Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich ein Schmuckstück, sondern auch von seinen Eigenschaften her. Denn wie man ein kostbares Schmuckstück nur zu bestimmten Gelegenheiten anlegt, passt auch dieses Buch nur zu bestimmten Gelegenheiten. Es ist nämlich herausfordernd, strahlend, es verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit und Bewunderung - dann aber verhext es, blendet es, macht sprachlos, staunend, rundum leseglücklich.
Auch ich reihe mich ein in die Schar der Leser, die für dieses Buch sehr lange gebraucht haben, und das nicht, weil ich es nicht mochte. Im Gegenteil, ich saß manchmal minutenlang mit dem zugeklappten Buch auf meinem Schoß auf dem Sofa, dem nachspürend, was ich soeben gelesen hatte. Aber es ist nun mal ein Buch, das seine Zeit braucht, und zwar in zweifachem Sinne.
Lose anknüpfend an "Die Landkarte der Zeit" nimmt uns das neue Werk von Félix de Palma mit auf eine Expedition in die Antarktis, im Jahre 1829. Die Crew findet allerdings nicht wie geplant den Mittelpunkt der Erde, sondern ein Wesen von einem anderen Stern, das den Abenteurern nicht gerade wohlgesonnen ist.
Sechzig Jahre später dann möchte ein Millionär das Herz seiner Angebeteten gewinnen. Doch Emma, für die ihr geliebter Großvater seinerzeit die Landkarte des Himmels gezeichnet hatte, möchte eine besondere Liebesbekundung. Nämlich die Inszenierung einer Invasion vom Mars, wie sie in H.G. Wells' Krieg der Welten stattfindet. Wahrlich ein ungewöhnlicher Wunsch, für den der Herr den Autor um Hilfe bittet. Und jetzt entsteht eine weitaus konkretere Verbindung zum ersten Teil, ist doch besagter Herr kein anderer als Murray, der im ersten Teil als Zeitreiseimpresario in Erscheinung trat. Und dann landen tatsächlich Außerirdische in London, aber sie sind echt und wollen die Welt zerstören...
Klingt wild? Ist es auch! Wahrlich keine einfache Kost, aber eine wunderbar bildreiche und gewaltige Sprache macht einem das Abenteuer richtig schmackhaft. Man kann nur staunen, welche Ideen und Wendungen der Autor aus dem Hut zaubert. Ich habe gestaunt, gekichert und tatsächlich auch ein, zwei Tränchen beim Lesen verdrückt. Es ist Unterhaltung, aber trotzdem macht es das Buch einem nicht leicht. Es verträgt keinerlei Ablenkung, ich konnte streckenweise nicht mal Musik hören nebenbei. Aber wenn man sich ihm voll und ganz widmet, dann belohnt es einen mit Erlebnissen, bei denen man selbst dabei zu sein scheint. Zumindest war ich leicht erschöpft, als ich das Buch zugeklappt habe, allerdings im positiven Sinne.
Ein Buch, das nicht nur Zeit und Aufmerksamkeit benötigt, sondern das auch entsprechend gewürdigt sein will, indem man es nicht dann zur Hand nimmt, weil gerade nichts anderes da ist, sondern weil man dieses Buch, und zwar genau DIESES, in genau diesem Moment lesen will. Ich bin der festen Überzeugung, dass es bestimmte Zeitpunkte gibt, zu denen Bücher für Menschen funktionieren, und bei diesem ist der Zeitpunkt ganz besonders wichtig, weil es sich nur so wirklich in seiner ganzen Pracht entfaltet. Sollte es bei Euch im Bücherschrank stehen, dann hoffe ich, dass ihr diesen Zeitpunkt erwischt und ihr letztendlich genau so begeistert sein werdet wie ich. Ich ziehe den Hut - und die Höchstnote!