"Hemingway? Ach der alte, durchgeknallte und versoffene Schriftsteller, der so komisches Zeug geschrieben hat. Mein Englischlehrer mochte ihn gern. Hadley Hemingway? Kenn ich nicht."
So, oder so ähnlich hätte ich vor der Lektüre dieses Buches geantwortet, aber dass Hemingway, als sehr junger Mann, eine viel ältere Frau heiratete, viele interessante Zeitgenossen traf und seine Biographie (und natürlich auch die von Hadley) sehr spannend ist, weiß ich erst nun.
"Madame Hemingway" ist natürlich ein fiktiver Roman. Paula Mc Lain hat die Dialoge frei erfunden und doch verbergen sich viele wahre Fakten in diesem tollen Buch. Die Handlung reicht von der ersten Begegnung zwischen Hadley und Ernest, bis zur Scheidung ihrer Ehe und liest sich eher wie ein kitschiges Filmdrehbuch, als eine wahre Geschichte und genau das macht es spannend. Es ist sowohl eine Art Liebeserklärung an die erste große Liebe, als auch, aus meiner Sicht, ein Versuch Hemingway fernab von dem allseits bekannten Bild darzustellen.
Handlung
Hadley Richardson ist 28 Jahre alt und hat mit ihrem Leben in Sachen Männer und Vergnügen schon abgeschlossen. Sie schaut auf dem Land, dem Scheitern der Ehe ihrer Schwester zu und glaubt nicht mehr an ihr eigenes Glück. Ein hartes Schicksal hat sie dazu gebracht, sich mit dem Gegebenen abzufinden.
Bis sie zu einer Freundin nach Chigago fährt und dort auf einer Party auf den 21jährigen, angehenden Schriftsteller, Ernest Hemingway trifft. Er ist anders, er ist jung und charakterstark und sie verliebt sich Hals über Kopf. Zurück zu Hause, schreiben sie sich Briefe. Täglich. Bis Hemingway ihr schließlich schriftlich einen Heiratsantrag macht und sie später zusammen nach Paris ziehen. So unsicher wie zuvor die Richtigkeit ihrer Eheschließung war, genauso unsicher ist auch ihr Leben in Paris. Ernest arbeitet als Journalist und versucht als Schriftsteller Fuß zu fassen. Sie haben kein Geld, Kontakte müssen nach und nach geknüpft werden und ihr Leben ist nicht einfach. Hadley steht Ernest in dieser Zeit bedingungslos zur Seite, doch die Frau eines Schriftstellers zu sein ist nicht einfach. Während Ernest Hemingway sich immer mehr einen Namen macht, bekommen sie schnell ihren Sohn "Bumby" und verlassen Paris zeitweise, doch es zieht sie nach kurzer Zeit wieder dorthin zurück. Viele heute bekannte Namen kreuzen ihren Weg: F. Scott Fitzgerald, Ford Madox Ford, Gertrude Stein, Ezra Pound oder auch James Joyce. Ihr Freundeskreis verändert sich mit dem Erfolg immer mehr und auch Ernest verändert sich, bis ihre Ehe, trotz Liebe, schließlich scheitert.
"Er würde nie wieder unbekannt sein. Wir würden nie wieder glücklich sein."
"Doch diese Gedanken führten zu nichts, außer zurück zum Whiskey."
Leseeindrücke
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Hadley erzählt und Paula Mc Lain hat aus Recherchen, vieler Briefe und Biographien, heraus, versucht ihr eine passende authentische Stimme zu geben, was auch sehr gelungen ist. Sie ist ehrlich, treuherzig liebevoll, ein bisschen konservativ und ein wenig naiv, aber nicht zu sehr. Der Roman fängt wie eine schnulzige Liebesgeschichte an und endet tragisch, wie das Leben. Der Erzählstil ist locker, aber nicht zu anspruchslos. Einige Passagen werden zudem von Hemingway erzählt, allerdings hätte ich es schön gefunden, wenn diese auch in der Ich-Perspektive geschrieben wären, aber vielleicht war die Autorin zu sehr in Hadleys Seelenleben vertieft? Hadley war mir durchaus sympathisch, wenn ich mich selbst doch viel mehr dem jungen Hemingway identifizieren kann. Der, der Schreckliches erlebt hat, leicht depressiv, kreativ, aber auch egoistisch und doch auch wieder liebevoll ist. Paula Mc Lain zeichnet hier einen sehr vielschichtigen Charakter des jungen Hemingways, der sich wohl völlig anders in den Köpfen von uns festgesetzt hat.
Fazit
Ein wirklich schönes Buch, mit wahrlich viel Lesevergnügen. Obwohl manche Ereignisse so surreal wirken, hält man doch alles für wahr und wirklich geschehen, auch wenn man wohl weiß. es ist keine Biographie, sondern ein fiktiver Roman. Für mich hat dieses Buch eine völlig neue Sicht auf den Schriftsteller Ernest Hemingway geworfen, und ich habe viel zu seiner Biographie recherchiert. Und tatsächlich werde ich mich noch einmal an seine Werke wagen, auch wenn "Der alte Mann und das Meer" mich zunächst abgeschreckt hatte. Dieser Roman ist zudem eine großartige Hommage an eine wohl eher vergessene Frau, welche sicher bezeichnend für Hemingways Karriere war. Zu "Madame Hemingway" empfehle ich unbedingt "Paris - Ein Fest fürs Leben, welches postum erschienen ist und diese Zeit aus der Sicht von Hemingway wiedergiebt. Paula Mc Lain hat viele Begegnungen und Ereignisse daraus entnommen und ausgeschmückt und etwas anders erzählt.