Rezension vom 06.06.2012
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"Die Krankheit des Jahrhunderts"
Rudi Assauer, einst Fußballprofi und Manager von Schalke 04, verschaffte der Alzheimer-Krankheit unlängst große Öffentlichkeit. Der vielfach ausgezeichnete österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat schon ein Jahr zuvor mit "Der alte König in seinem Exil" ein Buch vorgelegt, in dem er einen sehr persönlichen Blick auf den Umgang mit Demenz beschreibt. Der Roman ist weniger Ratgeber als Erfahrungsbericht und macht begreiflich, dass der Umgang mit dem krankheitsbedingten Vergessen ein langer Prozess ist – für alle Beteiligten.
Geiger erzählt die Geschichte seines Vaters August, dessen Biografie wie die einer ganzen Generation vom Krieg geprägt wurde. Seine Erinnerungen, aufgeschrieben im Alter von 24 Jahren, entdeckt Arno in einem Wandregal im Vorratskeller des elterlichen Hauses. Erst mit dessen Lektüre erfährt er von den Ängsten und Wünschen seines Vaters, dem Überleben im Lazarett in Bratislava, wo um ihn herum Gevatter Tod Überstunden schob, August aber überleben ließ. Derartige Traumata vergisst man nicht. Keine Form der Demenz radiert sie aus dem Lebenslauf.
Nachdem er viele seiner Weggefährten begraben musste, kehrte August nach Hause ins vorarlbergische Wolfurt zurück, wo er als Sachbearbeiter der Landesregierung und als Gemeindeschreiber seinen Platz in der Nachkriegsgesellschaft fand. Hier wollte er nicht wieder weg, das Zuhausebleiben zog er neuen Abenteuern vor. Diese Weltfremdheit erschwerte das familiäre Zusammenleben immer mehr. Augusts Frau verließ ihn nach 30 Ehejahren, seine Kinder zogen nach und nach aus.
Dass seine zunehmende Schrulligkeit nicht einzig die Summe aus Charakter und Biografie ist, sondern Anzeichen für eine Krankheit sein kann, bemerkte die erst Familie spät. „Wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit.“, beschreibt Arno Geiger das anfängliche Unverständnis für den Vater. Auch, weil Eltern immer stark und standhaft erwartet werden, deuteten sie die immer deutlicher hervortretenden Schwächen des Vaters falsch. „Kaum ein Mann schafft es, dem Bild gerecht zu werden, das Kinder sich vom Vater machen.“ Doch diese Idee sei zum Scheitern verurteilt.
Das Wissen um die Krankheit sorgte trotz ständig neuer Herausforderungen für Erleichterung, lieferte es doch immerhin eine Erklärung für das Chaos. Die Distanz zum Vater verringerte sich, bedeutete die Vergesslichkeit schließlich auch das Vergessen von Konflikten.
Nach und nach erkannten Augusts Angehörige die Wegrichtung, die eingeschlagen werden musste. Weil Demente nicht mehr in der Lage seien, die Brücke in die Welt der Gesunden zu überqueren, mussten sie eben hin zum Vater gehen.
Die Geistesblitze von August wurden immer seltener, seine Verwirrtheit dafür umso abstruser. Er erkannte seine Kleidung nicht mehr, verstaute den Rasierapparat in der Mikrowelle, vergas erst und verlernte später das Essen und Trinken. August verkannte die Realität, bot dem Nachrichtensprecher im Fernsehen Plätzchen an und ärgerte sich, dass dieser ihn ignorierte. Wie schwierig es ist, Respekt zu bewahren, lässt sich erahnen.
Arno Geiger rät, im Umgang mit an Demenz Erkrankten neue Maßstäbe anzulegen. Trotz aller Schwierigkeiten habe die Krankheit nicht alle Verbindungen gekappt, bot ihm sogar die Chance, den Vater besser kennenzulernen und ihm nahe zu sein.
Geiger bezeichnet Alzheimer als die Krankheit des Jahrhunderts, denn sie sei auch ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft:: „Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste.“
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