer Stelle:
Dann schaut sie ihn an:
Ob er denn wisse, wozu man lebe? Fragt sie und scheint nicht erschüttert, als er gesteht, dass auch er es nicht wisse, obschon er darüber nachgedacht habe; sie lächelt nur:
„Aber sehen Sie – Sie leben ja auch.“
Wenn man das schon Leben heißen könne! Sagt er mit seinem höhnischen Lachen, während er seine Pfeife an der Mauer ausklopft …
Manchmal meine er, das Leben müsse ein Ding sein, das größer sei, unsagbar größer als alles, was er je erfahren habe, und das sei vielleicht die einzige Hoffnung, die einen noch am Leben erhalte: dass man das Leben vielleicht noch gar nicht kenne, nur seinen Namen …
Auch wenn Frisch diese Erzählung als misslungen aus seinem Gesamtwerk gestrichen hat und man das eine oder andere Auge hinsichtlich Kitsch- und Pathostendenz und angegrauten (Frauen)Bildern zudrücken muss: ich finde, dieses Buch ist schön zu lesen und ich werde sicher hin und wieder nochmals darin blättern. Und mich irgendwann wohl auch dem späteren und späten Frisch zuwenden…
Rezension vom 20.05.2012 (5)
Der erste Roman von Pia Ziefle, und ich hoffe: nicht der letzte!
Vorweg: ein näheres Eingehen auf den Inhalt ist hier nicht zu erwarten, mehr möchte ich über das literarische Erleben beim Lesen schreiben; diese Reflektion mag daher vielleicht mehr für diejenigen interessant sein, die Suna schon gelesen haben.
Durchzogen ist Suna von allerlei Themen und Unterthemen (die über viele Jahrzehnte hinweg nicht nur die Protagonisten des Romans bewegten), allen voran das durchdringende Thema der Liebe, aufgrund derer so viel geschieht
- gut dabei ist, dass sie nicht verklärt wird, die Liebe, dass sie viele Gesichter hat, dass sie manchmal undeutlich ist, manchmal sich selbst suchend, manchmal spröde daherkommt und nicht selten als nicht erreichbares Ideal sich verliert. Hinzu kommen das Thema der aufzuarbeitenden Familiengeflechte und die Themen der Einwanderung und des Pflegekinddaseins (zwei Themen, die im realen Leben sicher hin und wieder verknüpft sind, in einem Roman aber jedes für sich allein vielleicht genug wäre) – gut dabei ist, dass diese letzten beiden Themen im Roman von innen, von den Protagonisten aus sich entwickeln können und nicht aufdringlich politisiert und instrumentalisiert für eigene Anschauungen verwendet werden.
Der Reihe nach:
Ich hatte Pobleme, mich in den Roman einzufinden… vielleicht war es ja eine unkonzentrierte Phase des Lesens, in der ich keine wirkliche Kontur von den Handelnden zu fassen bekam und immer wieder überlegen musste, wer nun wer ist und wo sie alle ihren Platz haben im Familienkomplex. Auch verhakte ich mich immer wieder am Stil, der mir auf diesen ersten ~40 Seiten zu wankend war, so, als suche er noch nach literarischer Festigkeit: da schreibt Pia Ziefle über Seiten wunderbar dicht und erzählerisch hochwertig, nicht selten erinnerte ich mich an die familienbandige Erzählkraft vieler bekannter, südamerikanischer AutorInnen, und dann waren da immer wieder Sätze oder Worte, die plötzlich holperten und umgangssprachlich und unpassend mich aus diesem Eintauchen herausrissen. Ich legte Suna beiseite, las einige andere Bücher und erst ein paar Wochen später begann ich wieder zu lesen. Nicht nochmal von vorn, sondern von dort, wo ich aufgehört hatte.
Und dann hatte sie mich plötzlich über einige Kapitel hinweg: in den Kapiteln Johannes, Magdalena und Julka fand ich den Zugang zu den Zusammenhängen und Geschichten , die sprachlich phantasievoll und ausdrucksstark einen erzählerischen Teppich weben, auf dem ich mich niederlassen und erkennende oder verstehende Bilder im Rahmen der intensiven, abwechslungsreichen und bemerkenswerten Handlung entstehen lassen konnte. Mit zunehmender Dauer wuchs ich in die Wesenheit der Protagonisten hinein, die im Verlauf mehr und mehr Facetten und psychologische Tiefe bekommen und ich las viele gute Sätze, die prägnant sind, die bewegen und auch zum Schmunzeln anregen und die Anerkennung für literarische Gestaltungsfähigkeit auslösen müssen.
Ein wenig zurückgeworfen war ich dann wieder durch den Stilwechsel im darauffolgenden Kapitel Deutschland, der sicherlich einer erzählerischen Intention folgend bewusst gewählt ist – mich jedoch irritierte diese nun kühlere, unumschweifige, schnellere, direktere Sprache. Auch dieser Sprache ist Pia Ziefle mächtig, doch ich bin mir nicht sicher, ob diese Wechsel (in diesem Kapitel kommt, nicht ad hoc nachvollziehbar, noch der Wechsel vom Präteritum zum Präsens dazu) dem Gesamtgefüge des Romans zuträglich sind. Irgendwann begann ich auch damit zu hadern und es als anstrengend zu empfinden, dass mehr und mehr Geschehen sich anhäuft, alles ein wenig atemlos wird. Vielleicht ist dies dem Bedürfnis geschuldet, viele gute Ideen und eigene, sicherlich außergewöhnliche Erlebnisse und Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen.
