Waisen haben es nicht leicht in Nordkorea. Falls sie das Erwachsenenalter erreichen, bleibt ihnen fast nur eine Karriere beim Militär. So ergeht es auch Pak Jun Do, der eigentlich gar kein Waise ist, sondern der Sohn des Waisenhausleiters, und nach einem nordkoreanischen Märtyrer benannt wurde. Nach einer entbehrungsreichen Kindheit wird er Tunnelkämpfer und bald auch noch für ganz andere Aufgaben rekrutiert, bei denen er immer wieder mit der westlichen Welt in Kontakt kommt, aber auch mit den nordkoreanischen Behörden ...
Das Buch ist unterteilt in zwei unterschiedliche "Geschichten". Der Leser verfolgt zunächst die Geschichte von Jun Do, dessen Name interessanterweise an die amerikanische Bezeichnung "John Doe" für eine Person männlichen Geschlechts mit unbekannter Identität erinnert. Und tatsächlich ist Identität ein großes Thema. Denn Jun Do hat seine Mutter nie kennengelernt, wird zu Dingen getrieben, die sein Gewissen belasten und übernimmt schließlich die Identität eines Anderen. Immer wieder wird Jun Do auch mit der Schauspielerin Sun Moon konfrontiert, bis er schließlich beginnt, sich nach ihr zu verzehren.
Relativ unvermittelt wechselt die Geschichte zum wesentlich längeren zweiten Teil, wo ein Mann, der große Ähnlichkeiten mit unserem bisherigen "Helden" hat, auf der Türschwelle ebenjener Schauspielerin erscheint und behauptet, ihr Mann zu sein. Und obwohl er es ganz offensichtlich nicht ist, ist immer nur das die Wahrheit, was der Große Führer (Kim Jong Il) zu solcher erklärt. Doch Jun Do hat sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen, denn in Nordkorea verschwinden selbst solche Leute in Arbeitslagern oder gleich auf Nimmerwiedersehen, die dem Staat ihr Leben lang treu gedient haben.
Auf fast 700 Seiten wird eine intensive und sehr komplexe Lebensgeschichte erzählt, die gleichzeitig eines der ärmsten und menschenverachtendsten Länder porträtiert. Der Autor greift zahllose Themen auf (Schicksal von Waisenkindern, Entführungen von Japanern, Arbeitslager, Gehirnwäsche, Lobotomielager, etc.), die man nicht wahrhaben möchte und doch bei weitergehender Recherche zumindest gerüchteweise bestätigt findet. Denn über Nordkorea gibt es kaum definitive Fakten. Und das ist eigentlich auch mein größter Kritikpunkt an diesem, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch: es gibt kein aufklärendes Nachwort. Es gibt lediglich eine Danksagung, aber keinerlei Informationen darüber, was reine Fiktion ist, was gesicherte Tatsache und was auf Gerüchten fußt. Wenn man über die massiven Menschenrechtsverletzungen im derzeit "weltweit restriktivste[n] politische[n] System der Gegenwart" (wikipedia, 2013) aufklären will, hätte ich das sehr wichtig gefunden.
Ab dem zweiten Teil des Buches wechseln sich plötzlich die Erzählperspektiven ab. War der erste Teil lediglich durch Radiopropaganda eingeleitet und dann aus Sicht Jun Dos erzählt, mischen sich im zweiten Teil Jun Dos Erzählstrang mit den Radiosendungen sowie der Ich-Perspektive eines der Vernehmungsbeamten. Dadurch wird deutlich, wie sehr die Menschen dem System glauben und besonders, wie sehr das System die Menschen durch Propaganda manipuliert. Teilweise wirkt es lächerlich, dass man solche Dinge wirklich glauben kann, dann wiederum wird klar, dass es funktioniert. In diesem Sinne hat mich die anti-amerikanische Propaganda selbst dahingehend skeptisch gemacht, wie gut ausgerechnet ein Amerikaner ein Buch über Nordkorea schreiben kann.
Insgesamt hat mich dieses Buch aber auch jetzt, eine Woche nach Beenden, noch lange nicht losgelassen. Ich kann nicht behaupten, dass ich das Buch "toll!" oder "schön!" fand, vielmehr hat es mich hinabgerissen in die tiefsten menschlichen Abgründe, hat mir Albträume bereitet und den Drang geweckt, mehr darüber herauszufinden, wie viel des Erzählten wahr ist oder sein könnte. Man kann diesem Buch in keinster Weise in einer solchen Rezension gerecht werden, da so viele Gedankenanstöße, detaillierte Kleinigkeiten und Themen enthalten sind, dass man es einfach selbst gelesen haben muss.Trotz etlicher brutaler und schwer verdaulicher Szenen kann ich dieses Buch also nur empfehlen. Ich glaube, es leistet einen sehr, sehr wichtigen Beitrag!