Inhalt: Gaia Stone ist in einer Welt aufgewachsen, die mehrere Jahrhunderte in der Zukunft liegt. Sie ist als Tochter einer Hebamme damit vertraut, dass jeden Monat die erstgeborenen Babys an die Enklave abgegeben werden müssen. Sie dient der Enklave treu und wird eines Tages die Aufgaben ihrer Mutter übernehmen. Die Enklave ist eine abgeriegelte Stadt, die hinter hohen Mauern liegt und in der die Leute wesentlich größeren Komfort genießen, als vor ihren Toren. Jeder Bewohner der Enklave darf sie jederzeit verlassen, doch die Bewohner der umliegenden Stadt Wharfton haben kein Recht, sie zu betreten.
Als Gaia dann aber eines Abends von der ersten Geburt nach Hause kommt, die sie ohne Hilfe durchgeführt hat, sind ihre Eltern verschwunden. Der Wächter der Enklave Bruder Grey sucht sie auf und befragt sie nach eventuellen Geburtenlisten, die ihre Mutter geführt haben könnte und schließlich erfährt Gaia, dass man ihre Eltern in der Enklave ins Gefängnis geworfen.
Sofort ist ihr klar, dass sie irgendwie versuchen muss, ihre Eltern zurückzuholen. Also dringt sie in die Enklave ein und muss erkennen, dass die Enklave lange nicht so perfekt ist, wie es den Anschein hat. Nun ist sie eine Verbrecherin, doch erhält sie immer wieder unerwartet Hilfe vom Wächter Leon Grey…
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Meinung: In ihrem Buch „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ hat Caragh O’Brien eine sehr interessante, dichte Zukunftswelt geschaffen, die mit zahlreichen Problemen wie den Folgen des Klimawandels oder genetisch bedingten Krankheiten zu kämpfen hat.
Die Geschichte beginnt eher ruhig, man hat viel Zeit, Gaia und ihr Leben besser kennen zu lernen. Bedingt durch mehrere Rückblenden zu ihrem früheren Leben mit ihren Eltern, lernt man schnell mehr über das Leben in Wharfton und der Enklave. Spannend wird es dann, als Gaia sich entschließt, in die Enklave einzudringen, um ihre Eltern zu befreien. Dabei ist sie nicht so naiv zu denken, dies würde ein Kinderspiel werden und beweist Mut, denn im Grunde weiß sie, dass sie wahrscheinlich nicht erfolgreich sein wird. Zwischendurch schleichen sich trotzdem immer mal wieder kleinere Spannungstiefs ein, aber danach wird man dafür wieder mit mutigen und spannenden Aktionen belohnt.
Zusammen mit Gaia erkundet man die Straßen der Enklave und lernt mehr über sie und ihre Strukturen. Die Gestaltung der gesamten Stadt gelingt der Autorin sehr gut, denn ich konnte mir den Aufbau schon bald sehr gut vorstellen. Für diejenigen, denen das nicht gelingt, gibt es zu Beginn des Buches aber auch eine sehr schöne Karte, die Wharfton und die Enklave zeigt.
Auch die aufgezeigten Probleme sind sehr gut durchdacht. Denn durch die genetische Gleichheit der Menschen, die seit vielen Jahren in der Enklave leben, sind sehr viele Bewohner Bluter geworden, also an Hämophilie erkrankt, und sterben deswegen in viel größeren Zahlen. Nur durch die vorgebrachten Kinder von außerhalb haben sie eine Chance, wenigstens eine gewisse genetische Vielfalt zu bewahren.
Natürlich werden auch hier Verteilungsprobleme und Ungleichheiten thematisiert, denn während die Enklave genügend Wasser und Strom zur Verfügung hat, mangelt es Wharfton eindeutig an diesen Gütern.
Trotzdem vermisse ich eine irgendwie geartete Vorgeschichte dazu. Ich habe vergeblich darauf gewartet, auch etwas darüber zu erfahren, wie und warum die Enklave entstanden ist. Abgesehen von allgemeinen Aussagen wie der Klimaproblematik ist auch schleierhaft, wieso sich die Welt derart verändert hat, denn die Enklave und Wharfton umgibt Ödland und es bleibt unklar, ob sich dahinter noch Leben befindet.
Die Charaktere erschienen mir sehr tiefgründig. Vor allem Gaia ist ein sehr mutiges und starkes Mädchen. Die hat im Laufe der Geschichte große Verluste zu verkraften und nimmt diese sehr gefasst hin. Auch lässt sie sich trotz aller Rückschläge nie entmutigen und kämpft unaufhörlich für ihre Ziele, auch wenn sie sich damit selbst in Gefahr bringt. Sie verliert niemals ihren Glauben und das bleibt auch nach dem Ende des Buches noch unheimlich bewundernswert.
Ebenso gut hat mir Leon gefallen. Sein Charakter ist sehr facettenreich und man wird bis zum Ende des Buches immer wieder von einer seiner unbekannten Seiten überrascht. Er ist dabei unheimlich selbstlos und unterstützt Gaia, selbst wenn er sie am liebsten von ihren gefährlichen Aktionen abhalten würde.
Der Schreibstil hat die Geschichte in meinen Augen sehr gut unterstützt, flüssig und angenehm lesbar trägt er auch über die etwas langatmigeren Passagen hinweg und lässt Gaias Welt fast schon real erscheinen.
Mir bleibt nur zu hoffen, dass es in Band 2 „Das Land der verlorenen Träume“ genauso fesselnd weitergeht und Gaia ihren Weg findet. Ich bin gespannt.
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Fazit: „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ ist der vielversprechende Beginn einer Dystopien-Triologie, die noch einiges an Potential hat, dass hoffentlich in den folgenden Bänden genutzt wird. Caragh O’Brien schafft eine faszinierende Zukunftswelt mit sehr starken und überzeugenden Charakteren, auch wenn mir der Entstehungshintergrund ein wenig fehlte. Der Roman regt dank der verschiedenen Probleme in Gaias Welt auch zum nachdenken an.
Allen Dystopiefans zu empfehlen!