Frauen – aufgepasst:
Ihr werdet Euch zu allen Zeiten ausschließlich im Haus aufhalten. Es gehört sich nicht für eine Frau, ziellos auf Straßen herumzuziehen. Ausgänge sind nur in Begleitung eines mahram, eines männlichen Angehörigen, gestattet. Wer allein auf der Straße Aufgegriffen wird, wird mit Prügel bestraft und nach Hause geschickt.
Ihr dürft unter keinen Umständen Euer Gesicht zeigen und werdet, wenn im Freien unterwegs, Burka tragen. Zuwiderhandlung wird mit Prügelstrafe geahndet.
Kosmetik ist verboten.
Schmuck ist verboten.
Das Tragen aufreizender Kleider ist verboten.
Ihr dürft nur sprechen, wenn ihr dazu aufgefordert werdet.
Ihr werdet mit Männern keinen Blickkontakt aufnehmen.
Ihre werdet in der Öffentlichkeit nicht lachen. Zuwiderhandlung wird mit Prügelstrafe geahndet.
Das Lackieren der Fingernägel ist verboten. Bei Zuwiderhandlung wird ein Finger abgetrennt.
Für Mädchen ist der Besuch einer Schule verboten. Alle Mädchenschulen werden mit sofortiger Wirkung verboten.
Erwerbsarbeit ist für Frauen verboten.
Wer sich des Ehebruchs schuldig macht, wird gesteinigt.
Nehmt dies zur Kenntnis. Gehorcht.
Diese Gesetzte scheinen uns aus dem tiefsten Mittelalter zu stammen, aus einer fernen, uns unvorstellbaren Zeit. Doch dieser Ausschnitt aus einem Flugblatt wurde im September 1996 in Kabul verteilt. Die an die Macht gekommenen Taliban brachten ein Gesetz hervor, dass mir so unwirklich erscheint, so fremd, so verrückt.
Gern hört man im Bezug auf den Krieg in Afghanistan, der einzige Erfolg bestünde doch in ein paar Mädchenschulen, dafür könne doch kein Krieg geführt werden. Doch es ist nicht nur die Schule! Im Afghanistan der Taliban herrschten unvorstellbare Zustände: Es herrscht ein dauerhafter Kriegszustand. Frauen dürfen nicht arbeiten, Witwen können sich und ihre Kinder nicht versorgen, sind gezwungen ihre Kinder in Heime zu geben oder sie verhungern zu sehen. Die Frauen müssen einen Kaiserschnitt teilweise bei vollem Bewusstsein ohne jegliche Narkose über sich ergehen lassen. Wenn sie überhaupt behandelt werden. Frauen dürfen sich nicht medizinisch von Männern versorgen lassen, Ärztinnen gibt es kaum. Die, die praktizieren, müssen Burka tragen.
Nach einem Nachmittag mit „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini bin ich verstört, wütend und traurig. Und irgendwie froh, dass durch diesen Krieg ein Regime gestürzt wurde, dessen Grausamkeit gegen das eigene Volk, gegen Frauen und Kinder, die es in Wehrlosigkeit unterdrückt, noch verstörender wirkt als seine in alle Welt geschickten Attentäter.
Schon Drachenläufer, den ich im Jannuar gelesen habe, ließ mich teilweise vor Schrecken erstarren, doch Tausend strahlende Sonnen offenbart Abgründe, in die ich niemals habe schauen wollen. Mit der grässlichen Gewissheit, dass dies eben nicht nur ein Roman ist, sondern auch ein Zeugnis.
Die Wege zweier völlig unterschiedlicher Frauen kreuzen sich und werden zu einem gemeinsamen. Brutalität, Verzweifelung, Hunger, Todesangst, aber auch Freundschaft, Verbundenheit, Freude und Liebe. Mariam, dass uneheliche Kind aus einer Lehmhütte, das mit nur 15 Jahren von ihrem Vater mit einem Schuhmacher von über 40 Jahren verheiratet wird. Der sie schlägt, unterdrückt, klein hält. Leila, die mit liberalen Eltern in der Sowjetzeit in Kabul aufwuchs, zur Schule ging, gebildet ist, voller Ehrgeiz, voller Ziele und Pläne.
Es ist unglaublich zu lesen, unerträglich zu wissen und doch darf man die Augen nicht verschließen!