Wer das Buch frisch in den Händen hält und das blutige Klappmesser sieht, wird vor allem eines erwarten: EIne blutrünstige Geschichte. Diejenigen, werden nicht enttäuscht werden. Doch schon auf den ersten Seiten werden die Lesererwartung über den Haufen geworfen. Roger Smith bedient in seinem Roman "Blutiges Erwachen" keine gängigen Klischees. Es gibt keinen abgehalfterten Polizisten auf der Jagd nach einem perversen Massenmörder.
Wir sind im Südafrika, genauer in Kapstadt. Das ehemalige, amerikanische Topmodel Roxy speist mit ihrem Mann Joe und dessen Geschäftspartner und seiner Begleitung zu Abend. Nach dem erfolgreichen Geschäft geht es nach Hause. Vor der Einfahrt wird das Paar überfallen. Joe wird erst angeschossen, bis Roxy die Gelegenheit nutzt und Joe erschießt. Dann ist da noch Billy Afrika, den alle nur Barbie nennen, der als Söldner aus dem Irak kommt und von Joe noch Geld bekommt. Und Piper, ein Dauerkrimineller, der im Knast nichts sehnlicher vermisst als seine "Frau", seinen Schoßhund und Sex-Partner.
Mit unglaublichem Tempo, markanter, manchmal grenzwertiger Sprache nimmt Smith seine Leser mit in die Welt von Kapstadt. Bewusst bleibt er dabei fern jeglicher touristischer Romantik. Viel mehr taucht er ein in eine Welt aus Drogen, Gewalt, Missgunst und Anarchie, in die dunklen Bereiche jeder Großstadt, die sich doch so gerne sauber und rein präsentieren will. Kapitel für Kapitel verwebt Smith die Geschichten der Junkies, des Highsociety-Models, des Ex.Polizisten und Jetzt-Söldners, deckt nach und nach Geheimnisse auf, bohrt in alten Wunden und lässt neue entstehen. Der Leser muss beinahe schmerzhaft jeden Weg mitgehen, eintauchen in eine fremde, ekelhafte, entmoralisierte Welt. Dabei orientiert Smith sich auch in seiner Sprache immer nah an den Charakteren, aus deren Sicht er die Dinge schildert. Trifft den Ton des Models genauso, wie den vulgären, desillusionierten Ton von Dealern, Süchtigen und Kriminellen. Alles garniert mit einer ordentlichen Portion Südafrika. Mehrfach lässt Smith seine Figuren sagen, "dass ist schließlich immer noch Afrika". Alles arbeitet sich auf ein furioses und durch und durch blutiges Ende hin, an deren Ende nur wenige überleben und noch mehr Unschuldige sterben.
Dennoch soll nicht verschwiegen werden, dass die Geschichte phasenweise allzu flach gerät. Aber Smith gelingt es mit dem enormen Tempo den Leser zu fesseln. Die vielfachen Perspektivwechsel lassen das Buch nie langweilig werden, ermöglicht dem Leser aber, alle Blickwinkel der Geschichte zu erleben. Aber die Motive der Figuren bleiben nicht immer eindeutig. Unter dem Strich ist sicher, alle Beteiligten haben den unbedingte Willen zum Glücklichwerden haben, und wenn sie dabei über Leichen gehen müssen.
Ein schonungsloses Buch, bei dem neben den Abgründen in der Geschichte, auch die Sprache manchmal in den Augen schmerzt. Nichts für zarte Gemüter, aber wer hinter der Toursitenfassade Kapsatdts die dunkle Seite sehen will, wird mit diesem Buch wohl leider ziemlich nah dran sein.