Würde ich die Gelegenheit nutzen, in der Zeit zurückzureisen und meinem jüngeren Ich aus der Ferne zuzusehen, bei seinen Taten oder vielleicht auch Untaten?
Nein. Bestimmt nicht. Wenn ich an mein jüngeres Ich denke, krieg ich das kalte Kotzen. Ganz ehrlich.
Würde ich die Chance nutzen, mein jüngeres Selbst am Kragen zu packen und zur Vernunft zu bringen, wegen all der Fehler, die mein Ich noch machen wird, um sie zu verhindern?
Da käme ich doch in Versuchung.
Es gibt ja Leute, die von sich behaupten, nichts in ihrer Vergangenheit ändern zu wollen, auch die Fehler gehörten dazu. Schön für sie, ich zähle nicht zu den Leuten.
Und unser Held Artemis Fowl anscheinend auch nicht. Allerdings lässt sein Schöpfer Eoin (gesprochen Owen) Colfer seinen Helden im 6. Abenteuer auch weit größeres Ungemach erleiden.
Artemis' Mutter ist todkrank. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sie an Funkenpest leidet, einer Seuche, an der sonst nur das nichtmenschliche Erdvolk erkrankt. Als einziges Heilmittel ist der Extrakt aus der Hirnflüssigkeit einer bestimmten Tierart bekannt. Nur hat Artemis acht Jahre zuvor eine Riesendummheit begangen, als er das letzte Exemplar dieser Art praktisch der Vernichtung zugeführt hat. Und so hat Artemis der Ältere keine andere Wahl, als in die Vergangenheit zu reisen und ein Geschehen zu verhindern, das seiner Mutter das Leben kosten könnte. Er belügt seine Feen-Freundin Holly, um sich ihrer Unterstützung zu versichern, und macht sich mit Hilfe des Zauberer-Anfängers Nr. 1 hinein in einen Zeittunnel, um seinem stärksten Gegner die Stirn zu bieten - dem skrupellosen, zehnjährigen Selbst.
Schon auf den ersten Seiten werden die Gewissensnöte deutlich, in die Artemis gestürzt wird: Einerseits sieht er sich mit den Folgen seiner früheren Taten konfrontiert, Taten, an die er nicht mehr erinnert werden will, andererseits glaubt er, seine engste Freundin Holly belügen zu müssen, aus Angst, sie könnte ihm die Hilfe verweigern.
Zu allem Überfluss macht sich auch noch Artemis' Pubertät bemerkbar, was sich nicht nur am zarten Flaum im Gesicht, sprich Bartwuchs, ausmachen lässt, sondern auch an tanzenden Hormonen in Richtung Holly Short. Gefühls-Chaos perfekt.
Aber keine Sorge, das Ganze verkommt nicht zur Schmonzette, Eoin Colfer umschifft gekonnt jeden Gefühlskitsch, und die rasante Jagd nach und die Flucht vor dem kriminellen Jung-Genie Artemis lassen weder unseren Helden noch den Lesern eine Atempause.
Fast alle bekannten und liebgewonnenen Figuren tauchen auf, selbst dem verstorbenen Commander Root, dem grimmigen, jähzornigen aber warmherzigen Förderer von Holly Short, gönnt Colfer einen Kurzauftritt.
Und Mulch, der diebische, vorlaute Zwerg, hat ein ums andere Mal Gelegenheit, sich durch mehr oder weniger schwer verdauliche Erdschichten zu fressen und zu scheißen.
Ja, Pädagogen werden jetzt vermutlich aufschreien - aber wie sonst sollte man es umschreiben, wenn ein Zwerg die Kiefer aushakt, die Poklappe öffnet und sich kopfüber in die Erde frisst und sie hinten wieder ausstößt? Gar nicht umschreiben. Machen Kinder in einem bestimmten Alter auch nicht. Und schon gar nicht in Bezug auf solche tunnelfreilegenden Zwerge.
Die Bücher werden für Leser ab einem Alter von zehn Jahren empfohlen. Dürfen sie auch, denn Eoin Colfer bedient sich zwar derben Bildern, aber nie solch derber Sprache, da hat er wohl doch den Zensor im Hinterkopf. Eltern können also beruhigt sein.
Obwohl bezüglich des Sujets als auch der sehr leicht erfassbaren Lesart für ein jüngeres Publikum geschrieben, hat die Buchreihe Fans jeden Alters, und das ist völlig verständlich, denn die Figuren haben Tiefgang, die Dialoge sind witzig, die Handlung rasant. Das ist geschriebenes Actionkino für Herz und Hirn, prall, bunt, voll schräger Einfälle.
Nach meiner verhaltenen Kritik zum vorherigen Band, erfüllt dieser Nachfolger wieder alle Erwartungen. Bitte mehr davon.