Dieses Buch hat sich seine fünf Sternchen nur ganz knapp verdient. Als ich angefangen habe, es zu lesen, war ich zunächst abgeschreckt von der spartanischen Sprache, die eigentlich so gar nicht mein Ding ist. Aber während der Lektüre hat sich herausgestellt, dass genau dieser Stil die Geschichte trägt bzw. ihr wie auf den Leib geschneidert ist. Alles in dem Buch war perfekt aufeinander abgestimmt: Die Ich-Person Charley Thompson, ein fünfzehnjähriger, von aller Welt verlassener Junge, das Setting, nämlich die raue, undankbare Landschaft Westamerikas, der wortkarge Stil und die Geschichte, die irgendwie schön und hässlich zugleich ist. Es gab lange kein Buch mehr, dass mich so verzaubert hat, obwohl es die unschönen Seiten des Lebens in den Vordergrund stellt.
Charley gibt nicht viel von sich preis. Obwohl das Buch aus seiner Perspektive erzählt wird und auch ausschließlich im folgt, erhält man kaum Einblick in seine Gefühlswelt. Trotzdem leidet man richtig mit ihm mit. Warum? Die Antwort auf diese Frage suche ich immer noch. Vielleicht, weil er ein Sympathieträger bleibt. Er stielt, er lügt, er handel immer wieder komplett irrational - und trotzdem ist er der 'Gute'. Kein Held, ganz sicher nicht, aber man wünscht ihm alles nur erdenkliche Glück, das ihm bis jetzt versagt geblieben ist. Vielleicht liegt es daran, dass er keinen Funken Böswilligkeit in sich trägt, dass er immer noch an die Welt und die Menschen glaubt, nach allem, was er mit angesehen hat. Er lässt sich nicht abbringen vom Traum, seine Tante zu finden und schlussendlich schafft er, was er sich in den Kopf gesetzt hat, auch wenn er auf dem Weg dorthin viel verloren hat ( besonders sein größter Verlust, den ich an dieser Stelle nicht verraten werde, hat mich doch sehr überrascht... ) Durch seine Träume und die gelegentliche Erwähnung seiner Ängste erfährt der Leser allmählich, dass auch dieser vermeintlich taffe Junge sich endlich nach einem anständigen Leben sehnt. Auch das macht Charley zu einem gelungenen Protagonisten - er ist anständig. Selbst beim Diebstahl schafft er es irgendwie, in den Augen des Lesers anständig zu bleiben. Oft handelt er dumm, flieht vor der Realität, aber verurteilen kann man ihn dafür nicht wirklich.
Und es gibt noch mehr solcher Charaktere. Das ist das vielleicht schönste an "Lean On Pete". Charley trifft einen Haufen Leute, um die man auf der Straße einen großen Bogen machen würde und sie alle helfen ihm auf irgendeine Weise. Da ist der trinkende Jockey und die kiffende Pferdepflegerin, die beiden dauerbetrunkenen Männer, die mitten in der Wüste in einem Trailer leben, der Mexikaner, der ihn zunächst erschreckt und ihm dann zehn Dollar schenkt, und, und, und... Willy Vlautin illustriert in seinem Buch eine hässliche Welt, die er mit interessanten, auf absonderliche Weise liebenswerte Menschen füllt.
"Lean on Pete" ist gewöhnungsbedürftig, manchmal vulgär und widerlich. Es ist traurig und zum Vezweifeln und manchmal will man das Schicksal dafür anschreien, dass es Charley Thompson nicht mehr Glück auf den Weg gegeben hat. Aber es ist auch schön, hoffnungsvoll und zaubert einem hin und wieder ein Lächeln auf das Gesicht. Vor allem aber ist es eine Lektüre, die keinen Leser so schnell wieder loslässt.