Normalerweise bin ich mir nach dem Beenden eines Romans relativ schnell sicher, mit vielen Sternen ich ihn bewerten möchte. Bei "Ewiglich die Sehnsucht" war das jedoch nicht der Fall. Also was ist an diesem Buch so anders?
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Das erste Drittel über konnte mich Brodi Ashtons Debüt schlichtweg begeistern.
Die Autorin beginnt ihren Roman mit einer Art inneren Monolog von Nikki, indem diese auf die klassischen Vorstellungen von Himmel und Hölle eingeht und dann das Ewigseits und die Ewiglichen ins Spiel bringt. Die Art, wie Nikki über beides spricht, verspricht ein großes Geheimnis, auch eine große Portion Dramatik. Ich wollte als Leser unbedingt wissen, was es mit diesem mystischen Ort auf sich hat, welche Erfahrungen Nikki dort gemacht hat – die Spannung war geweckt!
Es folgte ein etwas längerer Prolog, der damit beginnt, dass die sogenannte Nährung endet. Nikki befindet sich in einem Zustand des Erwachens, sie ist verwirrt und verletzlich. Das hat die Autorin mit ihren Beschreibungen sehr gut herausgearbeitet, so gut sogar, dass es mir vorkam, als befände ich mit Nikki und Cole in der Höhle. Die Atmosphäre in diesem Textabschnitt ist eher düster und geprägt von großer Sehnsucht und Melancholie - sehr intensiv und eindrucksvoll. Diesem Stil bleiben auch die ersten Kapitel treu, in denen die Ich-Erzählerin Nikki von ihren Erlebnissen nach ihrer Rückkehr in die Oberwelt berichtet. Ein halbes Jahr ist sie für ihre Mitmenschen verschwunden gewesen, dabei waren es für sie hundert Jahre, die sie im Ewigseits verbracht hat.
Es ist für sie nach ihrer Rückkehr nicht nur eine große Anstrengung, sich an Personen und Begebenheiten zu erinnern, sondern auch ihr Körper ist so geschwächt, dass einfache Tätigkeiten zur Hürde werden. Dazu kommen eine Art innere Leere und das Unvermögen, Gefühle wie Freude zu empfinden und diese anderen gegenüber auszudrücken, sei es durch Lachen, Weinen oder eine andere menschliche Regung. Nikki lebt in dem Bewusstsein, nur ein halbes Jahr Zeit zu haben, bis sie zurück in die Unterwelt geholt wird, denn es bindet sie eine Art Pakt an diese. Sie will diesen Zeitraum unbedingt nutzen, um sich von ihrer Familie, ihrer besten Freundin und ihrem Ex-Freund, Jack, zu verabschieden. Besonders liegt ihr bei diesem Vorhaben jedoch Jack am Herzen, den sie in den hundert Jahren als einzigen nicht vergessen hat. Ein Umstand, der eigentlich unmöglich ist, denn normalerweise vergessen Spenderinnen wie Nikki im Ewigseits ihr komplettes früheres Leben.
Diese schwierige Situation wird mit so viel Eindringlichkeit dargestellt, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mochte. Mit der Einfühlsamkeit und Ernsthaftigkeit, mit der hier geschrieben wurde, unterscheidet sich „Ewiglich die Sehnsucht“ für mich von anderen, zur Zeit beliebten Fantasy-Jugendromanen.
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Die Erzählung über Nikkis Rückkehr in die Oberwelt immer wieder von Kapiteln unterbrochen, die in der Vergangenheit spielen. Dieser Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenem hat mir an sich sehr gefallen. Ich war jedoch etwas enttäuscht darüber, dass diese Rückblicke es nicht ermöglichen, Nikkis Familie und Jules, ihre beste Freundin, besser kennenzulernen. Gerade über die Beziehung zwischen Nikki und ihrer verstorbenen Mutter hätte ich gerne mehr erfahren, doch leider bleibt die Erzählung in diesem Punkt sehr oberflächlich.
