“Der Bürgermeister erzählt aus der Geschichte von Panem, dem Land, das aus den Trümmern dessen erstand, was einst Nordamerika genannt wurde. Er zählt die Katastrophen auf, die Dürren, die Stürme, die Feuersbrünste, erzählt von dem anschwellenden Meer, das so viel Land geschluckt hat, und erinnert an den brutalen Krieg um die wenige verbliebene Nahrung. Das Ergebnis war Panem mit einem strahlenden, von dreizehn Distrikten umgebenen Kapitol, das seinen Bürgern Frieden und Wohlstand brachte. Dann kamen die Dunklen Tage, der Aufstand der Distrikte gegen das Kapitol. Zwölf wurden besiegt, der dreizehnte ausgelöscht. Der Hochverratsvertrag brachte neue Gesetze, die den Frieden sichern sollten; und um alljährlich daran zu erinnern, dass die Dunklen Tage sich nie wiederholen dürfen, brachte er die Hungerspiele. Die Regeln der Hungerspiele sind einfach. Zur Strafe für den Aufstand muss jeder der zwölf Distrikte ein Mädchen und einen Jungen für die Teilnahme stellen, die sogenannten Tribute. Diese vierundzwanzig Tribute werden in einer riesigen Freilichtarena eingesperrt, bei der es sich um jede Art von Gelände handeln kann, von glühender Wüste bis zu eisiger Ödnis. Über mehrere Wochen hinweg müssen die Konkurrenten einander bis auf den Tod bekämpfen. Der Tribut, der als letzter übrig bleibt, hat gewonnen.”
Soweit die Inhaltsangabe der “Tribute von Panem” in den Worten der Autorin, die diese ihrer Hauptfigur Katniss Everdeen in den Mund legt. “Panem et circenses”, lateinisch für Brot und Spiele, begeistern Zuschauer seit Menschengedenken. Der Titel des Buches ist Programm: Fernsehprogramm! Denn die “Hungerspiele” werden im ganzen Land live übertragen und die Bewohner gezwungen zuzusehen und die tödlichen Spiele als Fest zu feiern.
Was beim Lesen gruseln sollte, fesselt stattdessen in unziemlicher Weise. Mann richtet sich mit wohligem Schauer gemütlich ein, während man dem Schicksal der Protagonisten folgt, die zur Unterhaltung einer entmenschlichten Gesellschaft in einer nicht näher definierten Zukunft geopfert werden. Die Autorin versteht es, der Handlung die “richtigen Zutaten” zur passenden Zeit zuzufügen. Schon zu Beginn wird klar, dass man außergewöhnlichen Hungerspielen beiwohnen wird. Die Tribute des Distrikts 12, Katniss und Peeta, gehen von Anfang an als Team ins Rennen. Ein Novum, dass von den Betreuern der beiden erdacht wurde, um die Chancen auf “Sponsoren” zu erhöhen. Nur mit diesen lebensrettenden Geldgebern steigt die Aussicht dem Gemetzel in der Arena lebend zu entkommen. Tragischer Nebeneffekt. Peeta ist wirklich in Katniss verliebt. Was diese jedoch nicht ahnt, in der festen Überzeugung nur ein realistisches Spiel für die Zuschauer liefern zu müssen.
Der Reiz des Buches liegt in der Entlarvung dieser Realität. Durch die Augen von Katniss wirft man den Blick hinter die Kulissen. Erfährt die existenzielle Not der Menschen in ihrem Distrikt. Spürt die ohnmächtige Machtlosigkeit gegenüber einem perfiden Regime, das mit der Unterdrückung des Volkes mörderische Spiele finanziert, deren Dramaturgie bis ins kleinste Detail inszeniert wird. Vom Styling der Tribute (gut vorstellbar auch bei Kandidaten “normaler” Fernsehshows) bis hin zur Änderung der Spielregeln, wenn die Handlung in der Arena einzuschlafen droht. TV Fiktion die allzu vertraut erscheint.
So abwechslungsreich und spannend sich dieser Bestseller liest, es gibt etwas das dem Buch fehlt. In einem Dialog mit Katniss vor Beginn der Spiele lässt Peeta es anklingen: “Ich möchte als ich selbst sterben. Ich wünsche mir nur, mir würde etwas einfallen, wie ich dem Kapitol zeigen kann, dass sie mich nicht besitzen. Dass ich mehr bin als eine Figur in ihren Spielen.” Katniss ärgert sich nach dem Gespräch über die Hochmütigkeit Peetas, dessen primäres Ziel nicht das Überleben sondern die Wahrung seiner Identität, die Freiheit über seine Persönlichkeit ist. Eine Freiheit die er nicht besitzt, sich aber nichts desto sehnlicher wünscht. Einmal in der Arena angekommen, unterwerfen sich die Tribute demütig einem System, dass ihnen außer dem eigenen Tod nichts zu bieten hat. Der leise Aufruf Peetas verhallt unbemerkt. Dabei würde genau dieser Kampf sich lohnen. Der Kampf für die eigene Idendität: mehr zu sein als eine Spielfigur!