"Und der Schnee, der im Winter aufs Dach fiel, fiel leise, leise und deckte das Haus zu, den Lehnstuhl, die Bücher, die Kinderstimmen, deckte Anna und Abel zu, deckte die Parallelwelt zu, und alles war endlich sehr, sehr still."
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Inhalt: Anna Leemann steht kurz vor dem Abitur, als sie das erste Mal bewusst von jemandem Notiz nimmt, der schon seit Ewigkeiten etliche Kurse mit ihr zusammen hat: Abel Tannatek, an der Schule besser bekannt als "der polnische Kurzwarenhändler". Das erste Mal seit er an ihre Schule gekommen ist fragt sie sich: Wer ist dieser Junge, der Drogen verkauft, den Deutsch-Leistungskurs verschläft und mit niemandem etwas zu tun zu haben scheint? Annas Neugier ist geweckt und obwohl Abel sich beständig dagegen wehrt, kann er doch nicht verhindern, dass Anna sich in sein Leben schiebt und Teil davon wird. Anna, die sehr behütet aufgewachsen ist, lernt eine ganz andere Welt kennen. Abel lebt mit seiner sechsjährigen Schwester Micha alleine in einer Plattenbausiedlung, seit ihre Mutter verschwunden ist. Lehrern, Sozialamt und Nachbarn erzählt er, sie sei verreist, damit man ihm Micha nicht wegnimmt, er selbst ist nämlich noch keine 18. All diese Ereignisse und Personen verflechtet er für Micha zu einem fantasievollen Märchen, dem Märchen der kleinen Klippenkönigin, das bald nicht mehr nur Michas, sondern auch Annas Geschichte wird. Doch nicht alle Märchen haben ein gutes Ende - wird der Märchenerzähler Anna zum Verhängnis?
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Zum Buch: Bei "Der Märchenerzähler" handelt es sich wieder einmal um ein Buch, das mir von verschiedenen Seiten aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis empfohlen wurde. Und es ist wieder einmal ein Buch, bei dem ich im Nachhinein wahnsinnig froh bin, mich darauf eingelassen zu haben.
Zu Anfang war ich ein wenig befremdet von der für eine 18-jährige doch etwas weltfremden Protagonistin Anna, aber man kommt als Leser schnell dahinter, dass das beabsichtigt ist. Anna sagt über sich selbst, dass sie in einer Seifenblase lebt, in einer behüteten Familie mit guten Noten und ambitionierten Zukunftsplänen. Auf der anderen Seite steht Abel, dessen Mutter verschwunden ist und der neben dem bevorstehenden Abitur für seine sechsjährige Schwester Micha sorgen muss. Die beiden leben in einer Plattenbausiedlung und Abel dealt mit Drogen, damit sie über die Runden kommen. Der Unterschied zwischen den beiden könnte kaum größer sein.
Entsprechend interessant wird die Geschichte, als diese beiden Welten aufeinander treffen. Anna, die Abel nie vorher bewusst wahr genommen hat, wird durch einen Zufall auf ihn aufmerksam und beginnt sich für die Welt außerhalb ihrer Seifenblase zu interessieren. Abel fasziniert sie, gerade weil er sich so sehr dagegen wehrt, sie in sein Leben einzulassen, weil er so wenig Vertrauen in andere Menschen hat, weil auf seinen Schultern eine solche Last ruht. Es hat mich richtiggehend gefesselt mitzuerleben, wie Abels sorgsam errichteter Schutzwall nach und nach bröckelt, wie Anna immer mehr über diesen Jungen erfährt, der niemandes Freund ist. Zwischen den beiden entspinnt sich ein zartes Band, dessen Entstehung so schön mitzulesen ist, dass man zwischendurch einfach mal nur verklärt seufzen möchte. Aber trotzdem ist es alles andere als kitschig - im Gegenteil! Anna und Abel werden immer wieder Steine in den Weg gelegt, von außen oder von sich selbst. Jedenfalls hat man zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte das Gefühl, das ganze würde sich zu einer Liebesschnulze entwickeln.
Neben der vorsichtigen und zarten Liebesgeschichte baut das Buch aber auch jede Menge Spannung auf. Bereits der Prolog hat bei mir einen merkwürdigen Beigeschmack hinterlassen und ich hatte während des ganzen Lesens genau das im Gefühl, was Abel Anna mehr als einmal sagt: "Das Märchen geht nicht gut aus." Man wartet beständig auf die große Katastrophe, dass das ganze Kartenhaus in sich zusammenfällt, dass alles eskaliert - und atmet dann erleichtert auf, wenn es doch noch nicht so weit ist. Denn man möchte unbedingt, dass es für Anna und Abel weiter geht. Wenn es nach mir ginge, hätte das Buch gut und gerne nochmal so viele Seiten haben können, einfach damit es nicht aufhört.
Mir wurde prophezeit, dass dieses Buch gehörige Nachwehen haben wird. Und tatsächlich war ich nach dem Ende selbst ein bisschen am Ende - "Der Märchenerzähler" gehört zu den Büchern, dir mich zum Weinen gebracht und einfach jede Menge Emotionen aufgewühlt haben.
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Fazit: Abel erzählt seiner Schwester Micha ein Märchen, während man selbst Abels und Annas eigenes Märchen verfolgt, mit ihnen bangt, sich mit ihnen freut, mit ihnen leidet. Es ist ein Buch, das nachdenklich macht. Eines, das nachhallt. Eines, das man nicht bis zum nächsten Monat schon wieder vergessen hat.
Fünf Sternchen für Antonia Michaelis' wirklich tollen Roman - und natürlich eine absolute Leseempfehlung!
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Rezension zu finden auf: http://licentiapoeticae.blogspot.de/2013/01/br-antonia-michaelis-der-marchenerzahler.html