"Wie Nalda sagt" - so versucht ein junger Mann sein Leben zu meistern. Kaum zwei Jahre alt war er, als er zu ihr komm, bloß gehüllt in ein paar Tücher, die mir Sicherheitsnadeln um ihn zusammen gehalten wurden. Die Dose mit den Sicherheitsnadeln hat er noch immer, denn sie sind etwas besonders - genau wie er.
Denn er kam nicht einfach so zu Nalda. Nein, seine Eltern waren berühmte Juwelendiebe, gejagt von Konkurrenten, Polizei und ihren Opfern. Eines Tages landeten sie ihren größten Coup und versteckten den erbeuteten Edelstein an dem einzigen Ort, der ihnen sicher erschien: In ihrem Sohn. Kaum hatte dieser ihn verschluckt, wurde die Gefahr unmittelbar und seine Eltern gerieten in solche Bedrängnis, dass sie sich gezwungen sahen den Jungen an Nalda abzugeben, die am Rande einer englischen Kleinstadt in einem alten Wohnwagen lebt und sich ihren Unterhalt durchs Gärtnern verdient.
So erzählt zumindest Nalda ihm die Geschichte seiner Herkunft, Nalda, die leicht verrückte alte Dame, bei der er aufgewachsen ist, Nalda, die ihn nicht zur Schule schickte, sondern ihn vor dem Jugendamt versteckte und das Gärtnern lehrte. Nalda, die nie klar sprach, sondern stets nur in Geschichten und Metaphern.
Der Junge verlebt eine glückliche und zufriedene, wenn auch nicht immer erfüllte, Kindheit bei Nalda, obwohl sie manchmal weint weil der Boden des Wohnwagens schief ist und weil alles besser war, bevor er zu ihr kam. Doch eines Tages beginnt Nalda, sehr krank zu werden. Immer öfter kann sie nicht gärtnern, sondern liegt nur im Bett und schreit, wirft mir Gegenständen und erkennt die Welt nicht mehr als das, was sie ist. Eines Tages kann sie mal wieder nicht mit arbeiten, und als der Junge heim kommt, sitzt sie schreiend auf dem Boden und zerkratzt sich das ganze Gesicht mit ihren scharfen Nägeln. Der Junge weiß, was zu tun ist: E ruft die Nummer an, die Nalda ihm einst für diesen Fall gab. Bald kommen Männer und holen Nalda in einem großen weißen Wagen ab, der 16-jähige versteckt sich vor ihnen und flieht, um sich fortan selbst als Gärtner zu verdingen - aber nur, bis "sein Edelstein" eines Tages seinen Körper verlässt und kommt, um ihn zu erlösen.
So erzählt uns T… seine Geschichte, die so geheim ist, dass er uns nicht einmal seinen Namen nennen will. Denn jeder, der von dem Edelstein in seinem Bauch weiß, ist eine potenzielle Gefahr für ihn, jeder, der sein Geheimnis kennt, könnte versuche ihn um das Juwel in seinem Inneren zu bringen. Dies ist auch der Grund, warum T… stets eine gepackte Tasche mit dem Nötigsten in seiner derzeitigen Wohnung stehen hat: Findet jemand sein Geheimnis heraus, so verlässt er umgehend die Stadt und baut sich in einer anderen ein neues Lebens auf - solange, bis er sich erneut bedroht findet.
Nachdem er wieder einmal geflohen ist, nimmt er in einer neuen Stadt die Arbeit als Krankenhausgärtner an, die ihm wie so oft nur einen mageren Verdienst gewährt - doch Geld zählt nicht für T…, denn sein größter Besitz ist in ihm drin und wird bald kommen und ihn reich machen. Wie immer ist er mehr als verschüchtert und menschenscheu, aber seine Arbeit überzeugt Frank und Elizabeth, die Personalaufseher im Krankenhaus: Sie laden ihn ein, den Abend mit Ihnen im Dienstzimmer zu verbringen. T… ist misstrauisch und zweifelt - könnten die beiden von seinem Edelstein wissen? Doch mit der Zeit verflüchtigt sich sein Misstrauen, zum ersten Mal seit der Zeit mit Nalda fühlt er verstanden und hat Menschen gefunden, die ihm nicht als Bedrohung erscheinen. Dennoch erzählt er ihnen nicht von seinem Geheimnis, der er weiß um die Gier der Menschen und die Gefahr in der er schwebt.
Doch einiges Tages verändert sich alles: Die alte, verrückte Maude, eine Patientin des Krankenhaus, überrascht ihn bei der Gartenarbeit und möchte ihm helfen, da sie selbst einmal einen schönen großen Garten hatte, damals, als sie noch jung war. Also lässt er sie ein wenig mit sich arbeiten und lernt so Marie, eine Schwester, kennen. Sie erscheint ihm anders als die Menschen, die er bisher kannte, und so lernt T… die Liebe kennen - die Liebe, vor der Nalda ihn immer gewarnt hat.
