Yeah!
Ach, nee...
... mit solcherart Interjektionen verspielt man hier ja sofort jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit.
Also von vorn.
Vorherige Kritiken gelesen? Grundtenor vieler Rezensionen lautet: zu viele Seiten, zu komplex, zu überladen, zu viel Science-Fiction, zu viel Personal, zu viel Action, zu viel, zu viel...
Wäre ich den dadurch geschürten Bedenken auf den Leim gegangen, hätte ich den Wälzer nie zur Hand genommen. Hab ich dennoch, Weihnachtsschmus und Langeweile sei Dank, um dann festzustellen, dass meine Sorgen keinen Deut berechtigt waren.
Was haben wir da:
1320 Seiten
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Ja, schön. Und?
Beim fast ebenso umfangreichen Herr der Ringe beschwert sich niemand über die Seitenzahl, der Klassiker Ulysses gehört zur Weltliteratur. Muss man als Autor erst kurzbeinige Zwerge durch die Pampa jagen oder in vergeistigten Sphären schweben, um eine hohe Seitenzahl zu rechtfertigen?
Und wer tatsächlich Probleme mit dem reinen Gewicht hat - kein Witz, wurde tatsächlich geäußert - sollte sich ernsthaft Sorgen um seine Konstitution machen oder die Geriatrie aufsuchen, aber kein Fass aufmachen von wegen unhandlich.
Ja, es ist ein trotz der 1320 Seiten maßvoll dicker Wälzer, maßvoll, weil auf hochwertigem Dünndruckpapier gedruckt, in Verbindung mit kleinerem Schriftgrad in Größe und Gewicht ähnlich einer illustrierten Bibelausgabe.
Darf dagegen ein Thriller nicht gewichtig sein?
Nein, Moment, stimmt, das Buch wird ja oft genug als Science-Fiction-Thriller beworben. Nächster Knackpunkt, denn
DAS IST KEINE SCIENCE-FICTION
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Das sag ich potenziellen weiblichen Lesern.
Frauen mögen keine Science-Fiction. Verlage können ein Klagelied davon singen.
Wenn Frauen Science-Fiction hören, ziehen sie eine Grimasse, als hätte man in ihrer Gegenwart einen fahren lassen. Oder schauen so gelangweilt, als dächten sie beim Sex an den nächsten Einkaufszettel. Kennt man ja. Also ich jetzt nicht, aber man hört ja so einiges. Science-Fiction ist - igitt. Science-Fiction ist - gähn.
Nur weil die Geschichte ein paar Jährchen in der Zukunft spielt, bedient sie nicht die Klischees, die man beim Begriff Science-Fiction vor Augen hat. Hier gibt es keine Laserwaffen, keine Weltraumschlachten, es wird nicht gebeamt, Außerirdische gibt's auch nicht und Technikjargon hält sich in Grenzen.
Stattdessen menschelt es an allen Fronten, Böse intrigieren und infiltrieren, Gute kombinieren und karambolieren, und das mit Karacho, nur kapitulieren, das tun sie nicht, wär ja noch schöner, Konflikt, Konflikt, heißt es ja, der muss da sein, es wird geliebt, gehasst, gemeuchelt und gevögelt, all das unter einer bunten Schar von Leuten, die im Anhang profan benannt werden als
Personal
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Und keine Frage, da tummeln sich eine Menge Leute, ich hab's gezählt, es sind 96.
Aber erstens beschränkt sich die Zahl der Hauptpersonen auf 15-20, je nachdem, wen man als solchen bezeichnet, und zweitens bedient sich Schätzing eines einfachen literarischen Kniffs, indem er jeden Protagonisten mit mindestens einem plakativen körperlichen oder charakterlichen Merkmal ausstattet: dünn, dick, klug, dumm, schön, hässlich, wortgewandt, einsilbig - kaum ein Attribut, das nicht herangezogen wird. Das mutet auf den ersten Blick stilistisch grobschlächtig an, tut der Figurenzeichnung aber keinen Abbruch, weil es Schätzing versteht, tief genug zu gründeln, um den Menschen Profil zu verleihen.
Die Figuren nahmen plastisch Gestalt an vor meinen Augen, und ich kam kein einziges Mal in Verlegenheit, das Personalregister zu durchsuchen. Vielleicht als Beruhigung kann verraten werden, dass die Reihen stetig ausgedünnt werden, besonders im Verlauf der
Action
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Einige Leser beschweren sich doch tatsächlich darüber.
Über Action.
In einem Thriller.
Da darf ich mal ganz bescheiden eine Frage stellen: Wieso wirft man Schätzing die Verwendung der Stilmittel vor, durch die sich ein Thriller von anderen Romanen unterscheidet? Wohlgemerkt Thriller, ohne Psycho davor?
Vielleicht bin ich ja eine simple Natur, vielleicht nur einfältig vor dem Herrn, ich kann damit leben, aber in einem Thriller erwarte ich Action, und die bitte rasant. Ich will den Helden in Bedrängnis sehen, einen richtig fiesen Antagonisten, und ja, ich bin schlecht, auch körperliche und seelische Gewalt, und wenn es dann hin und wieder heftig knallt, kein Problem, her damit, der kleine Junge in mir will auch unterhalten werden.
