Rezension vom 18.12.2011
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Nur wenige Jahre nach Hans Paasches Veröffentlichung seiner Briefe des Afrikaners Lukanga Mukara brachte Scheurmann 1920 seinen in der Tradition der exotischen Zivilisationskritik geschriebenen Bestseller „Der Papalagi“ heraus. Etwa 40.000 Exemplare wurden in den ersten Jahren verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es verschiedene Neuauflagen des Papalagi und billige Raubdrucke fanden ein großes Publikum. Besonders, als Mitte der 70er Jahre der Züricher Verlag Tanner + Staehelin das alleinige Publikationsrecht erlangte. Durch den Flair eines Underground-Produkts kam es zu einem regelrechten Verkaufsboom. Innerhalb weniger Jahre wurden so über eine halbe Million Exemplare vertrieben. Hauptsächlich in linken Studentenkreisen, Wohngemeinschaften und Kommunen erfreute sich dieses Buch großer Beliebtheit. Anlass zu kontroversen Diskussionen gab besonders das Vorwort des Papalagi-Buches. Scheurmann gibt darin an, über ein Jahr in der Dorfgemeinschaft des Häuptlings Tuiavii gelebt zu haben, welcher mit einer Völkerschaugruppe Europa bereist und anschließend die besagten Reden niedergeschrieben haben soll. Später habe er sie Scheurmann zur Übersetzung ins Deutsche überlassen, was jener dann zum Anlass nahm, sie ohne das Wissen Tuiaviis zu veröffentlichen. Das wäre nun nicht weiter schlimm, hätten die Leser des Buches diesen Sachverhalt nicht tatsächlich lange Jahre geglaubt. Wenngleich das Papalagi – Buch auch heute noch oftmals in der Ethnologieabteilung der Bibliotheken positioniert ist, ist doch zweifelsfrei bewiesen, dass Erich Scheurmann selbst der Autor der Tuiavii-Reden ist. Ob die „Täuschung“ nun bewusst aus verkaufsstrategischen Gründen heraus geschah, was angesichts der Versuche des Züricher Verlages, die Legende über die Echtheit aufrechtzuerhalten, möglich erscheint, oder ob sich Scheurmann lediglich eines Kunstgriffs bediente, da er nicht den Mut besaß, unter seinem Namen Zivilisationskritik zu üben, bleibt dahingestellt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass der Autor eine fiktive aber real wirkende Figur konstruieren wollte, damit die Wahrnehmung und die Kritik überzeugen. Je fremder uns das Fremde ist, desto schärfer wird unserer Blick für eigene Lebens-, Denk- und Verhaltensweisen. Das Papalagi-Buch hätte wohl nicht „funktioniert“, wenn von Anfang an bekannt gewesen wäre, man lese die Weisheiten eines Erich Scheurmann aus Höri am Bodensee.
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Das Buch an sich ist gegliedert in elf Kapitel, die sich mit unterschiedlichen Themen beschäftigen. Die Sprache mutet kindlich-naiv an und viele Dinge werden zum Teil etwas seltsam umschrieben, wenn Tuiavii scheinbar die richtigen Worte fehlen. Am Ende jeder Rede spricht der Südseehäuptling seine Untertanen und Brüder direkt an und vergleicht seine Erkenntnisse mit dem Leben auf Samoa selbst. So handelt zum Beispiel das erste Kapitel mit der Überschrift „Vom Fleischbedecken des Papalagi, von seinen vielen Lendentüchern und Matten“ von der für ihn sehr befremdlichen europäischen Kleidung und dem regelrechten Zwang des Europäers, seinen Körper zu verhüllen. Die Kultur des Tuiavii aus Tiavea wird in den Reden zum Ideal einer christlichen Lebensweise erhoben und nicht als ursprüngliche und vor allem unmissionierte Kultur dargestellt. Der Naturzustand als Gegenposition gegenüber der europäischen Zivilisation ist hier nicht gewünscht. Die Natur dient hier vielmehr als Bezugsobjekt der Wahrnehmung. Tuiavii übt Kritik am Kapitalismus, an rastloser Aktivität, Intellektualismus, dem Großstadtleben und anderen gesellschaftlichen Mängeln. Der Weg hinaus aus dieser Misere führt nur über Gott, weswegen ich die Reden als christliche und nicht als soziale Zivilisationskritik bezeichnen würde.
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Fernab von dieser doch nun eher wissenschaftlichen Betrachtungsweise hat das Buch natürlich seinen Charme. Unbestreitbar veranlasst es den Leser, das heutige Leben einmal zu überdenken. Und wenn ein Buch so etwas schafft, empfehle ich es natürlich gerne weiter.
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