Rezension vom 19.08.2011
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Die Werbetrommel war dieses Mal wahrlich nicht zu überhören gewesen: „Schoßgebete“, der zweite Roman von Charlotte Roche, ist erschienen. Startauflage sage und schreibe eine halbe Million. Roche versucht nun, das Trauma ihres Lebens zu bewältigen. Gute Literatur ist daraus nicht entstanden. Teils Porno, Beichte, Erziehungs- und Eheratgeber, aber kein Roman, obwohl es so angepriesen wurde. Das Vorgänger-Buch „Feuchtgebiete“ war ja schon mit der Schmuddelsex-Provokation zu einem der größten Erfolge der deutschen Verlagsgeschichte geworden. Nun also weiter auf dieser Welle, wenngleich mit ein bisschen mehr Anspruch auf Tiefgründigkeit. Mehr als ein Anspruch ist aber nicht daraus geworden. Erschütternde Aussagen des Buches lauten etwa, dass Kinder gemeinsame Mahlzeiten mit den Eltern brauchen.
Im Mittelpunkt steht eine Frau, die ein bisschen an Charlotte Roche erinnert. 33 Jahre alt, verheiratet und hat vor Jahren bei einem Autounfall ihre Brüder verloren. Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, vieles ist Selbstdarstellung, die ebenso ermüdend wie peinlich wirkt. Schon die ersten Seiten Lektüre sind quälend, und das wird auch im Verlauf der nächsten 200 Seiten nicht besser. Das erste Kapitel, natürlich gleich ein pornographisches, erklärt dem unwissenden Leser seitenlang, was Oralsex ist und wie er funktioniert. Das hat weder etwas Erotisches oder überhaupt den Leser Berührendes. Es klingt eher wie die Beschreibung einer Gebrauchsanweisung von Ikea. Und auf dem gleichen literarischen Niveau bewegt sich auch der ganze „Roman“. Die Sätze sind kurz und in schlechtem Deutsch wie: „Ich liebe Wissenschaft, weil die schlechtes Gewissen wegmacht." Schon das erste Buch von Charlotte Roche „glänzte“ durch schlechtes Deutsch. Warum aber sollte ich einen „Roman“ kaufen, der offenkundig schlecht geschrieben ist?
Umso verwunderter ist man, dass die Literaturkritiker der FAZ, Felicitas von Lovenberg, das Buch so euphorisch lobte. Hatte das damit zu tun, dass der Verlag in derselben Zeitung teure, ganzseitige Anzeigen schaltete? "Dringlichkeit und Wucht" wie Frau von Lovenberg sie darin fand, haben sich vor mir aber gut versteckt: ich fand nichts Wuchtiges und auch nichts Dringliches.
Selbst sagt Roche gibt zu, sie sei keine Schriftstellerin, ganz deutlich bezeichnete sie sich als „Hochstaplerin“ - dem kann man nur zustimmen. Sie kann zwar wie jeder Pennäler mit ein paar flotten sexistischen Sprüchen provozieren, aber schreiben kann sie nicht (und trotzdem erhielt sie einen Autorenvertrag? Ach so, sie war ja mal bei Viva, ein B-Promi also). Das Buch ist ungefähr so, als wenn jemand, der kein Klavier spielen kann, auf den Tasten herumklimpert, es aufnimmt und den Lauten als Musik verkauft.
Vor allem eines hat mit diesem Buch gelitten: die Glaubhaftigkeit der Literaturkritik. „Schockierende Ehrlichkeit“ attestierten manche. Ehrlichkeit? Gerade das fand ich nicht darin: gewollt, gekünstelt, aufgesetzt kommt mir das Geschriebene vor. Fast entlarvend aber der Satz von Frau von Lovenberg: „Dieses Produkt berührt uns.“ Ja, ein Produkt ist dieses Buch, mehr nicht, weder Literatur noch Kunst noch ein Roman. Ein Verkaufsprodukt. Der Medienkonzern Bonnier hat unlängst Piper gekauft und wollte dem Verlag ein größeres literarisches Profil geben. Das Buch von Charlotte Roche macht da gerade das Gegenteil. Als Buchhändler konnte ich das Buch lesen, ohne es kaufen zu müssen. Darüber bin ich glücklich, denn es wäre sehr schade um das Geld gewesen, denn ich kaufe ich mir lieber gute Bücher.
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