Auch auf die Intensität der Beziehung zwischen Jack und Nikki hätte in den Rückblicken noch intensiver eingegangen werden können. Die beiden bringen im Laufe der Geschichte einige Opfer für den jeweils anderen, laut Buch begründet durch ihre Liebe für einander. Doch wieso sie einander so lieben, dass sie dazu bereit sind, wird nicht gut genug gezeigt.
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Neben diesen kleineren Kritikpunkten ist mein Hauptkritikpunkt der komplette mittlere Teil des Romans. Hier gab es leider mehrere logische Ungereimtheiten, die mich ziemlich gestört haben (z.B., dass Nikki ewig braucht um zu begreifen, was es mit Mary und den Ankern auf sich hat). Ebenso fehlte es mir in diesem Teil an aufrichtigen Gefühlen Nikkis gegenüber ihrem Vater, ihrem Bruder und Jules und ihre Hinundhergerissenheit bezüglich Jack war bei allem Verständnis doch etwas zu viel des Guten.
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Im letzten Drittel kommt es dann zu einem Handlungsmoment, den ich sehr schwer nachvollziehbar fand (Nikkis und Jacks Plan in Bezug auf Cole). Dieses krasse Vorgehen passte für mich nicht zum Charakter der beiden.
Das eigentlich Ende war dagegen dann wieder große klasse, hier schreibt Brodi Ashton wieder auf die gleiche Weise, die mich am Anfang so begeistert hat: melancholisch, gefühlvoll, glaubwürdig und einfach packend und berührend.
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Was die Charaktere angeht, hat Cole mich am meisten überzeugt als ein in sich stimmiger Charakter, der wenig Stereotypes an sich hat und sich nicht in das klassische Gut/-Böseraster einordnen lässt.
Jack war umgangsprachlich gesagt ein netter Kerl – er ist humorvoll, weiß, was er will, teilweise romantisch, immer für Nikki da, hat auch kleinere Schwächen … Trotzdem fehlt mir bei ihm ein wenig das Eigenständige, das ihn aus der Masse der männlichen Hauptpersonen im Young Adult-Bereich herausstechen lässt.
Nikki ist für mich am schwersten einzuschätzen, was vielleicht daran liegt, dass man sie den Großteil der Erzählung über in einer sehr verzweifelten Lage erlebt. Die „frühere“ Nikki scheint ein eher ruhiges, etwas schüchternes und lebensfrohes Mädchen gewesen zu sein, die „aktuelle" Nikki ist dagegen deutlich gezeichnet von allem, was sie in der Zwischenzeit erlebt hat. Sie ist reservierter, pessimistischer - und am Ende kämpferischer. Ich hoffe, dass Nikki in den folgenden Bänden noch mehr Persönlichkeit erhalten wird, um sie zu einer Heldin wie z.B. Katniss oder Hermine zu machen, die für die Leser durch eine ganz eigene Art unverwechselbar ist.
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Der Schreibstil liest sich angenehm. Er ist nicht kompliziert, aber passt zur Nikkis Persönlichkeit und Situation. An manchen Stellen finden sich schöne, leicht poetische Formulierungen.
Emotionen werden von der Autorin immer wieder beeindruckend intensiv geschildert, während es bei Beschreibungen der Umwelt etwas an Details fehlt (Farben, Formen …).
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Fazit:
Es fällt mir wirklich schwer, dieses Buch zu bewerten. Einige Aspekte haben mich total begeistert (die wundervoll beschriebene Stimmung zu Beginn und am Ende, der Plot an sich, die Idee, immer wieder Rückblicke einzubauen, das Ende), andere Punkte konnten da nicht mithalten (fehlende Details, Charaktere, die noch nicht eigentständig genug waren, eigentlich der gesamte mittlere Teil ...).
Insgesamt betrachtet ist "Ewiglich die Sehnsucht" für mich aber ein besonderer YA-Roman, gegenüber dessen Fortsetzung(en) ich große Hoffnungen hege.