Rezension vom 12.10.2012
(11)
Mit "Irrlicht" hat Joseph O' Conner die tragische Liebesgeschichte zwischen John M. Synge, dem Dichter und Mitbegründer des berühmten Abbey Theatre in Dublin, und der jungen Schauspielerin Molly O' Neill fiktionalisiert und zu einem poetischen Roman verwoben.
Inhalt:
Nach dem Lesen des Klappentextes habe ich eine ausführlich erzählte Geschichte zweier Liebenden vor dem Hintergrund des irischen Theaters erwartet, was sich nur zur Hälfte erfüllt hat. Denn bereits auf der ersten Seite lernen wir Molly im Jahr 1952 kennen, als John bereits mehr als 30 Jahre tot ist. Mittlerweile ist Molly eine verarmte Frau geworden, die immer mehr mit dem Alkohol zu kämpfen hat. Doch sobald sie durch die Straßen von London streift und in das Gespräch mit einigen wenigen ihr verbliebenen Freunde tritt, bewahrt sie Haltung und die Eigenschaften, die sie einst als gefeierte Schauspielerin Molly O' Neill charakterisiert haben.
In abwechselnden Kapiteln werden dann Mollys gegenwärtiges, recht zurückgezogenes Leben und ihre Vergangenheit erzählt. Diese ist geprägt von ihrer skandalösen Liebe zu dem um viele Jahre älteren Dichter John Synge, mit dem sie am Theater zusammengearbeitet hat und den sie auch nach seinem Tod noch immer überall sieht: auf der Straße, in der Theaterloge, überall fühlt sie sich beobachtet, wie von einem Irrlicht. Mit wunderbar poetischer Sprache erzählt O' Conner das Verhältnis zwischen dem Vagabunden, ihrem Strolch, und seinem Feenkind.
Fazit:
Die Tatsache, dass O' Conner hier keine chronologische und packende Liebesgeschichte erzählt, sondern dieses Erzählprinzip wählt, ist wundervoll. Das Theater wird auf diese Weise präsentiert, als Ort, an dem sich auch nach der Aufführung noch die Schatten küssen. Nach einigen Kapiteln hat es mich ein wenig gestört, dass ich Molly und John schon wieder verlassen und mich in das London der 50er begeben muss. Aber umso mehr, konnte ich die Worte in den Kapiteln genießen, in denen sich die Liebenden unterhalten oder Briefe schreiben. Der emotionalste Moment des Buches war für mich jedoch der Epilog: ein 14-seitiger Brief von Molly an John, den sie nur leider nie abgeschickt hat. In diesem Brief spricht eine so reife und gleichzeitig noch verspielte junge Frau, die das Schauspiel liebt und genau weiß, wie sie mit den Worten umzugehen hat. Womöglich hat dazu auch ein Rat beigetragen, den er ihr eines Tages gegeben hat: "Sie müssen den Worten gestatten, Sie zu dem Herzen zu führen, von dem diese Worte kommen." Ich denke, das ist ein Rat, den auch viele Menschen heute noch verinnerlichen sollten.
Mehr
Weniger
0 Kommentare