Wie dem auch sei, versöhnt wurde ich durch das sehr gute Kapitel Karst, das mich ein wenig zur Ruhe brachte und das den Protagonisten Zeit gibt, in den tieferen Befindlichkeiten zu verweilen. Dieses Zeitlassen zieht sich hinein in die ersten Seiten des darauffolgenden Kapitels Inmitten meiner Kreise, sehr schön und nah schreibt sich Pia Ziefle dort in die aufkeimende Liebe zwischen Luisa und Tom hinein, das dazugehörige Internatsdasein darf sich für einen Moment ausbreiten, doch dann geht es wieder weiter auf nur wenigen Seiten: das Hasten von Ort zu Ort, von Begebenheit zu Begebenheit, von Entwicklungspunkt zu Entwicklungspunkt, Streifzüge im und um das Kloster, ein neuer Anlaufspunkt in einem türkischen Imbiss, Ferien bei den mittlerweile getrennt lebenden Pflegeeltern, Abiturfeier, ein neuer Job in einer Druckerei, RTL den ganzen Tag und klar der Balkan-Krieg, Schallplatten, Kiffen, Fieber in Lissabon und in dessen Folge mentale Verwirrtheiten (wunderbar eloquent und intellektuell ver-rückt geschrieben, die hätten noch ein paar Seiten mehr einnehmen können), ein depressives Erschöpfungssyndrom…
Und dann macht dieses atemlose Aneinanderreihen plötzlich Sinn: zuviel ist zuviel, nicht nur für den Leser, auch für die Protagonistin. Einer erinnernden Eingebung folgend blätterte ich kurz zurück zu den Gedanken der sechsten Nacht und fand ein paar kleine Worte, die für all das, was ich in den letzten Zeilen kritisch beschrieben habe, eine Erklärung geben könnten: … immer auf dem Sprung, nie am Ort und nie im Moment. Immer mit etwas befasst, das sie abhielt von dem, was im Jetzt möglich war.
Dann steuert das Buch auch schon auf das nächste existentielle Ereignis zu: das Wiedersehen von Luisa und ihrer leiblichen Mutter Julka nach langen Jahren. In Erwartung dieses Aufeinandertreffens wurde in mir irgendwie der alte Reflex ausgelöst, eine amerikanisch-kitschmelodramatischen Szenerie vor Augen zubekommen, doch ich wurde angenehm enttäuscht: die dazugehörigen Personen vollführen dieses Wiedersehen unsentimental und fast zu selbstverständlich, als Leser weiß man aber um die dazugehörigen, nicht ausgesprochenen, angestauten oder schon verarbeiteten Emotionen.
Das Wiedersehen mit Tom im letzten Kapitel ist sehr schön erzählt, nicht zuletzt mit diesen wenigen Seiten und den dort stattfindenden zurückhaltenden Dialogen schreibt Pia Ziefle sich nah an die deutschen Schriftsteller heran, die bei mir ihren festen Platz im Regal haben.
Der Rest ist ein ersehntes Ausschwingen im Ankommen.
Fazit:
Es ist bemerkenswert, wie Pia Ziefle diese außerordentliche Vielschichtigkeit dieses Buches komponiert, ohne die Zügel zu verlieren und in Kitsch oder Pathos abzugleiten; es entsteht ein einfühlsames, buntes Bild, ein runder und zugleich bewegender Roman über die Themen, die ihr ein Anliegen sind – sie weiß wovon sie redet.
Es ist nicht einfach, sich in den Familienstrukturen zurecht zu finden, aber ich finde das nicht schlecht: soll der Leser ruhig ein wenig mitarbeiten, zurückblättern, (hinter)fragen.
Trotzdem muss ich, wenn ich die Summe aller dargestellten Menschen und all die Geschehnisse betrachte, das altbekannte Oxymoron bemühen: Weniger ist mehr, und ich wünschte mir von neuen Werken von Pia Ziefle ein reduzierteres Ausfüllen der gewählten Themen, vor allem, um dem im Buch gewachsenen, kompetenten Stil und den immer wieder auftauchenden sprachlichen Highlights – die entweder sehr bildhaft, bisweilen poetisch zu beschreiben vermögen oder präzise und intellektuel anspruchsvolle Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen – ein Zuhause zu geben.
Ich habe Suna nach Startschwierigkeiten sehr gerne gelesen, der Roman hat mir neue Blickwinkel in die Themenkombination Einwanderung-Pflegschaft-Adoption aufgetan, und ich habe dabei interessante, zum Nachdenken anregende Menschen kennengelernt: Johannes, Irma, Thea, Giese, Gustav, Magdalena, Märthe, Biljana, Ilija, Julka, Dragan, Milo, Kamil, Tanja, Dogan, Andrusch, Ruth, Tom, Zeljko und Marina Luisa Suna.






