Als ich vor etwas mehr als einer Woche in den Buchladen ging und zufällig auf dieses Buch stieß, las ich kurz rein, entschied, nachdem ich das Nachwort studiert hatte, dass es ganz gut klang und hoffte, dass es nicht eines dieser Bücher sein würde, die recht vielversprechend anfingen und dann mitten in der Geschichte abfielen. Da ich dennoch nicht allzuviel erwartete, konnten meine Erwartungen eigentlich nur übertroffen werden - aber mit dem Ausmaß, in dem sie letztendlich übertroffen wurden, damit hatte ich nicht gerechnet.
Der Roman, der der erste von mehreren Teilen ist, setzt im England des Jahres 866 ein. Uhtred, ein Fürstensohn, erlebt, wie die Dänen, die zu der Zeit nach England vorstießen, seine Heimat überfallen und stürzt sich, obwohl selbst erst zehn Jahre alt, in den Kampf. Davon ist der Anführer der Dänen so beeindruckt, dass er Uhtred am Leben lässt und ihn als Ziehsohn aufnimmt. Fortan wächst er bei den Dänen auf, bis zu dem Tag, an dem er sich besinnt, dass er eigentlich ein Engländer ist ..
Uhtred ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alle Geschehnisse werde, aus seiner Sicht, in der Ich-Perspektive beschrieben. Es sind seine Gedanken und seine Erlebnisse, die er dem Leser mitteilt und zwar zu einer Zeit, zu der die Geschehnisse bereits in seiner persönlichen Vergangenheit liegen. Er erinnert sich gewissermaßen zurück. Doch was macht die Faszination des Buches aus? Vermutlich ist es die Möglichkeit, auf beide Seiten zu schauen. Üblicherweise werden - vor allem kriegerische - historische Ereignisse in historischen Romanen oft von einer Seite erzählt, die, in der Wahrnehmung des Lesers, rasch zu den "Guten" avanciert, während die andere zu den "Bösen" wird. Da Uhtred aber zunächst bei den Dänen aufwächst, bei ihnen lernt und mit ihnen ins Feld zieht, wird auch diese Seite beleuchtet, sie wirkt plastischer, menschlicher und, obwohl die Dänen von Beginn an die ausgewiesenen Feinde und Invasoren sind und es in dem Buch darum geht, sie aufzuhalten und aus England zu vertreiben, bleibt es nicht aus, dass sich trotzdem Sympathien für sie entwickeln. Man freut sich mit ihnen, man leidet mit ihnen und manche hasst man leidenschaftlich. Nachdem Uhtred zu den Engländern wechselt, erkennt man auch hier beide Seiten. Man merkt, dass "Gute" nicht nur gut und "Böse" nicht nur böse sind.
Der Erzählstil ist locker, lässt sich gut lesen und ist abwechslungsreich. Mitunter tiefsinnigen Gedanken Uhtreds folgen Beschreibungen einer Schlacht, Landschaften werden beschrieben, denen wiederum Dialoge folgen, die ihrerseits realistisch wirken, weil sie oft auch umgangssprachlich sind - wer flucht, flucht richtig und wer als steifer Charakter beschrieben wird, drückt sich auch steif aus. Es passt.
Uhtred selbst ist fiktiv, aber er trifft während seines Lebens auf viele Gestalten, die es tatsächlich gegeben hat, allen voran Alfred der Große, der englische König, der sein Land verteidigte und es einte. Uhtred beschreibt sie alle und seine Erlebnisse mit ihnen.
"Das letzte Königreich" ist ein guter historischer Roman, der sich - laut Autor - an die historischen Fakten hält, dabei aber Grauzonen nutzt, um seinen Protagonisten in die Geschichte einzuweben - so, wie es üblich ist, wenn man eine eigene, fiktive Familie eine Rolle in einem tatsächlichen historischen Geschehen spielen lassen will. Er handelt von Krieg, Angst, Hoffnung, kurzum einer blutigen Periode in der englischen Geschichte, die allerdings durch gut eingesetzte amüsante Dialoge und Gedanken hier und da aufzulockern weiß und deshalb nicht nur zum Mitfiebern, Mitleiden und Nachdenken einlädt, sondern, von Zeit zu Zeit, auch immer wieder zum Schmunzeln verführt.