Doch trotz seiner Vorurteile kann Maria ihn für sich gewinnen, Naldas Stimme beginnt zu verblassen. Marie nennt ihn liebevoll "Herr Reineke", da er immer so schreckhaft und vorsichtig mit Menschen umgeht, und wegen seines rötlichen Bartes. Die beiden kommen sich immer näher, führen schon beinahe eine normale Beziehung bis Marie eines Tages sein Badezimmer benutzt: Dort findet sie die Dose, Pinzette und Lupe, mit der T.… jeden Morgen untersucht, ob sein Edelstein ihn endlich ...äähääm …verlassen hat.
Sie fragt ihn danach, und tatsächlich: Er vertraut ihr, zwingt Naldas Stimme in seinem Kopf zum Schweigen und erzählt ihr von seinem Stein und dem Reichtum, der in ihm schlummert. Marie hält das ganze für einen Scherz und umarmt ihn lachend - und schreckt zurück. Aus einem alten Tablett hat sich T… einen Bauchpanzer gebastelt, damit ihn niemand aufschneiden und seines Diamanten berauben kann.
Nun ist Maria sich sicher: Ihr Freund glaubt an Naldas Geschichte, von der sie noch immer nicht weiß, ob die alte Frau sie metaphorisch gemeint hat. Um ihrem Herrn Reineke also zu beweisen, dass sein Edelstein nicht existiert, überredet sie ihn nach mehreren Wochen dazu, sich seinen Panzer abzunehmen und sich von ihr röntgen zu lassen. Sollte der Edelstein nicht zu sehen sein, wäre T… für immer frei, frei von Nalda, frei vom warten und frei, ein Leben mit Marie zu führen.
Er willigt ein und lässt sich tatsächlich röntgen, um Gewissheit zu erlangen. Doch in den 20 Minuten, die Marie ihn allein lässt um die Bilder zu entwickelt, beginnt T… sich erneut Gedanken zu machen…
Ich möchte das Ende nicht vorweg greifen, doch so viel will gesagt sein: Ich habe nie zuvor beim Lesen eines Buches so geweint, und das will bei mir als rationalem Floppi schon als bedeutungsvoll eingestuft werden. Dieses Buch reißt mir, berührt und fasziniert!
Stuart David versetzt sich überzeugend in die Position eines Mannes, der nie eine Schulbildung genossen hat und Zeit seines Lebens unter dem Einfluss einer alten Dame stand, die Fantasie und Realität in ihren Geschichten nicht zu trennen vermochte - oder wollte?
Der Schreibstil verdeutlicht dem Lesen den Standpunkt des neurotischen und naiven T…, der sich von allen Menschen verfolgt und bedroht fühlt. So verlässt er Hals über Kopf einen seiner vielen Arbeitsplätze und Wohnorte, bloß weil ein junger Mitgärtner ihm eine Heckenschere anbietet: T… hört nicht einmal die Worte, der er sagt, er sieht nur diesen Mann mit der Schere auf sich zukommen, denkt an Naldas Geschichten und die Gier der Menschen - und flieht! Für ihn ist klar, dass alle Menschen, die von seinem Geheimnis wissen, ihn bedenkenlos aufschneiden würden um an seinen Edelstein zu gelangen.
Diese Angst vor Verrat, Bedrohung und Diebstahl zieht sich als Leitlinie durch den ganzen Roman, ähnlich dem roten Faden den Naldas Worte und Geschichten für T… in seinem leben bieten.
David zeichnet das Bild eines Mensches, der sich selbst vollkommen isoliert und sein ganzes Vertrauen in seine verrückte Tante setzt, die noch Jahre nach ihrem Verschwinden sein Leben bestimmt. Der Leser bleibt bis zum Ende im Dunklen: Existiert dieser Edelstein wirklich, ist er bloß eine Geschichte Naldas oder soll es für etwas ganz anderes stehen? Wollte Nalda T… auf diese Weise bloß sagen, dass er etwas Besonderes und Wertvolles in sich trägt: seine Persönlichkeit? Doch ironischer Weise hindert T… gerade seine Persönlichkeit daran, sich zu entfalten, ständig versteckt und verleumdete er sich aus seiner tiefsitzenden Angst heraus, ständig wartend dass sein Edelsteine endlich zu Tage kommt um ihn zu befreien.
Ein wunderbares Buch, das ich vorbehaltlos empfehlen möchte. Allerdings sollte man bedenken, dass das Buch stellenweise kurios, sehr sentimental und nicht spannend ist, zumindest vom Handlungs- im Sinne von Actiongehalt. Die hier aufgebaute Spannung ist viel subtiler und tiefgründiger und mündet in Anteilnahme und Interesse am persönlichen Schicksal T…s , der uns automatisch an unsere eigenen Ängste und Zweifel erinnert, die belasten, behindern und aufhalten. Mit einfachen Worten beschreibt David in einer hohen sprachlichen Dichte, wie wir diese Ängste überwinden können - oder halt auch nicht.