Rezension vom 18.07.2011
(5)
Rebecca ist ein ganz normales 16 jähriges Mädchen und lebt zusammen mit ihrer Mutter Janne und deren Lebensgefährtin Patrizia, genannt Spatz, in der Hamburger Innenstadt.
Während einer traditionellen Ladys Night am Mittwochabend scheint anfangs alles wie immer zu sein. Die drei Frauen entschließen sich endlich einmal den Dachboden auszumisten. Dabei kommen einige Erinnerungsstücke ans Tageslicht, sowie auch ein kleiner, weißer Bär aus Rebeccas Kindheit. Bei diesem Anblick spürt sie plötzlich einen feinen Riss, tief in ihrem Inneren, der ihr Leben komplett verändern wird. Noch in derselben Nacht träumt Rebecca von ihrem eigenen Tod, in einem ihr unbekannten Zimmer. Erschrocken über die Intensität des Traumes, bemerkt sie einen Fremden, der von draußen direkt zu ihr ins Zimmer sieht. Purer Zufall? Oder besteht zwischen beiden Gegebenheiten ein Zusammenhang?
Der fremde Junge scheint Rebecca zu verfolgen, denn er taucht immer wieder in ihrer Nähe auf, doch sie empfindet ihm gegenüber keine Angst. Es ist viel mehr eine tiefe, innere Ruhe, die sie erfüllt sobald sich der Fremde ihr nähert und dennoch schwirren ihr tausend Fragen im Kopf herum, die sie zu lösen versucht.
Lucian, wie er sich bei einem weiteren mehr oder weniger zufälligen Treffen vorstellt, hat keine Erinnerung an seine Vergangenheit und doch weiß er viele Details aus Rebeccas Leben, die er eigentlich nicht wissen kann. Sie scheint sein einziger Anhaltspunkt zu sein. Immer mehr kapselt sich Rebecca von ihrem alten Leben ab um mit Lucian zusammen zu sein.
Doch was ist mit Lucian passiert? Wer ist er? Warum weiß er so viel über Rebecca? Und warum fühlt sie sich in seiner Nähe so geborgen und vollkommen? Was für ein Geheimnis verbirgt sich wirklich hinter dem rätselhaften Lucian?
„Lucian“ ist aus der Sicht eines weiblichen Teenagers geschrieben und richtet sich auch hauptsächlich an diese Zielgruppe. Die Perspektive des Ich-Erzählers baut eine perfekte Bindung zum Leser auf, der sich mit der Situation identifizieren kann. Man steht auf demselben Wissensstand wie Rebecca und löst gemeinsam mit ihr das Rätsel um Lucian auf.
Die umgangssprachliche und alltägliche Erzählungsweise lässt sich leicht und flüssig lesen. Es wurden Gedichte und Textauszüge aus Romanen oder Liedern integriert, zum Teil auch auf Englisch, die die jeweilige Gefühlslage unterstreichen. Isabel Abedis Schreibstil finde ich persönlich sehr bildlich und emotional. Sie beschreibt ihre Charaktere und deren Umgebungen sehr genau und detailliert, sodass sie eine überzeugende Tiefe und Vielschichtigkeit bekommen. Auch die stilistischen Mittel sind sehr gelungen und passend. Die Aneinanderreihung von Worten oder Satzgruppen, als die Gedanken einer Person darzustellen und die verschiedenen Einschübe und Denkanstöße der Philosophen sind sehr authentisch.
Erst zum Ende hin laufen alle verzweigten Handlungsstränge zusammen, sodass die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhalten wird. Man gerät beim Lesen immer wieder auf falsche Fährten, die sich als eine Sackgasse entpuppen und das Geschehen nimmt unerwartet eine plötzliche Wendung, die ein Wechselbad der Gefühle auslöst.
An manchen Textstellen kommen mir persönlich die Tränen. Zum Bespiel als Janne ihre Tochter nach Los Angeles schickt oder auch das Ende, das auf den ersten Blick nicht nach einem Happy End klingt. Und doch war es, wenn man den Kontext betrachtet, das einzig Richtige. Ich hätte mir dennoch ein anderes Ende gewünscht.
Lucian ist eine große Liebesgeschichte, wie sie in meinen Augen nicht romantischer und zugleich tragischer sein könnte.
Die Personen sind keineswegs perfekt. Sie machen Fehler, die menschlich sind und Jedem im Alltag auch passieren können, was die Geschichte realistisch wirken lässt. Selbst den fantastischen Teil kann man im Zusammenhang mit den Erklärungen glauben.
Das Buch ist für mich in sich stimmig und unbedingt zu empfehlen.
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