Rezension vom 06.02.2008
(8)
Zwischenmenschliche Beziehungen und ihre Kompliziertheiten - "Als hätten wir alle Zeit der Welt" von Lucie Whitehouse
Joana, Lucas, Danny, Martha, Rachel und Michael - seit vielen Jahren sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft und verbringen viel Zeit miteinander. Als Lucas durch den Tod seines Onkels und Ziehvaters Patrick dessen Anwesen Stoneborough Manor erbt, ist ein malerischer Ort gefunden, an dem man gemeinsam, von der Welt ungestört, die Wochenenden verbringt.
Im Zentrum der Geschichte, die in Stoneborough ihren Anfang nimmt, steht Joanna und ihre Beziehung zu Lucas. Nach langer Zeit enger und vertrauter Freundschaft entwickelt sich dort, in der englischen Provinz, eine Liebesgeschichte zwischen beiden und Jo scheint am Ziel ihrer Träume zu sein. Scheint, denn schnell wird deutlich, dass Lucas nicht bereit und fähig zu dieser Verbindung ist. Verwickelt in eine tragische, geheimnisvolle und komplizierte Familiengeschichte wird er immer stärker von seiner unbewältigten Vergangenheit eingeholt, bis er sich aus seinem bisherigen normalen Londoner Leben völlig zurückzieht und mit seinem Freund Danny, Joannas schärfstem Konkurrenten um Lucas, in den Herrensitz übersiedelt. Als es schließlich zu Konflikten mit Joanna und zur Trennung kommt - unglücklich mit Lucas beginnt Jo eine erfüllende Beziehung mit Rachels Freund Greg - verliert Lucas mehr und mehr seinen Halt.
Auf unterhaltsame und spannende Weise untersucht Lucie Whitehouse zwischenmenschliche Beziehungen, ihre Bedingungen, ihre Funktion und ihren Einfluss auf das tägliche Leben, wobei besonders betrachtet wird, wie Vergangenes Gegenwärtiges und Zukünftiges beeinflusst. In der Wahrnehmung ihrer Hauptfigur Joanna verdeutlicht sie die Gegenüberstellung von Vergangenheit und zukunftsorientierter Gegenwart in der Parallelisierung des Geschehens auf Stoneborough Manor als symbolischem Ort von Sozialisations- und Familiengeschichte, und dem Geschehen des alltäglichen Lebens in London. Beide Sphären durchdringen sich gegenseitig und es ist letztlich die Vergangenheit, die Joannas gegenwärtiges und zukünftiges Glück massiv bedroht.
Besonders dieses Konzept macht "Als hätten wir alle Zeit der Welt" zu einem interessanten und lesenswerten Roman, der anregt, über die Bedingungen von Beziehungen und der Wahrnehmung des anderen nachzudenken. Nicht zuletzt besticht er daneben durch die wunderschönen bildhaften Beschreibungen der Landschaft um Stoneborough Manor.
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