Am Ende steht der Wasserfall
Pete Dizinoff ist ein erfolgreicher Arzt und laut eigener Aussage ein ganz normaler Mann: Er hat seine Studentenliebe Elaine geheiratet, einige Fehlgeburten mit ihr hinter sich, ein viel zu großes Haus gekauft, reiche und erfolgreiche Nachbarn und Freunde und einen kunstinteressierten Sohn. Und weil Sohn Alec für ihn einfach das wichtigste ist, sagt er nichts, als dieser die Highschool abbricht und such stattdessen ein Atelier bei seinen Eltern einrichtet. Und er sagt auch nicht, als er sich mit Laura Stern erst anfreundet und dann zusammenkommt.
Laura Stern ist die älteste Tochter von Joe, der wiederum Petes bester Freund ist. Die beiden Kumpels könnten also glücklich sein, dass ihre Kinder zueinander gefunden haben – doch Laura ist neun Jahre älter als Alec und hat eine schlimme Zeit hinter sich: Mit 17 ist sie schwanger geworden und hat bei der Frühgeburt, die in ihrer Lieblingsbibliothek stattfand, das Neugeborene auf grausame Weise getötet, da ist sich Pete sicher. Joe und seine Frau Iris schweigen über das Thema genau wie Petes Frau Elaine. Auch Pete hat gelernt zu schweigen – bis Alec eine Entscheidung trifft, die seinem Vater gar nicht passt …
Wenn man dieses Buch liest, dann wird einem klar, wie traurig es um unsere Gesellschaft bestellt ist. Keiner will den anderen in irgendeiner Art und Weise kritisieren, beleidigen, auf heikle Themen ansprechen. Alle haben Angst, das Gesicht zu verlieren, Pete und sein bester Freund Joe sind als erfolgreiche Ärzte das perfekte Beispiel. Stattdessen trinkt man, redet über Baseball, sagt nicht das, was man denkt, und begehrt die Frau des anderen. Und dann hat Pete den Mut und sagt etwas, will etwas diskutieren, weil ihm das Verhalten seines Sohnes einfach nicht einleuchten will – und wird mal eben von dieser Gesellschaft, von seinen besten Freunden und Nachbarn, zerfleischt.
Ich finde diese Darstellung zwar etwas extrem, doch ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Nachbarschaften gibt, in denen die Menschen im Jahr mehrere Hunderttausend Dollar verdienen und tatsächlich so oberflächlich leben. Doch diese Darstellung wurde für die Nachricht des Buches dringend gebraucht, oder besser gesagt für die Fragen und Anregungen. Die Welt ist nicht bloß schwarz und weiß. Wie weit darf Vaterliebe gehen? Und vor allem: Wer ist hier verrückt? Die Kindsmörderin? Der Arzt? Beide?
Es ist sehr schwierig, ein einheitliches Ergebnis für mich aus dem Buch zu ziehen, weil ich das Ende sehr offen und ungeklärt fand. Pete hat auf jeden Fall die Höchststrafe bekommen – Ausschluss aus der Gesellschaft, dabei hat er selbst gesagt, dass Laura (also die Frau, die ihm diesen Gesellschaftsausschluss eingebrockt hat) eine soziale Außenseiterin sei. Ich schließe für mich damit, dass das zum größten Teil unverdient gewesen ist – Laura ist wirklich nicht normal. Wie trocken sie erzählt hat, auf welche Art sie das Kind ermordet hat. Und wie schamlos sie falsche Dinge behauptet. Aber anstatt Pete zu glauben, hält man zu seinen Kindern. Erschütternd.
Erschütternd ist vielleicht das richtige Wort, um das Buch zu beschreiben. Worte wie spannend und unterhaltsam sind hier irgendwie nicht angebracht, denn das Buch wurde erst wirklich in den letzten Seiten spannend, und unterhaltsam ist es nur in kleinen Szenen gewesen. Das Buch ist mehr vor sich hingeplätschert, bis man letztendliche einen Wasserfall hinuntergerauscht ist.
Auch die Sprache ist dabei meiner Meinung nach nicht sehr besonders gewesen; vielleicht passend für einen Arzt, gespickt mit Fachausdrücken und amerikanischen Wörtern, die ich noch nie gehört habe. Leider kam kein erfrischender Lesefluss zustande, so dass ich mich oft zwingen musste weiterzulesen. Zum letzten Drittel des Buches hin wurde es einfacher. Aber eigentlich will man ein Buch nicht zu Ende lesen, wenn es nicht mal langsam ab Seite 150 spannend wird – mich hat die positive Kritik weiterlesen lassen …
Insgesamt kann ich sagen, dass der dramatische Schluss der Kick des Buches gewesen ist und ohne diesen Kick hätte ich es nicht zu Ende gelesen. Kritik an unserer Gesellschaft und teilweise philosophische Fragen waren auch interessant. Aber insgesamt nur Mittelmaß. Ein paar Strömungen auf dem Weg zum Wasserfall wären gut gewesen.