"On Chesil Beach" aus der Bibliothek mitzunehmen, war eigentlich nur die zweitbeste Lösung. Aber da die deutsche Übersetzung des Romans ständig ausgeliehen ist, habe ich zugegriffen. Passte eigentlich auch ganz gut, denn ich habe mir vorgenommen, wieder mehr englischsprachige Bücher zu lesen.
Bisher habe ich alles von Ian McEwan auf Deutsch gelesen und war deshalb sehr gespannt auf den O-Ton.
"On Chesil Beach" ist irgendwie schon eine "Boy meets Girl"-Geschichte, aber IanMcEwan wäre nicht Ian McEwan, wenn er es dabei bewenden lassen würde. Seine Protagonisten sind eben nicht nur Junge und Mädchen. Beide haben sehr genaue Vorstellungen, wie sie ein eigenes und ein gemeinsames Leben führen wollen.
Es ist Anfang der 60iger Jahre. Die Verklemmtheit und Übermoral der 50iger Jahre wirft immer noch ihre Schatten und der Befreiungsschlag, der Ende der 60iger Jahre kommen wird, ist noch nicht zu erahnen.
Über viele Dinge, insbesondere über Sex, wird nicht gesprochen. Auch Florence und Edward vermeiden das Thema. In dem Jahr vor ihrer Hochzeit findet außer Küssen und oberflächlichen Berührungen nichts statt. Aber durch die vielschichtigen inneren Dialoge wird deutlich, dass beide sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Leben als Mann und Frau haben. Doch die eisernen Konventionen und mit ihnen die inneren Hemmschwellen sind unüberwindbar! Obwohl Florences´ Zweifel immer stärker werden, ihre Angst als unerfahren und dumm dazustehen läßt sie schweigen. Sie liebt Edward über alles und ist deshalb bereit, alles zu tun, um ihn glücklich zu machen.
Erst in der Hochzeitsnacht bricht die Kruste aus Schweigen, Gehorsam und gesellschaftlichen Verpflichtungen auf....
"On Chesil Beach" im Original zu lesen, war extrem anstrengend. Die vielen langen Sätze voller Adjektive (einige davon konnte ich im Übersetzungsprogramm gar nicht finden) haben mich immer wieder aus dem Leseerlebnis herausgerissen, weil ich sie nicht auf Anhieb verstehen konnte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich dem Schreibrythmus des Autors angepasst hatte und auch über unbekannte Wörter hinweg den Sinn des Geschriebenen verstehen konnte. Aber die Mühe lohnt sich. Nicht nur wegen der vielen Vokabeln, die beim Lesen gelernt habe, sondern auch wegen der behutsamen, lebensnahen und aufrichtigen Art und Weise, wie Autor die Nöte und Sehnsüchte seiner Protagonisten beschreibt. Auch wenn die Geschichte in den 60iger Jahren spielt, ist sie ohne weiteres auch auf die Gegenwart übertragbar. Irgendwann war schließlich für uns alle "das erste Mal".
Wer vor der Vokalarbeit nicht zurückschreckt, sollte "On Chesil Beach unbedingt lesen.