Im Jahr 2074 zählt die Wiedergeburt als selbstverständlich – bis zu viele Menschenseelen die Erde bevölkern und die Wiedergeburt damit bedrohen.
Nach dem Tod ihrer Mutter befindet sich Avery auf der Flucht vor ihrer eigenen Familie und den Häschern des Staates und damit auf einer Grenzlinie zwischen Kämpfen und Aufgeben. Gemeinsam mit Skar schafft sie es, den Jägern immer gerade so zu entwischen. Ohne Trost, Freunde oder den Willen, ständig so weiterzumachen, ist ihrer beide einzige Hoffnung der Wechsel zur nächsten Daseinsphase; den Splittern. Doch wie man diese erlangt, steht in den Sternen...
Das Besondere an Die Keime ist der bildhafte Schreibstil, der wirklich einzigartig ist. Durch Julias Metaphern fühlt man sich mit Leichtigkeit in die Charaktere hinein und hat das Gefühl, vor Angst und Hoffnungslosigkeit zu ersticken. Denn es ist kein heldenhafter Widerstand, den man im Buch vorfindet, sondern eine durchaus reellere Situation, in der das Gesetz des Stärkeren gilt.
Der Leser bekommt Einblick in das Innenleben vieler wesentlicher Charaktere, wodurch die unterschiedlichen Motive klarer werden. Dass man im Vorhinein allerdings nicht weiß, in wessen Kopf man sich gerade befindet, empfand ich anfangs als verwirrend. Man muss sich dann erstmal bewusst machen, dass die Perspektive gewechselt hat und es als Entdeckungsprozess betrachten. Vielleicht hätte das besser gelöst werden können.
Die Charaktere jedoch sind mir alle sehr nah gekommen, vielleicht gerade weil Avery nicht viel von den Anderen erwartet und sich auch mit Skar nicht auf einer Wellenlänge zu befinden scheint. Aus dem Grund war ich umso angenehmer überrascht über die zwei, drei Begegnungen, die sich doch als etwas wie Freunde herausstellten.
Was die beiden Hauptprotagonisten angeht – es wird angedeutet, dass sie mehr gemeinsam haben als den Fluchtgedanken, vielleicht sogar aus beider früherer Leben, aber gerade Skar ist so störrisch und abweisend, dass man ihm am liebsten an die Gurgel gehen möchte. Wer also eine zarte Romanze erwartet, muss enttäuscht werden. In diesem ersten Band sind es die kleinen Augenblicke und Gesten, mit denen sich der Leser zufrieden geben muss.
"Geht es dir gut?" Er zuckt mit den Schultern, reicht die Zigarette an mich weiter und ich nehme meinerseits Rauch in mich auf, schmecke Bitterkeit auf meiner Zunge, lasse alles wieder gehen.
"Danke." Seine Lederjacke ist kalt, als er sie mir über die Schultern legt.
Gleich zu Beginn der Erzählung steckt man in Averys Haut und erlebt was es heißt, um sein Leben fürchten zu müssen. Danach ebbt die Spannung etwas ab und der Leser lernt mehr Charaktere sowie die Welt kennen, in der diese leben. Die Handlung nimmt erst wieder richtig an Fahrt auf, als Avery und Skar gegen Ende des Buches ins Zentrum von New York aufbrechen, wo sie sich erhofft, sich an mehr als nur Bruchstücke aus ihren Träumen erinnern zu können und damit vielleicht zum Splitter zu werden. Denn zwischendrin finden sich immer wieder Erinnerungsfetzen aus früheren Leben von Avery, Skar und Cash, die ebenfalls für Verwirrung im Lesefluss sorgen. Die tiefere Bedeutung hinter all dem, nämlich das Bewusstsein, früher ein anderes Leben gelebt, andere Sünden begangen oder Verpflichtungen hinterlassen zu haben und den damit einhergehenden Zwiespalt der Personen fand ich allerdings ziemlich faszinierend.
Grundsätzlich blieben leider noch viele Fragen unbeantwortet. Warum werden die Keime gejagt, wo sie doch selbst Wiedergeburten sind? Welche Rolle werden Cash, Eliza und Ruben spielen? Wird Avery wirklich sicher sein, wenn sie die nächste Phase erreicht? Am Ende von Die Keime ist klar, dass dieses Buch keinesfalls für sich alleine stehen kann.
Das Buch ließ mich ein wenig zwiegespalten zurück. Julias Debütroman ist trostlose, mit viel Bildsprache angehauchte Science Fiction wie ich sie gern lese, was aber sicherlich nicht jedem liegen wird. Da Die Keime zudem der erste von acht Bänden ist, verstehe ich das Buch mehr als Einleitung zur eigentlichen Geschichte. Ich hätte mir insgesamt mehr Fortschritt im Handlungsverlauf und mehr Antworten gewünscht und bin daher mehr als gespannt auf Band 2.