Rezension vom 12.04.2007
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Der Mund. Unendliche Weiten. Welches Jahr wir schreiben ist unklar. Wir befinden uns in Michel Mettlers groteskem Debütroman „Die Spange“. Ein Forscherteam macht sich auf, um im Mund des Musikers Anton Windl eine prähistorische Anlage auszugraben. Es handelt sich dabei um eine ca. 1500 Jahre alte Spange. Die Ausgrabungen erweisen sich aber als sehr schwierig, das Wetter macht dem Team immer wieder einen Strich durch die Rechnung und es fehlen die richtigen Geräte für die fachgerechte Bergung.
Nachdem die Spange dann endlich freigelegt worden ist, beginnt die Arbeit von Paläoanthropologen, Medizinhistorikern und anderen „Spezialisten“. Der Ich-Erzähler Anton wird zu einem weltweit einzigartigen Versuchsobjekt. Es wird ein Institut gegründet, in dem man die wildesten Experimente und Tests an ihm durchführt. Hinter das Geheimnis der Spange kommen sie nicht, doch es wird immer deutlicher, dass das Leben des „Patienten“ weniger wert zu sein scheint als der Fund. „Was ist wichtiger, die Spange oder er?“ fragt z.B. ein Arzt.
Nach einem fulminanten, komischen Beginn scheint die Handlung weiter auszuufern. Antons Arzt, Dr. Berg, will, dass jener von seinem Leben erzählt. Denn er möchte erfahren, wo die Spange her kommt. Doch Anton kann sich nicht erinnern. Er leidet an einer so genannten „Dysfabulie“. Um seine Unfähigkeit des Erzählens zu heilen, baut man im MacGyver-Stil aus Küchenutensilien und diversen anderen Geräten einen „Narrator“.
Plötzlich fliegen dem Leser Zeiten und Räume so um die Ohren, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Mal befindet er sich im alten Ägypten, um etwas über die Funktion von Zahnspangen als Grabbeigabe zu erfahren. Mal in einer Zukunft, in der man seinen eigenen Mund mit Hilfe eines Steckbaukastens selbst zusammenbasteln kann. Manchmal ist das zu viel des Guten und man muss sich anstrengen weiter zu lesen. Doch ein paar Seiten weiter wird man für sein Durchhaltevermögen belohnt und man erfährt z.B., wie sich die Weltanschauung eines Dentisten auf seine Behandlungsart niederschlagen kann: „Dr. Muff […] geht das Leben von der sportlichen Seite an. Auch privat von Kopf bis Fuß auf Ertüchtigung eingestellt, sieht er in unserer Zahnstellung eine Folge muskulärer Degeneration.“ Anstatt einer Spange empfiehlt er lieber einen „Gaumen-Expander“.
Was im kleinen Arztzimmer beginnt, zieht immer größere Kreise. Der Mikrokosmos Mund wird zum Makrokosmos. In ihm tummelt sich die ganze Weltgeschichte. Kometen schlagen ein und fremde Kulturen werden entdeckt, die dem Schall huldigen und dadurch einen riesigen Berg zu Einsturz bringen, der sie für immer begräbt. Und irgendwo dazwischen steht Anton, von dem man nicht recht weiß, ob er unsterblich, wiedergeboren wurde oder doch nur ein normaler Mensch mit einer blühenden Fantasie ist.
Man fragt sich: Warum eigentlich ein Mund als Schauplatz eines Romans? Der Mund ist das Sprechwerkzeug des Menschen. Durch Sprache entstehen Erinnerungen. Diese wiederum prägen ein Individuum. Wenn die Erinnerung nicht mehr vorhanden ist, oder verrückt spielt, ist man dann noch dieselbe Person? Diese Überlegungen werden von Michel Mettler virtuos dargestellt.
Dieses Buch ist eine postmoderne Science-Fiction-Geschichte zwischen Oetzi, Star Treck und Arztroman. Er ist philosophisch und komisch, zugleich aber auch traurig und absurd.
Ist das nun eine Kritik an den modernen Wissenschaften, ein Buch über das Erzählen oder gar eine Ode an all die Spangenträger dort draußen? Wahrscheinlich alles zugleich. Doch wie sagt Anton Windl zum Schluss so schön: „Suchen Sie nicht Hilfe bei mir, sondern tun Sie das Naheliegende: Lesen Sie.“
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