Und mal ehrlich: Am Ende eines 1320-Seiten-Thrillers erwarte ich erst recht einen Showdown, der sich gewaschen hat. Schätzing lässt sich nicht lumpen, er kleckert nicht, er klotzt, die Action ist wortwörtlich bombastisch, gerät aber nie zum Selbstzweck. Sie ist sorgsam verteilt, sparsam dosiert. Keine Spur von einem Action-Overkill, und sie ergibt sich schlüssig aus der
Handlung
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Und die ist für alle interessant, deren Fantasie über den eigenen Horizont hinausreicht, deren Vorstellungskraft zukunftsgerichtet ist, nicht in tiefschürfender bis schwülstiger Sinnfrage verweilend, sondern mit Blick auf Ökonomie und Ökologie, etwa wenn es zu beantworten gilt, was uns erwartet, wenn Bevölkerung und Bedarf unaufhörlich wachsen, obwohl es nichts mehr zu bevölkern gibt und Rohstoffe den Bedarf nicht decken.
Was wäre dann ein logischer erster Schritt ist die Frage. Geburtenkontrolle? Altenrecycling?
Das ein und erst recht das andere wird schon aus ethischen Gesichtspunkten schwierig umzusetzen sein. Obwohl...
Lassen wir das.
Schätzing bietet hier ein faszinierendes Szenario, denn worum geht’s in LIMIT?
Um den Mond geht’s, sicher.
Das wird der letzte Eremit schon mitbekommen haben, wenn nicht, wird er vom ansprechenden Umschlagbild dezent mit dem Zaunpfahl aufs Cover genagelt.
Aber was wollen wir auf dem Mond?
Schätzing modelliert die Konstrukte weiter, die von Ingenieuren, Wissenschaftlern und Visionären schon längst angedacht wurden, aber noch in den Schubladen verschiedener Raumfahrtbehörden auf Verwirklichung warten oder in den Kinderschuhen stecken: die Erschließung des Mondes als Rohstofflieferant und Touristenattraktion.
Darum geht’s.
Und um diverse Kräfte, die etwas dagegen haben.
In der Kommerzialisierung sieht auch Schätzing die vielleicht einzige Möglichkeit, die bemannte Raumfahrt auf eine Stufe zu befördern, die es uns ermöglicht, den Sprung hinaus zu wagen, weiter als bisher, dort draußen Fuss zu fassen, was der unvermeidliche erste Schritt sein wird, um irgendwann einmal andere Planeten zu besiedeln.
In der Gestalt des Milliardärs Julian Orley lässt Schätzing einen Kraftmenschen wüten und walten, der dies quasi im Alleingang auf den Weg bringt, einen charismatischen Visionär, der nicht ohne Hintergedanken eine Gruppe illustrer Gäste aus Prominenz und Geld-Adel auf eine Vergnügungstour ins All und mondwärts einlädt.
Auf Erden währenddessen müht sich ein Detektiv ab auf der Suche nach einer untergetauchten chinesischen Dissidentin, eine Jagd, die den zurückhaltenden Klotz und die flirrend lebendige Hackerin zu Verbündete macht als letztlich selbst Gejagte eines von Zwängen beherrschten Killers, eines Soziopathen der markanten Sorte.
Wie nun die beiden Handlungsstränge zusammenfinden, ist herauszufinden Sache des Lesers.
Kann man damit einen über tausendseitigen Thriller füllen? Vermutlich nicht, und Schätzing wäre auch nicht er selbst, wenn er sich nicht über andere Themen ausließe, über alternative Energien, versiegene Erdölvorräte, Söldnertruppen, Globalisierung und geopolitische Verstrickungen und Verschwörungen.
Interessiert mich das?
Ein klares Jein. Alternative Energien interessieren mich sicher, Globalisierung am Rande, aber geopolitische Machenschaften weniger, und ob sich irgendwelche Hinterwäldler in Militär-Juntas über den Haufen schießen, interessiert mich eigentlich gar nicht.
Eigentlich. Aber wenn ein Thema wortgewandt und verständlich vermittelt wird, bin ich bereit, fast jedem zuzuhören, wird das Ganze dann noch unterhaltsam erzählt, bin ich dabei. Unterhaltsam ist aber das Stichwort, denn damit sind wir beim
Anspruch
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Es handelt sich ja um Trivialliteratur, dem höchstgesuchten Vorwurf. Also Unterhaltungsliteratur. Hat Schätzing je was anderes gemacht? Ist das was Schlimmes? Schau ich mal bei Wikipedia... trivial... Trivialliteratur: „Unter Trivialliteratur versteht man jene Literatur, die als einfach, für jedermann verständlich und leicht zu erfassen angesehen wird.“
O Gott! Erschießt Schätzing! Der Loser schreibt verständlich und auch noch unterhaltsam, das geht ja so nicht! Hängt ihn auf! Wir haben doch genug lebende deutsche Unterhaltungsliteraten internationalen Formats wie ihn!
Obwohl mir jetzt partout nur eine Handvoll einfallen wollen. Mist auch.
Schaut man sich dann die weitere Definition an, trifft diese wiederum nur bedingt zu, denn Schätzings Inhalte sind kritisch, wortwendig und trotzdem süffig erzählt.
Wenn es ein Autor also schafft, technische Erläuterungen leicht erfassbar zu vermitteln und sie in eine ebenso leicht zu erfassende und trotzdem intelligent konzipierte, klug konstruierte und auch noch unterhaltsame Handlung einzubinden, dann spricht das für die Eloquenz und Intelligenz des Autors und nicht für deren Abwesenheit.
Und ich wage mich gern weit vor, wenn ich behaupte, dass man in den kommenden Jahren diese Zukunftsvision immer mal wieder in die Hand nehmen und überrascht und staunend feststellen wird, mit welcher Weitsicht Schätzing LIMIT geschrieben hat.
Ich bin in diesem Buch versunken und zwei Wochen später aufgetaucht - zufrieden, bereichert, erhellt -, und ich werde es mit Vergnügen wiederholt lesen.
Ein größeres Kompliment kann ich einem Autor kaum machen.