Lucy ist 29, Hydrologin, arbeitet aber nicht in ihrem Beruf, sondern lebt mit ihrem Freund in Japan und sucht nach einer neuen Orientierung. Sie reist heim zu ihrer Mutter nach The Sea of Dreams, weil die sich bei einem Unfall die Hand gebrochen hat, und damit natürlich auch zurück in ihre Vergangenheit. Zufällig findet sie ein paar alte Briefe und kommt so auf die Spur einer Urgroßtante, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre uneheliche Tochter bei Bruder und Schwägerin zurückgelassen und sich in der Sufragettenbewegung engagiert hat.
Lucys gesamter Aufenthalt im Elternhaus ist nun der Jagd nach weiteren Informationen gewidmet. So enthüllt sie nach und nach, dass die Tochter jener Urgroßtante Rose noch lebt, und konfrontiert die alte Dame mit der Tatsache, wer ihre Mutter war.
Zudem trifft sie ihre Jugendliebe Keegan wieder, der inzwischen alleinerziehender Vater ist. Es funkt erneut zwischen den beiden, aber außer ein paar Küssen fällt nichts vor, schließlich ist Lucy ja mit Yoshi liiert. Der reist ihr denn auch später hinterher. So ganz nebenbei klärt sich auch noch auf, unter welchen Umständen Lucys Vater ums Leben kam und dass ihr Onkel ein ganz Böser ist.
Aber am Ende tun ausnahmslos alle das moralisch Richtige. Lucy heiratet Yoshi, und die beiden arbeiten für ein soziales Projekt in Kambodscha. Keegan verzichtet großherzig auf seine alte Liebe. Lucys Bruder kündigt seine Stelle bei dem bösen Onkel und findet natürlich sofort einen neuen, viel besseren Job, bei dem er auch noch seine Frau unterbringen kann. Und Lucys Mutter spendet ihren Grund und Boden für den Naturschutz, statt das wertvolle Land bebauen zu lassen.
Schnarch! In diesem Roman hat absolut niemand auch nur die kleinsten Ecken oder Kanten. Alle (bis auf den bösen Onkel) sind von einer derart einschläfernden Nettigkeit, dass man nur mühsam die Augen offen halten kann. Die Story ist an den Haaren herbeigezogen und ziemlich wenig interessant, sowohl die um Lucy als auch die um ihre frauenbewegte Urgroßtante.
Das einzig Spannende war für mich die Frage, warum diese Tante, nachdem sie die Geliebte eines bekannten Künstlers geworden war, nicht endlich ihr Kind zu sich geholt hat, anstatt ihm nur in nie abgeschickten Briefen ihre Liebe zu versichern. Ihr bisheriges Argument – „ich kann dir ja nichts bieten“ – war damit schließlich hinfällig geworden. Stattdessen gönnte sie sich eine eigene Wohnung und genoss ihre Freiheit. Na, auch recht. Dass die Kleine dann mit vierzehn von ihren Zieheltern abgehauen ist, kann man verstehen.
Allerdings wird diese etwas fragwürdige Wendung im Roman gar nicht thematisiert – derartige Überlegungen musste ich also ganz alleine anstellen und konnte mir meine Fragen folglich auch nicht von der Autorin beantworten lassen.
Kurz und gut: Das Buch ist sprachlich solide, aber inhaltlich ein furchtbarer, glattgebügelter Schmalz; eine dünne Story, in die ganz viel reingepackt wurde (ungeklärter Unfalltod des Vaters, Bauspekulation, alleinerziehender Vater, Konflikt zwischen Arbeitgeber und Moral, Rechte der indianischen Ureinwohner, Erdbebengefahr in Japan, Kometen und Sonnenfinsternisse …), von dem nichts tatsächlich zu einem Ergebnis führt. Die Anhäufung von Zufällen, die Lucy auf die Fährte ihrer Urgroßtante bringen und sie dann auch noch den Tod ihres Vaters aufklären lassen, ist vollkommen unglaubwürdig. Und die Figuren lassen einen in ihrer Eindimensionalität ständig hoffen, dass endlich mal jemand komplett ausrastet – leider vergeblich.