Hannah ist tot, daran gibt es nichts zu rütteln. Ihre Stimme zu hören, wie eine Stimme aus dem Jenseits, reißt Clay den Boden unter den Füßen weg. Hannah Baker, das schöne Mädchen, für das er heimlich geschwärmt hat, sie hat sich umgebracht, doch nun sind da diese Kassetten, 13 Stück, und auf ihnen erzählt die Gestorbene, was sie zu ihrer Tat getrieben hat. Die Wahrheit könnte kaum schmerzlicher sein, lässt sich doch nichts mehr tun um zu helfen, um Hannahs Tod zu verhindern. Obwohl Clay gern abschalten würde, muss er doch die ganze Geschichte hören, Kassette für Kassette, bis zum Ende und wandert dabei ruhelos durch die Nacht, zu den Orten aus ihren Erzählungen. Es ist wie ein Wandeln durch ein fremdes Leben und die Bilder und Empfindungen, welche auf Clay einstürzen, sind kaum zu ertragen. Hätte er doch nur etwas geahnt…
Intensiv und eindringlicher, als ich es je in einem Buch erlebt habe, wird hier das Thema „Mobbing“ angesprochen. Selten habe ich erlebt, dass eine Lektüre mich dermaßen fesselt, mich so beunruhigt und beschäftigt, selbst wenn ich sie gerade weggelegt habe. Wir begleiten Clay durch die Nacht, sehen die beschriebenen Orte vor unserem inneren Auge und vernehmen Hannahs letzte Worte. Je länger der Junge ihr zuhört, je mehr er versteht warum sie diesen Schritt gegangen ist, umso mehr wächst seine Verzweiflung. Er hätte ihr helfen können, viele hätten das gekonnt, doch keiner hat die Zeichen gesehen oder richtig zu deuten gewusst.
Das ganze Buch hindurch herrscht eine beklemmende Stimmung, und so sicher wie die Kassetten das Leben all ihrer Hörer verändern werden, so sicher ist auch das der authentische Schreibstil den Leser mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Vielen von uns ist gar nicht klar, wie vermeintlich harmlose Scherze und unbedachte Äußerungen ein Leben in die eine oder andere Bahn lenken können. Wie schnell Gerüchte entstehen und was sie anrichten, erfährt man hier auf erschreckend drastische Weise und gerade die Nähe zur Realität macht dieses Buch, so tragisch es ist, zum Wachrüttler. Es schreit geradezu „Passt auf was Ihr tut, was Ihr sagt und achtet auf die Menschen um Euch herum“. Unweigerlich hinterfragt man auch sein eigenes Verhalten, oder fühlt sich vielleicht an bestimmte Stationen des persönlichen Lebens erinnert, was vom Autor wohl nicht ganz unbeabsichtigt war.
Der Schreibstil ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, da sich der Jay Asher nicht mit langen Einleitungen aufhält. Wir erleben Clay in der Ich-Perspektive, sind direkt mitten im Geschehen. Später wechseln sich dann die Monologe von Hannah mit den Gedanken von dem Jungen ab, mal sehr schnell, mal nach etwas längeren Passagen. Hilfreich um nicht durcheinanderzukommen ist hier, dass ihre Passagen kursiv geschrieben stehen. Diese Art des Erzählens ist neu für mich gewesen und passt zur Geschichte, lässt sie an Intensität gewinnen.
Ich empfehle dieses Buch jedem, ob jung oder alt. Das Thema ist aktuell, ganz gleich wer man ist, denn Mobbing kann jeden treffen, nahezu überall und wir können in unsere Mitmenschen zwar nicht hineinsehen, aber wir können alle ein wenig aufeinander Acht geben, Zeichen erkennen und vielleicht so den Abgrund sehen, bevor der andere hineinfällt.