Bernd Ernsts Blick nach innen ist immer ein weiter und tiefer. Oft auch ein kritisch-fragender. In seinem kürzlich erschienen Lyrikband "Fenster mit Stadtrand“ betrachtet er auf poetisch-feinsinnige Weise den Alltag und das was uns darin antreibt: Leidenschaften, Motivation, Ehrgeiz aber auch den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn mit seinen Wiederholungen und Pflichten. Wie flüchtig hingeworfene Dias, Aquarelle, in denen ein Detail dem Betrachter in Erinnerung bleibt, wirken die Gedichte im Erstlingswerk des Autors aus der Westpfalz. Ernst fängt den Schimmer eines vergänglichen Zaubers ein, in kraftvollen aber sensibel durchdachten Momentaufnahmen.
Oft geht es auch um das Gefangensein im eigenen Ich, den Wunsch, die eigene Stimme nach außen zu tragen, sich hörbar zu machen für die Anderen – und so eine Brücke zu bauen zum Gegenüber. Er regt dazu an, in sich hinein zu hören und Bilder der eigenen Fantasie wach zu rufen. Realität und Tagtraum vermischen sich beispielsweise in "Schritte“, einem Gang durch den (All-)Tag des 40-Jährigen.
"Metamorphose am Drehkreuz. Mechanisch greift die Hand zum Portemonnaie, zieht, steckt die Karte ins Sesam-öffne-dich, tritt ein. Die gewünschte Identität, äugt, spricht, handelt, drinnen.“
Offenbar ist die gewünschte Identität im Alltag nicht immer das, was Ernst sich selbst wünscht, denn, so schreibt er weiter: "Gehen die ewigen Stunden vorüber, ziellos. Ihre Flügel zitternd im Wind. Entwürfe eines anderen Lebens fliegen über die Weite meiner Gedanken.“
Über Liebe schreibt der Autor nicht ohne (kritische) Hintergedanken. Er lässt nichts im Raum stehen oder nimmt es einfach hin. Er geht Gefühlen auf den Grund, hinterfragt, seziert sie sogar manchmal. In "Liebeszauber“ fragt er sich, ob Liebe nicht der beste Taschenspielertrick der Welt sei und resümiert: "Schon wieder hinein in meinen Zylinder lege ich mein entzaubertes Ich. Darüber schließt die Wirklichkeit ihren doppelten Boden.“
Die Vergänglichkeit schöner Momente ist es, die der Autor in seiner Lyrik dennoch festhalten will. "Aus dem Rouge des Abendhimmels weht der Duft ihrer Locken auf die fliehenden Schultern des Hügels“, schreibt er in "Die ausgelassenen Worte“. Es geht um gemeinsame, vergangene Momente im Café, darum, aus einem alltäglichen Picknick etwas besonderes, einzigartiges zu machen – oder um Reisen, bei denen man in sich selbst erst einmal ankommen muss, um überhaupt entspannen zu können.
Einen kritischen Blick wirft der kaufmännische Angestellte und Familienvater gerne auf die Gesellschaft. In dem Gedicht "Treppenhaus“ geht es um eine alte Frau, die isoliert gestorben ist und erst nach Wochen gefunden wird. Er prangert die Kleinkariertheit so genannter braver, unbescholtener Bürger (Ernst selbst lebt in der 42.000 Einwohner großen Kleinstadt Pirmasens) in "Kriegserklärung“ an: Hier wird der eigene Garten oder Schrebergarten zum Schauplatz täglicher Kleinkriege mit den Nachbarn.
Eines der stärksten Gedichte Ernsts ist sicherlich "Und sie trommeln und“, frei nach Brechts Mutter Courage: "Und wir schließen unsere Augen und wir schließen unsere Ohren und wir schließen unseren Mund, immerfort – wie jedes Mal. Und so trommeln die Kathrinen und so trommeln die Kathrinen und sie trommeln und.“
Im Hinblick auf die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan, überläuft einen bei diesem Gedicht eine Gänsehaut; es bekommt eine drastische Realität.
Wer hinein tauchen will, in farbige aber auch düstere Geistwelten, wer sich neuen Sichtweisen öffnen möchte, der sollte hinein lesen in "Fenster mit Stadtrand“. Was man durch dieses Fenster sieht, das ist ein paar blaue Stunden mit Kaffee oder Rotwein auf dem Sofa wert.